Die Aachener Frühindustrialisierung:
Belgisch-deutscher Technologietransfer 1815-1860
von Silke Fengler und Stefan Krebs
Bei dem hier vorliegenden Beitrag handelt es sich um das Manuskript zu einem Vortrag, den die beiden Autoren unter gleichem Titel anlässlich der Sommeruniversität des Romanistischen Institutes der RWTH Aachen zum Thema „Belgien im Querschnitt“ (Aachen, 31.8.2005) gehalten haben. Der Vortrag versteht sich als einführende Überblicksdarstellung. Der Fußnotenapparat gibt Hinweise auf weiterführende Literatur, ohne die laufende Forschungsdiskussion zum Thema vollständig abzubilden.
Auch im Zeitalter der Globalisierung bleibt wirtschaftliches Handeln oftmals lokal und regional verwurzelt. Wenngleich viele Unternehmen heute auf weltweiten Märkten präsent sind, zeigt die anhaltende Standortdebatte in Deutschland, wie sehr sich die jeweils vor Ort herrschenden Produktionsbedingungen auf den unternehmerischen Erfolg auswirken. Unternehmen entstehen genau dort, wo diese Bedingungen möglichst optimal sind, und sie generieren in den jeweiligen Regionen Wachstums- und Wohlstandseffekte. Die rasante Entwicklung einer boomenden Wirtschaftsregion und das Zurückfallen bzw. sogar die Deindustrialisierung einer anderen wirft die Frage nach den Ursachen dieser räumlichen Wachstumsunterschiede auf.
Vorüberlegungen
Aachens Wirtschaftsgeschichte zeigt deutlich, wie günstige institutionelle Rahmenbedingungen, bereits vorhandenes unternehmerisches Kapital und Potenzial und eine bedeutende Nachfrage im Beginn des 19. Jahrhunderts gute Voraussetzungen für unternehmerisches Handeln und Wirtschaftswachstum boten. Im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland, aber auch zum europäischen Ausland, nahm Aachen im Prozess der Industrialisierung eine Vorreiterrolle ein. Anders als etwa die „klassischen“ Industrieregionen des Ruhrgebiets oder Sachsens kam in Aachen ein weiterer Faktor hinzu, der die wirtschaftliche und technologische Entwicklung dieser Region am Beginn der Industrialisierung nachhaltig prägen sollte: der umfangreiche Transfer von Kapital und technischem Know-how durch belgische Unternehmer aus dem wallonischen Grenzgebiet. Die belgische Grenzregion fungierte dabei gleichsam als Keimzelle für den Transfer englischer und belgischer Technologie, der eine weitreichende technisch-wirtschaftliche Umgestaltung des traditionsreichen Aachener Gewerbes zur Folge hatte.
Obwohl die erste atmosphärische Dampfmaschine von Newcomen bereits 1794 im Inderevier in Betrieb genommen wurde, fand der eigentliche industrielle Durchbruch im Aachener Raum erst seit den 1820er Jahren statt. So bedeutend der belgische Einfluss in der frühen Zeit auch war – er konnte die in den späten 1850er Jahren einsetzende Abwanderung von Kapital und Know-how in das zukunftsträchtigere Ruhrgebiet nicht verhindern.
Unser Vortrag fragt danach, wie sich der Technologietransfer im
Untersuchungszeitraum im Einzelnen vollzog, welche Wege er nahm,
wer die wichtigsten Akteure waren und welchen Einfluss er auf die
Aachener Industrialisierung hatte.
Bevor wir uns im Folgenden dem belgischen Einfluss auf die Aachener
Industrialisierung in der Zeit von 1815 bis 1860 zuwenden,
möchten wir zunächst einige grundlegende Begriffe
einführen, die den eben skizzierten Entwicklungsprozess
beschreiben. Dabei werden wir auf den wirtschaftshistorischen
Hintergrund der Industrialisierung bzw. das Modell der regionalen
Industrialisierung eingehen. Daran anschließend stellen wir
zwei theoretische Ansätze des Technologietransfers vor, die
als Erklärungsmodell für die Aachener Entwicklungen
dienen sollen. Um die beiden ausgewählten Fallbeispiele des
belgisch-deutschen Technologietransfers in einen größeren
historischen Zusammenhang zu stellen, werden wir die
wirtschaftliche und politische Ausgangslage, wie sie sich zum Ende
der Französischen Zeit in Aachen um 1815 darbot und die
industriellen Verhältnisse im Geberland Belgien oder genauer
in Wallonien, kurz skizzieren.
