Aachener Zeitung, 10. Juli 2002
Dampfmaschine "schlummerte" jahrelang im Abstellraum
Überraschender Fund in früherer Tuchfabrik Hergett -
Museumspläne
Aachen. Der Fund ist eine kleine Sensation. In
einer ehemaligen Aachener Tuchfabrik ist ein kompletter alter
Maschinenraum wiederentdeckt worden. Als der Restaurator Dr. Gerd
Ludwig und Frau Margot Staerk 1993 die Gebäude der Tuchfabrik
Hergett in der Heinzenstraße kauften, befanden sich die
meisten Räumlichkeiten bereits in neuer Nutzung. Dass dabei an
verschiedenen Stellen der Gebäude Hinterlassenschaften der
1864 gegründeten Fabrik übriggeblieben waren, störte
die neuen Eigentümer wenig. Im Gegenteil: Behutsam lagerte man
das Material so um, dass es nicht im Weg lag.
Ein Glücksfall. Denn dabei blieben nicht nur alte
Unterlagen wie Musterbücher und Musterkarten erhalten, sondern
auch eine alte Schermaschine und der fast unverändert
gebliebene Maschinenraum. Letzteres ist besonders dem Umstand zu
verdanken, dass der Mieter einer benachbarten Werkstatt diesen Raum
als Abstellraum nutzte und ihn fast bis zur Decke vollpackte.
Dadurch war die alte Dampfmaschine jahrelang nicht mehr sichtbar
und blieb unberührt. Nach Auszug des Handwerkers vor drei
Wochen war selbst Dr. Ludwig überrascht über den
Erhaltungszustand von Maschine und Armaturen.
Der Denkmalpfleger Dr. Lutz-Henning Meyer sichtete den Fund
inzwischen und identifizierte die in der Mitte des Raumes stehende
Maschine als Dampfmotor aus dem Jahre 1948, der den Strom für
den Betrieb der Tuchfabrik erzeugte.
Experte hegte keinen Zweifel an der Bedeutung des Fundes
Über die Schutzwürdigkeit der Anlage als
technikgeschichtliches Monument gebe es keinen Zweifel, so Dr.
Meyer. Es gebe sogar Überlegungen, wie Maschinenraum und
andere nicht genutzte Teile der Fabrik in bereits bestehende
Pläne zur Einrichtung eines Textilindustriemuseums in Aachen
eingebunden werden können.
Seit acht Jahren, so der Vertreter des Vereins HisTech e.V.,
Jochen Buhren, bemühe sich der Verein für regionale
Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte eine Sammlung zur
Aachener Textilgeschichte aufzubauen. Dabei sei es zu zahlreichen
Schenkungen aus privater Hand und zur Übernahme von
Firmennachlässen gekommen. Häufig hätten sich die
Geber für einen Verbleib der Unterlagen in Aachen
ausgesprochen, da es in der Vergangenheit immer wieder geschehen
sei, dass heimische Relikte der Textilindustrie an Museen
außerhalb Aachens weitergegeben worden seien. Buhren wies
darauf hin, dass vieles früher einfach weggeworfen wurde,
zumal die Wertschätzung für Aachens Industriegeschichte
nicht besonders ausgeprägt sei. So sei es in den 80er Jahren
noch möglich gewesen, dass die letzte große Dampfmaschine
innerhalb des heutigen Stadtgebietes verschrottet werden.
Man habe schon seit längerer Zeit die Absicht, die
vorhandene Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu
machen. Finanzielle Unterstützung sei von privater Seite
zugesichert worden. Auch nimmt eine Ausstellung zu Aachener
Streichgarnspinnereien in einer im Umbau befindlichen
Fabrikmühle in Brand Konturen an. Das Auftauchen der
Dampfmaschine eröffne nun ganz neue Perspektiven, zumal der
Eigentümer auch Mitglied des Vereins "HisTech" ist. Jetzt gehe
es darum, in Zusammenarbeit mit anderen Industriemuseen ein Konzept
zu entwickeln.
Aachener Nachrichten, 25. Juli 2002
Fund in ehemaligert Tuchfabrik - Verein HisTech hat große
Pläne
Alte Dampfmaschine tauchte wieder auf
Aachen (ast) Ein spektakulärer
Zufallsfund bringt den Verein HisTech seinem Traum ein Stück
näher: der Errichtung eines (Textil-)Industriemuseums. In den
Innereien einer ehemaligen Tuchfabrik wurde jetzt eine alte
Dampfmaschine entdeckt.
