Historische Darstellung des Werksgeländes der heutigen ESW Röhrenwerke GmbH in Eschweiler-Aue.
ESW Röhrenwerke
Die Firma ESW Röhrenwerke GmbH in Eschweiler ist als einziger größerer Betrieb im Bereich der Eisen- und Stahlindustrie in dem einstmals von Schwerindustrie geprägten Indetal zwischen Stolberg und Eschweiler übrig geblieben.
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16. Januar 2001
Am Standort des heutigen Unternehmens existierte bereits Mitte
des 19. Jahrhunderts die Maschinenfabrik ´Englerth, Reuleaux
& Dobbs`. Dieses 1818/19 auf der östlichen Seite der Inde
gegründete Unternehmen gilt als eines der ältesten
deutschen Werke für die Herstellung von Dampfmaschinen,
Getriebeteilen, Gebläsemaschinen, Dampfhämmern,
Transmissionen, Pumpenwerke und Fördermaschinen, also einer
weit gefächerten Auswahl an Produkten für die zu diesem
Zeitpunkt im Aufbruch befindliche Industrie.
Einer der Gründer, Karl Englerth, ein Sohn der im Bergbau
engagierten Christine Englerth, war gleichzeitig Mitbegründer
einer Eisengießerei mit angeschlossenem Walzwerk.
Um 1830 firmierte das Unternehmen als ´Jos. Reuleaux &
Cie.` und wurde 1847 von H. Graeser, dem früheren Leiter des
Eschweiler-Bergwerks-Vereins (EBV), übernommen. Im gleichen
Jahr verlegte man das Werk auf das westliche Indeufer, an der
Stelle der heutigen ESW–Röhrenwerke. 1856 wurde den
Werksanlagen eine Eisengießerei hinzugefügt. 1872
übernahm die nur wenige hundert Meter entfernt liegende Firma
´Englerth & Cünzer` das Unternehmen. ´Englerth
& Cünzer` war ein kombiniertes Eisenguß-, Puddel- und
Walzwerk, das seine Entstehung dem wachsenden Bedarf an
hochwertigen Eisenprodukten verdankte, nicht zuletzt aufgrund der
im Zuge des Eisenbahnbaus steigenden Nachfrage an Schienen und
Blechen. Zu der Firmengruppe ´Englerth & Cünzer`
gehörte daher seit 1873 auch ein Werk zu Herstellung von
Rädern, Lokomotiv- und Wagenachsen, Radreifen und
Eisenbahnwagen, sowie eine Dampfhammerschmiede und eine
Fertigungsstätte für Brückenkonstruktionen.
1899 wurde ´Englerth & Cünzer` wieder aufgeteilt; das
Werk am westlichen Indeufer wurde der neugegründeten
´Eschweiler Maschinenbau Aktiengesellschaft` übertragen,
die sich 1906 mit der Firma ´Koch und Wellenstein` (Ratingen)
zur ´Eschweiler-Ratinger Maschinenbauaktiengesellschaft`
(ERMAG) zusammenschloß.
Als 1914 ein Großauftrag - ein komplettes Rohrwalzwerk für Schweden - aufgrund des Ausfuhrstopps nach Kriegsbeginn nicht zustande kam, begann man selbst mit der Fertigung von Rohren. Der Verkauf dieser Rohre war so erfolgreich, daß der Betrieb 1917 vollständig auf die Fabrikation von nahtlosen Stahlrohren umgestellt wurde. Zur Eigenversorgung mit Stahl baute man 1917 und 1919 zwei Siemens-Martin–Öfen, die bis zur Errichtung des Elektrostahlwerkes in Betrieb blieben.
1924 wurde das Röhrenwerk vom EBV übernommen und
seiner Hüttenabteilung als Werk ´Ermag` eingegliedert.
Mit der Roheisenproduktion in den zwei Hochöfen der
Concordia-Hütte am nahegelegenen Ichenberg, einem Puddelwerk
mit Walzwerk (in Eschweiler-Pümpchen), einem Stahlbau–
Betrieb (in Eschweiler-Hasselt), welcher Hallenkonstruktionen,
Fördertürme und Koksofenmaschinen herstellte, und dem
Werk (Ermag) konnte der EBV eine große Auswahl an Produkten im
Eisen- und Stahlsektor anbieten.
Nach 1945 mußten zunächst die zahlreichen
Kriegsschäden in den EBV-Werken behoben werden. Da jedoch ein
großer Teil der Anlagen veraltet war, wurden sie nach und nach
modernisiert. Man hatte erkannt, daß die Hüttenbetriebe
bei ihrer bescheidenen Größe angesichts der Konkurrenz
von deutschen und europäischen Großbetrieben nur geringe
Überlebenschancen hatten. Daher wollte man sich in Zukunft
mehr auf Qualitäts- und Edelstähle konzentrieren. 1956
waren in allen Abteilungen der Hüttenbetriebe 2500 Mitarbeiter
beschäftigt, die höchste Beschäftigtenzahl in der
Geschichte des EBV.