Geht man von einem einfachen volkswirtschaftlichen Drei-Sektoren-Modell des Wirtschaftsgefüges aus, also Landwirtschaft, Gewerbe bzw. Industrie und Dienstleistungen, so beschreibt der Begriff Industrialisierung einen langfristigen Prozess, bei dem der Anteil der Gewerbeproduktion an der gesamten volkswirtschaftlichen Produktion überproportional wächst. Dieser langfristige Strukturwandel war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erstmals in England zu beobachten. Neben quantitativen Effekten, wie Beschäftigtenzahl und Wertschöpfung des industriellen Sektors, wird der Industrialisierungsprozess gleichfalls durch qualitative Veränderungen bestimmt. Dazu gehört zum einen die zunehmende Mechanisierung und Maschinisierung der Produktion, also die Einführung neuer Technik. Zum anderen geht die neue Fertigungsweise mit einer veränderten Betriebsorganisation, nämlich der Fabrik, einher. Für diese beiden Neuerungen steht sinnbildlich die Dampfmaschine. Fließen in ihr doch die Maschinisierung und die Zentralisierung der Produktion zusammen. Wenn wir uns im Folgenden der Einführung neuer Technik während der Aachener Frühindustrialisierung widmen, sollte darüber nicht vergessen werden, dass es sich lediglich um einen zwar notwendigen, aber nicht hinreichenden Teilaspekt der Industrialisierung handelt. Diese stellte auch im Aachener Raum einen äußerst komplexen technischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungsprozess dar.1) Nicht nur Wirtschaft und Technik waren davon betroffen, sondern die gesamte Struktur der Gesellschaft, also etwa die Siedlungsform, die sozialen Beziehungen in der Arbeit, im Lebensstil und im politischen System.
In der Wirtschaftsgeschichte ist es heute unbestritten, dass
sich im 19. Jahrhundert nicht Nationalstaaten, sondern Regionen
industrialisierten. Noch bis in die 1960er Jahre versuchten
Wirtschaftshistoriker gleichwohl auf nationalstaatlicher Ebene
Daten zu aggregieren und auszuwerten.2) Dieser
makroökonomische Ansatz verstellt jedoch den Blick auf die
ganz unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung einzelner
Regionen im Verlauf der Industrialisierung. Sie erstreckte sich
nicht auf alle Regionen eines Nationalstaates bzw. erfasste diese
nicht gleich intensiv und in vergleichbarer Weise. Der industrielle
Entwicklungsprozess setzte sich nie flächendeckend in einem
Staat durch; vielmehr konzentrierte sich die Industrialisierung
immer auf wenige kleine Wachstumsinseln.3) In
Deutschland waren dies neben dem Aachener Raum beispielsweise das
Bergische Land, Teile Oberschlesiens, Sachsen oder die
Saarregion.
Auch machte der Prozess der Industrialisierung nicht Halt vor
politischen Grenzen. Im Gegenteil: einige Grenzregionen
industrialisierten sich besonders schnell, während die
Entwicklung andernorts langsamer verlief bzw. diese noch gar nicht
berührte. Für die Aachener Region kamen entscheidende
wirtschaftliche und technologische Impulse aus dem bereits
stärker industrialisierten Lütticher Raum. So wirkten die
Entwicklungsunterschiede zwischen Aachen und Lüttich im Sinne
von Alexander Gerschenkrons Konzept der relativen
Rückständigkeit als Motor der Aachener
Frühindustrialisierung.4) Lüttich diente den
Aachenern als „Maß“ bzw. „Modell“ der
Industrialisierung, dem es nachzueifern galt. Der Grund für
den Entwicklungsabstand zwischen den beiden benachbarten Regionen
lag u.a. in den unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen
Vorbedingungen. Es wäre wohl treffender vom
Lüttich-Aachener Technologietransfer zu sprechen, als vom
belgisch-deutschen. Wie noch zu zeigen sein wird, macht es erst
dann Sinn, vom belgisch-deutschen Technologietransfer zu sprechen,
wenn man Aachen als Einfallstor für englische und belgische
Technologie versteht, die im zeitlichen Verlauf in andere deutsche
Regionen diffundierte. Das heißt, dass Aachen eine wichtige
Station für den Transfer moderner Technik in das Ruhrgebiet
war.5)
Die Aachener Region im Sinne unseres Untersuchungsraumes umfasst
das Gebiet zwischen Jülich, Düren, Stolberg, Monschau und
Eupen, wobei der Schwerpunkt unserer Betrachtung auf der
Entwicklung in Aachen, Eschweiler und Düren liegt.