Die "kleine Sensation" so Jochen Buhren vom Verein HisTech,
spielte sich in der Heinzenstraße ab. Dort hatten Margot
Staerk und der Restaurator Dr. Gerd Ludwig vor einigen Jahren die
Gebäude der früheren Tuchfabrik Hergett erworben, die
meisten Räume wurden zu dieser Zeit bereits anderweitig
genutzt.
Dass an verschiedenen Stellen des Baukomplexes
Hinterlassenschaften der 1864 gegründeten Fabrik übrig
geblieben waren, störte die neuen Eigentümer nicht, eher
war das Gegenteil der Fall. Behutsam wurde das Material so
umgelagert, dass es nicht im Weg lag - ein Glücksfall, denn
auf diese Weise blieben nicht nur viele Unterlagen (etwa
Musterbücher und -karten), sondern auch eine alte
Schermaschine und der komplette Maschinenraum.
Dass dieser fast unverändert blieb ist dem Mieter einer
benachbarten Werkstatt zu verdanken, der ihn alls Ablage benutze
und bis zur Decke vollpackte. Der Dampfmotor verschwand hinter dem
Pröll und blieb unberührt. Vor kurzem zog der Handwerker
aus, die Maschine tauchte wieder auf, sogar die Armaturen waren in
einem überraschend guten Zustand.
"Neue Perspektiven"
Für Denkmalpfleger Lutz-Henning Meyer, der den Fund
sichtete, steht die Schutzwürdiglkeit der Anlage, die 1948
installiert wurde, als technikgeschichtliches Monument außer
Frage. Nun gibt es Pläne, ob und wie Teile der Fabrik in alte
Überlegungen zur Errichtung eines Industriemuseums in Aachen
eingebunden werden können.
Seit etwa acht Jahren bemüht sich der Verein HisTech
(Verein für regionale Technik-, Wirtschafts- und
Sozialgeschichte) eine Sammlung zur eindrucksvollen Aachener
Textilgeschichte aufzubauen. Es gab zahlreiche Schenkungen, auch
Firmennachlässe wurden übernommen. Die meisten Spender
sprachen sich für einen Verbleib des Materials in Aachen aus,
denn in der Vergangenheit gelangten wichtige Relikte aus der
heimischen Textilindustrie an auswärtige Museen.
Früher wurde auch vieles weggeworfen, weil
Industriegeschichte keinen allzu hohen Stellenwert besaß. So
wurde noch in den 80er Jahren die letzte wirklich große
Dampfmaschine innerhalb des Stadtgebiets verschrottet.
Seit längerem plant HisTech, die vorhandene Sammlung
öffentlich zu präsentieren. Auch nimmt eine Ausstellung
über Aachener Streichgarnspinnereien in einer im Umbau
befindlichen Fabrikmühle in Brand Konturen an. Buhren: "Das
Auftauchen der Dampfmaschine eröffnet ganz neue Perspektiven",
zumal der Besitzer Vereinsmitglied sei. Es gehe nun darum, mit
anderen Industriemuseen der Region ein tragfähiges Konzept zu
erarbeiten.
Still-Dampfmotor 1948
In der früheren Aachener Tuchfabrik Hergett wurde dieser
Dampfmotor aus dem Jahre 1948 wiederentdeckt.
Maschinenraum, Wände halbhoch gefliest, zum Kesselraum war
er verglast mit seinem mittig plazierten dreizylindrischem
Dampfmotor von 1948. Fabrikat: Hans Still Motorenfabrik, Hamburg -
Meer AG 1948 Mönchengaldbach - und seinem Widder
(Pumpgerät) - auf der Wand gegenüber vom Eingang
ergänzt durch die Druckmesser von der Firma J.C. Eckardt aus
Stuttgart Bad-Canstatt und Elektromessgeräten von der Firma
Cafor Emag, die für die Verteilung des erzeugten Stroms in die
Zwirnerei, die Weberei und die Appretur notwendig waren. Die
elektrischen Geräte der Übergabestelle des Betriebssstrom
ans Stadtnetz wurde von der Firma Schnellregler GmbH,
Düsseldorf hergestellt. Gegenüber der Fensterfront
befindet sich die Regleranlage mit der Dampfpumpe aus 1952 von den
Atlas Werken aus Bremen. Die Wartungsgrube ist mit Eisenplatten
abgedeckt.