Im Zuge der Modernisierungsmaßnahmen wurden im
Röhrenwerk die überalterten Pilgerstraßen 1953 und
1958 durch zwei neue ersetzt; ´Pilgerstraßen` bezeichnen
jene Walzanlagen, in denen wie bei der Echternacher
Springprozession (drei Schritte vor, zwei zurück) die zuvor
unter hohen Temperaturen gewalzten Hohlblöcke durch
wechselndes Vor- und Zurückschieben über einen Dorn zu
nahtlosen Stahlrohren großer Länge gestreckt
wurden.
Das Ausgangsmaterial für die Herstellung der Rohre, runde
Stahlknüppel, wurde ab 1957 in dem neu errichteten EBV-
Elektrostahlwerk auf dem Gelände der einstigen
Concordia-Hütte geschmolzen. Erwähnenswert ist, daß
der in den Elektro-Lichtbogenöfen geschmolzene Stahl nur bis
1964 in Kokillen gegossen wurde und danach in einer
Kreisbogenstranggießanlage zu viereckigen und runden
Strängen gegossen wurde – die weltweit erste Anlage
dieser Art.
Absatzeinbrüche, Preisverfall und die Auswirkungen der
Stahlkrise setzten auch die EBV-Hüttenbetriebe unter Druck.
Trotz Stillegung der Schraubenproduktion (im Werk Aue) und der
Stahlbauabteilung geriet man mehr und mehr in die Verlustzone. Neue
Verfahren sollten die Hüttenbetriebe in die Gewinnzone
zurückführen. Neben Modernisierungsmaßnahmen im
Stahlwerk und im Werk Aue war es vor allem die im Röhrenwerk
neu eingeführte Technik eines
Drei-Walzen-Planetenschrägwalzwerkes (PSW), auf die man
große Hoffnungen setzte.
Mit der Hochumformungstechnik des PSW-Verfahrens war es erstmals
möglich, dünn- und dickwandige Nahtlosrohre in breitem
Abmessungsbereich und in großen Längen in einer Hitze
– also ohne jegliche Zwischenerwärmung – zu
erzeugen. Das bis dahin in der Rohrproduktion noch nicht angewandte
Verfahren lief versuchsweise zwischen 1976 und 1978 als Projekt an
und wurde vom Bundesministerium für Forschung und Technik
finanziell unterstützt.
Kurz nach Einführung des PSW-Verfahrens übertrug der EBV
die Hüttenbetriebe 1984 an die Maxhütte
(Sulzbach-Rosenberg), eine Tochtergesellschaft der
´Klöckner-Werke AG`, übernahm gleichzeitig 15% der
Anteile an der Maxhütte und sicherte sich mit dem neuen
Partner einen Abnehmer für den EBV- Hochofenkoks aus Alsdorf
(jährlich 500.000 Tonnen). Auf der anderen Seite hatte
Klöckner großes Interesse an den Eschweiler Werken.
Klöckner hatte mehr Blech gewalzt, als die Europäische
Union dem Konzern zugestanden hatte. Um einer hohen
Konventionalstrafe zu entgehen, mußte Klöckner
Kapazitäten stillegen. Dies geschah mit der Schließung
des Walzwerkes Aue. Daneben wurde ein gewisser Erlös beim
Verkauf der Walzanlagen an China erzielt. Auch erhielt man 2 Jahre
später bei der Schließung des Elektrostahlwerkes eine
Prämie.
1987 traf die Nachricht vom Konkurs der Maxhütte die
Mitarbeiter des Röhrenwerkes gänzlich unerwartet. Um
nicht im Strudel des Niederganges unterzugehen, bildeten Herr
Lenzen, der damalige Leiter des Werkes, Herr Dr. Woldt, Gutachter
beim Land, Herr Hintzen, Spediteur des Röhrenwerkes, und Herr
Wagner, damaliger Bürgermeister der Stadt Eschweiler und
vormaliger Betriebsvorsitzender in den EBV-Hüttenbetrieben,
eine GmbH, der das Werk vom Sequestor überschrieben wurde.
Entscheidend waren finanzielle Hilfen seitens der Landesregierung
in Form einer Landesbürgschaft. Dies war nötig, um aus
der PSW-Versuchsanlage im Verbund mit den älteren Komponenten
des Betriebes eine reibungslos funktionierende, modernisierte
Produktionsanlage zu schaffen. Mit der Neugründung erfolgte
die Umbenennung in ´ESW Röhrenwerk GmbH`.
1989 waren die Modernisierungen und Umbauten abgeschlossen –
25 Millionen DM waren investiert worden. Seither ist es
möglich die erhitzten Stahlblöcke in einer Folge von vier
Umformungsschritten – Lochen, Strecken, Reduzieren und
Maßwalzen – in einer Hitze zu Rohren umzuformen. Dies
hat den großen Vorteil, daß man bei der Herstellung von
Rohren flexibler ist: Ein breites Spektrum von Rohren kann je nach
Bedarf in kleineren oder größeren Losgrößen
angeboten werden. Auch bereitet eine rasche Umstellung der
Maschinen keine Probleme mehr. 2001 stellten 317 Mitarbeiter 72.000
Tonnen Rohre her.