Modelle des Technologietransfers
Wenden wir uns nun dem Aspekt des Technologietransfers zu.
Bleibt man in dem oben angesprochenen Modell von Gerschenkron, dann
bietet der Transfer von industrieller Technologie weniger
entwickelten Regionen bzw. auch Nationen die Möglichkeit, um
zu technologisch und wirtschaftlich fortgeschritteneren
Ländern aufzuschließen. Diese Aufholjagd erfolgte im
Aachener Raum auf ganz unterschiedliche Art und Weise: im Weg des
Importes von Maschinen und Halbfabrikaten, der Anwerbung von
qualifizierten Arbeitskräften, Wissenschaftlern, Technikern
und Handwerkern, dem Erwerb von technischen Zeichnungen, Modellen
und Lizenzen bis hin zur Industriespionage. Im Vergleich zu anderen
frühindustrialisierten Regionen des Deutschen Reiches war
für Aachen das direkte unternehmerische Engagement
wallonischer Industriepioniere bzw. die Investitionen belgischen
Kapitals in die Neugründung oder Erweiterung hiesiger
industrieller Produktionsanlagen besonders typisch. Hinzu kam als
entscheidender Faktor die unterstützende Aktivität des
Staates, etwa in Form von Infrastrukturprojekten, Subventionen oder
der Bereitstellung eines technischen Ausbildungssystems.
Ein Problem des – von Gerschenkron gemeinsam mit dem
Sozialwissenschaftler Thorstein Veblen entwickelten – Modells
liegt in dessen normativen Charakter: der Ansatz impliziert, dass
eine bestimmte Richtung der technologisch-wirtschaftlichen
Entwicklung als höherwertig erachtet und zur Norm erhoben
wird. Die demnach weniger entwickelten Regionen oder Staaten
müssen sich an dieser Norm orientieren und sie zu erreichen
suchen. Verschiedene empirische Untersuchungen zum
Technologietransfer zwischen Großbritannien und dem Kontinent
zeigen, dass dieser von den weniger entwickelten Staaten ausgehend
auch in umgekehrter Richtung verlaufen ist. Weiter zeigen diese
Untersuchungen, dass die kreative Anpassung moderner Technik an die
Gegebenheiten auf dem Kontinent teilweise den Ausgangsstand der
britischen Technologie übertraf. Die Vorstellung eines
eindimensionalen, deterministischen Prozesses greift daher zu kurz.
Zudem schwingt in der Idee der Unterentwicklung eine
unausgesprochene sozialdarwinistische Denkweise mit, die dem
Empfängerland eine passive, minderwertige Rolle
zuweist.6)
Ausgehend von diesem catching-up-Ansatz entwickelten die beiden
Wirtschaftshistoriker Ruttan und Hayami auf der Basis von
Entwicklungen im Agrarsektor ein Modell zeitlich aufeinander
folgender Schritte des Technologietransfers. Sie unterscheiden
insgesamt drei Stufen: den „material transfer“, den
„design transfer“ und schließlich den
„capacity transfer“. In der ersten Phase erfolgt der
Import von Maschinen, Geräten und technischen Verfahren, in
der zweiten Phase folgt die Übertragung von
Konstruktionsunterlagen und technischen Publikationen und in der
letzten Phase der Transfer von technischem Wissen und Fertigkeiten,
also dem Know-how-Transfer. Wesentlich für die dritte Phase
ist die Vermittlung von technischem Wissen durch ausländische
Ingenieure und Fachkräfte. Mit Hilfe dieser Experten versucht
das Empfängerland, die ausländische Technologie den
jeweiligen lokalen Verhältnissen anzupassen, diese also zu
adaptieren.7)
Ein Problem des Ruttan-Hayami-Modells ist die Annahme, dass es
voneinander abgrenzbare Etappen des Technologietransfers gibt.
Dabei wird übersehen, dass sich dieser Prozess meist
kontinuierlich vollzieht und die einzelnen Stufen sich
vielfältig überlagern und miteinander verbunden sind. So
ist bereits der einfache Import von Maschinen an die Anwesenheit
entsprechend ausgebildeter ausländischer Fachkräfte
gebunden, da nur sie das technische Wissen besitzen, um diese
Maschinen zu betreiben. Trotz dieser Einschränkung liegt die
Stärke des Modells in der Betonung des personalen Elements des
Technologietransfers.8)
Ausgehend von diesen Vorüberlegungen soll im Folgenden der
Lüttich-Aachener Technologietransfer für zwei
ausgewählte Industriezweige dargestellt werden, nämlich
das Eisengewerbe und den eng mit dem Aachener Textilgewerbe
verflochtenen Maschinenbau. Diese exemplarische Auswahl
gründet zum einen darin, dass in diesen Industriezweigen der
belgische Einfluss besonders stark war. So produzierten sie
wesentlich mit belgischer Verfahrenstechnik und belgischen
Fachkräften. Zum anderen handelt es sich bei den genannten
Branchen um sogenannte industrielle Führungssektoren, die
über vielfältige Vorwärts- und
Rückkopplungseffekte das industrielle Wachstum anderer
Branchen stimulierten.9)
Wallonien als Vorreiter der kontinentalen Industrialisierung
Wallonien gilt gemeinhin als eine der ersten Regionen des
Kontinents, die England auf dem Weg der Industrialisierung
nachfolgten. Bereits zwischen 1720 und 1800 importierten
wallonische Frühindustrielle die ersten Textil- und
Dampfmaschinen aus England. Die nachhaltige Industrialisierung
begann in Belgien unter dem Schutz der napoleonischen
Kontinentalsperre. In dieser Phase kam es zu eigenständigen
technischen Entwicklungen, die einen ersten Versuch darstellten,
sich vom englischen Vorbild zu lösen. Bereits zwischen 1815
und 1850 erreichte die belgische Industrialisierung ihren
Höhepunkt. Am Beispiel des Industriepioniers William Cockerill
bzw. dessen Nachkommen und ihres unternehmerischen Engagements in
den Bereichen der Eisenerzeugung und des Maschinenbaues soll die
herausragende Bedeutung und der Vorbildcharakter der wallonischen
Industrie aufgezeigt werden.10)
William Cockerill wurde 1757 in England geboren. Er arbeitete
zunächst im englischen Haslington als Mechaniker in der
Herstellung von Spinnmaschinen. Nach einigen Zwischenstationen kam
er 1799 ins belgische Verviers, wo er zunächst für die
beiden örtlichen Textilfabriken Simonis und Biolley Spinn- und
Kämm-Maschinen nach englischem Vorbild baute. Ab 1807
übersiedelte er nach Lüttich, wo er seine eigene
Textilmaschinen-Werkstatt errichtete. Schon nach kurzer Zeit musste
er mit seiner Firma in ein größeres Gebäude umziehen
und avancierte zum wichtigsten und größten Anbieter von
Textilmaschinen in Wallonien. 1813 übernahm sein jüngster
Sohn John anlässlich der Einheirat seiner Brüder in
bedeutende Aachener und Monschauer Tuchdynastien das Lütticher
Geschäft.
Zum Motor der gesamten Frühindustrialisierung im
wallonisch-deutschen Grenzgebiet erwuchs die 1817 mit dem Erwerb
des Schlosses Seraing an der Maas begründete Eisenhütte
mit angeschlossener Maschinenbauanstalt. Hier fertigte Cockerill ab
1818 unter anderem Dampfmaschinen und hydraulische Pressen nach
englischem Vorbild, deren Qualität das Unternehmen mit dem Bau
eigener Maschinen schnell erreichte, so dass es ab 1820 mit den
englischen Anbietern konkurrieren konnte. Ab 1825 war die
Überlegenheit Cockerills in diesem Bereich erdrückend und
ermutigte andere belgische Hersteller, ebenfalls den Bau von
Dampfmaschinen aufzunehmen.
Mit beträchtlichen finanziellen Zuschüssen des
niederländischen Königs Wilhelm I. entwickelte sich
die Eisenhütte in Seraing durch die Übernahme der
englischen Verfahrensinnovation in der Eisen- und Stahlherstellung
zur modernsten ihrer Art in Wallonien. So wurde 1820 das auf der
Verwendung von Steinkohle beruhende Puddelverfahren erfolgreich
eingeführt. Das Verfahren war 1766 zuerst von Henry Cort in
England entwickelt worden. Beim Puddelverfahren wird Roheisen durch
Verbrennung von Steinkohle bis nahe an den Schmelzpunkt erhitzt.