Ein Blick auf die letzten Jahre läßt neue
Herausforderungen erkennen. Die Konkurrenz, z.B. Mannesmann,
schläft nicht. Die Energiepreise sind gestiegen, die Preise
auf dem Stahlmarkt hingegen sinken. In solchen Zeiten können
größere Unternehmen wesentlich leichter längere
Durststrecken überwinden. Hinzu kommt, daß in den letzten
vier Jahren nur wenige Investitionen getätigt werden konnten.
Daher ist man in Eschweiler dabei, neue Konzepte umzusetzen.
Zunächst ging man dazu über, die Produkte in anderer Form
und in direktem Kontakt zum Endverbraucher auf den Markt zu
bringen. Auch sollte der Kunde eine intensivere Betreuung erfahren.
Schließlich wurde eine Optimierung innerbetrieblicher
Abläufe angestrebt, um Störzeiten zu verkürzen und
Fehler frühzeitig zu erkennen. Durch Erreichen dieser Ziele
hoffte man eine beträchtliche Senkung der Kosten
herbeiführen zu können. Daneben wurden Projektgruppen
gebildet und Schichtgespräche durchgeführt –
Maßnahmen, die die Mitarbeiter zu einer dauerhaften
Weiterbildung anregen sollen, um damit eine erhöhte
Qualifizierung der Belegschaft zu erreichen. Man möchte sie
befähigen, ihre Aufgaben verantwortungsbewußter
auszuüben, damit sie flexibler eingesetzt werden können,
bzw. einen größeren Handlungs- und Entscheidungsspielraum
erhalten.
Bei der Planung und Umsetzung dieser innerbetrieblichen
Maßnahmen griff die Geschäftsführung der
ESW-Röhrenwerke zwischen 1998 und 1999 auf ein Projekt des
Landes NRW und der EU zurück – ´ regio R.U.N.` -,
das um präventive Arbeitsmarktpolitik bemüht ist. So
sollen bereits Beschäftigte gefördert werden, um
qualifizierter tätig zu sein. Bei Durchführung des
Projekts half das Aachener Beratungsunternehmen ´M, A & T`
(Mensch, Arbeit und Technik). Diese Maßnahmen haben bereits zu
einigen Erfolgen geführt: So konnten die Hilfs-, Betriebs-
Verpackungs- und Werkzeugkostenkosten von 82,54 DM pro Tonne auf
63,77 DM reduziert werden, was einer Einsparung von 1,3 Mio. DM
entspricht. Durch ein Umweltmanagementsystem ließ sich eine
weitere Senkung der Kosten um 100.000 DM herbeiführen.
Erfreulich ist, daß im Zuge dieses Projektes eine
Erhöhung des Betriebspersonals von 297 auf 320 Mitarbeiter
möglich wurde.
Bei der Betriebsbesichtigung hatten wir Gelegenheit,
zunächst die Blockvorbereitung und Dreherei zu besichtigen,
die seit dem Ende der EBV- Abteilung ´Stahlbau` (Ortsteil
Hasselt) in deren Hallen untergebracht sind. In diesem Werksteil
werden Walzen für Walzgerüste vorbereitet, sowie
Stahlblöcke unterschiedlicher Qualität in Längen bis
zu 2m und einem Durchmesser von 270 oder 310 mm zugeschnitten.
Anschließend verfolgten wir im Hauptwerk den Vorgang der
Rohrfertigung.
Zu Beginn der Rohrfertigung werden die bis zu 2m langen runden
Stahlblöcke in einem Drehherdofen auf Walztemperatur erhitzt.
Im Auslaufrohrgang wird die Oberfläche der nun glühenden
Blöcke für die anschließende erste Warmumformstufe
gesäubert. Dann formt ein Lochwalzwerk einen Hohlraum in die
Blöcke. Diese werden ausgeblasen und automatisch zur zweiten
Umformstufe - dem Drei-Walzen-Planetenschrägwalzwerk (PSW)
– transportiert. Drei um 120° versetzten Walzen strecken
den Hohlblock zusammen mit einer Dornstange zu einem Rohr.
Während jede Walze um ihre eigene Achse rotiert, umlaufen
gleichzeitig alle drei Walzen wie Planeten den Hohlblock. Dieser
wird dabei so gestreckt, daß er in einem direkt dahinter
befindlichen Reduzier- und Maßwalzwerk - der dritten
Umformstufe – zu fertigen Rohren ausgewalzt werden kann. Der
Außendurchmesser und die Wanddicke der Rohre werden laufend
geprüft, so daß der Walzprozeß millimetergenau
vonstatten geht. Die anschließenden Einrichtungen dienen der
langsamen Kühlung, dem Richten und Zurechtsägen der
Rohre, dem Entgraten, Anfasen, Wiegen und Messen. Schließlich
werden die Rohre auftragsgemäß gebündelt ins
Versandlager transportiert.
Bericht: Jochen Buhren, Harald Ritter

© ESW Röhrenwerke GmbH, Eschweiler
Siehe auch: Die ESW Röhrenwerke in Eschweiler, von Jochen Buhren.

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