Durch Rühren tritt das Roheisen in Kontakt mit dem
Kohlenmonoxid der Verbrennungsgase, wodurch eine definierte
Entkohlung einsetzt. Der so gewonnene Schweißstahl hat einen
Kohlenstoffgehalt von unter zwei Prozent, wodurch er schmied- und
walzbar wird.
1821 nahm Cockerill mithilfe englischer Techniker die Herstellung
von Roheisen im Kokshochofen auf. Dieses Verfahren war bereits Ende
der 1730er Jahre durch Abraham Darby in England zur Anwendungsreife
entwickelt worden. Trotz der Unterstützung englischer
Fachkräfte vergingen annähernd fünf Jahre bis
zufriedenstellende Ergebnisse erzielt wurden. Mit der erfolgreichen
Aufnahme der Roheisenproduktion entstand eines der ersten modernen,
vollintegrierten Hüttenwerke auf dem Kontinent. Seine
herausragende Bedeutung erhielt dieses Werk nicht zuletzt dadurch,
dass es zum Idealtyp und Modell für die wallonischen
Schwerindustriellen wurde. Diese sollten gemäß einer an
das königliche Darlehen geknüpften Bedingung jederzeit
freien Zutritt zum Werk haben, um die neuen Einrichtungen und
Verfahrensfortschritte in der Fabrik studieren zu können. Der
Modellcharakter reichte in der Folgezeit auch über die Grenze
hinaus und sollte die Aachener Entwicklung nachhaltig
beeinflussen.11) So war nach einer zeitgenössischen
Aussage der Besuch in Seraing für jeden „gebildeten
Reisenden“, der nach Lüttich kam, eine
Selbstverständlichkeit.12)
Aachen am Vorabend der Industrialisierung
Schon lange vor Beginn der Industrialisierung gab es im Aachener
Raum eine blühende Gewerbelandschaft. Begünstigt durch
lokale Standortfaktoren wie Erzlager, Steinkohlevorkommen, Holz und
Wasserkraft gab es bereits im 13. Jahrhundert Eisenverhüttung
und -verarbeitung in der Eifel, mit einer Verlagerung der
Produktion in den Aachen-Dürener Raum im 17. Jahrhundert.
Zudem war Aachen die bedeutendste Tuchstadt des Mittelalters. Hier
erfolgte insbesondere die Verarbeitung von Wolle aus der Eifel.
Wichtig war auch die örtliche Messing- und Zinkgewinnung,
wobei sich das Zentrum der europäischen Messingproduktion um
1600 von Dinant nach Aachen und Stolberg verlagerte. Weitere
wichtige Gewerbezweige waren die Kratzen- und die Nadelproduktion,
die wie das Textilgewerbe im Verlagssystem organisiert
waren.13) Im Sinne des nicht unumstrittenen Modells der
Protoindustrialisierung können in der frühneuzeitlichen
Entwicklung des Aachener Gewerbes wohl die Vorbedingungen für
die regionale Frühindustrialisierung im Aachener Raum gesehen
werden.14)
Die ohnehin günstigen Bedingungen gewannen in der
Französischen Zeit zwischen 1794 und 1814/15 eine
zusätzliche Dynamik, welche den Boden für den in den
1820er Jahren einsetzenden Industrialisierungsschub bereitete.
Wesentliche Faktoren hierbei waren die staatlich vorgegebenen
Rahmenbedingungen: Einführung der Gewerbefreiheit 1798 und die
damit einhergehende Auflösung der Zünfte, die
Gründung von Handelskammern, der ungehinderte – also
zollfreie – Zugang zum großen französischen Markt
und die Abschottung gegen die englische Konkurrenz durch die
Kontinentalsperre. Dem starken Aachener Wolltuchgewerbe kamen diese
Veränderungen besonders zugute. Darüber hinaus fielen in
diese Zeit die Anfänge des Technologietransfers aus dem
Lütticher Raum. Aachener und Monschauer Textilfabrikanten
bezogen ab 1807 die ersten Textilmaschinen von der in Lüttich
ansässigen Maschinenbauanstalt von William
Cockerill.15) Damit begann die allmähliche
Umstellung von Hand- zur Maschinenarbeit und damit der von uns
bereits oben angesprochene Prozess der Mechanisierung und
Maschinisierung der frühindustriellen Tuchherstellung. 1813
heirateten zwei Söhne William Cockerills in die Burtscheider
Spinnerfamilie von Philipp Heinrich Pastor und in die Monschauer
Tuchmacherfamilie Scheibler ein. Mit ihrem im väterlichen
Betrieb gewonnenen Know-how konnten sie die übernommenen
Textilbetriebe erfolgreich modernisieren und stimulierten damit
nachhaltig das örtliche Textilgewerbe.16) Ebenfalls
1813 erhielt der Aachener Tuchfabrikant Xaver Kuetgens für
eine von ihm weiterentwickelte Rauhmaschine eine Medaille auf der
Pariser Gewerbeausstellung. Auch in anderen Gewerbezweigen, wie
etwa der Kohleförderung im Inde- und Wurmrevier, begann man
noch in Französischer Zeit dem wallonischen Vorbild zu folgen.
Schon 1811 wurde auf der Grube Langenberg im Wurmrevier eine
Wasserhaltungsmaschine mit Dampfantrieb installiert. Sie war nach
der bereits 1794 auf der Grube Zentrum in Eschweiler montierten
Newcomen-Maschine die zweite Dampfmaschine im Aachener Revier.
Diese Beispiele mögen ausreichen, um zu zeigen, dass die
Keimzelle für die Aachener Industrialisierung bereits in der
zwar kurzen, aber wichtigen Zeit der französischen Herrschaft
zu verorten ist.17)
Mit dem Übergang zur preußischen Herrschaft 1815 erlitt
insbesondere die Aachener Textilindustrie einen kurzzeitigen
Konjunktureinbruch, der durch den Wegfall des französischen
Marktes und die neu erstandene Konkurrenz englischer Tuche nach dem
Ende der Kontinentalsperre ausgelöst wurde. Aber das Rheinland
besaß jetzt innerhalb Preußens einen Wettbewerbsvorteil,
da die fortschrittliche napoleonische Gesetzgebung in Kraft blieb
und die vor 1814 gegründeten Institutionen – wie z.B.
die Handelskammern – ihre Funktion behielten. Nicht zuletzt
aus diesem Umstand schöpften die Aachener Fabrikanten ihren
Optimismus, der sich z.B. in der kostspieligen Anschaffung einer
Dampfmaschine durch den Tuchfabrikanten Kelleter im Jahre 1817
zeigt. Diese war zugleich die erste in der Stadt
Aachen.18) Für belgische Unternehmer war wiederum
– wie zu zeigen sein wird – die neue Zollschranke
zwischen Belgien und Preußen ein wichtiger Anlass, im Aachener
Raum neue Fabriken bzw. Tochterunternehmen zu gründen.
Spätestens seit dem einheitlichen Zolltarif für
Preußen ab 1818 erschlossen sich die belgischen Fabrikanten
mit der Verlagerung ihrer Produktionsstätten um wenige
Kilometer – unter Umgehung der Zölle – den
großen preußischen Markt.
Die Aachener Eisen- und Stahlindustrie
Die Einführung des Puddel- und Walzverfahrens im Aachener Raum
1815 gab es im Aachener und Dürener Raum fünf
Eisenhütten, von denen eine, nämlich der Schmitthof in
Walheim, seit vielen Jahren nicht mehr betrieben
wurde.19) Die Schevenhütte, der Junkers- und
Neuenhammer sowie die Lendersdorfer Hütte erzeugten auf
traditionellem Wege, d.h. im Holzkohlenhochofen Roheisen,
verarbeiteten dieses in Frischfeuern weiter und fertigten daraus
gewöhnliches Stabeisen. 1819 erwarben die Gebrüder
Wilhelm und Eberhard Hoesch, die zuvor zwei Hüttenwerke am
Kallbach bei Monschau betrieben hatten, die Lendersdorfer
Hütte. Zu diesem Zeitpunkt ragte sie neben den übrigen
Eisenwerken nicht sonderlich hervor.
1823 reiste Eberhard Hoesch in Begleitung des englischen Technikers
Samuel Dobbs nach England, um dort das Puddelverfahren zu
studieren. Solche Studienreisen, die nicht selten die Grenzen zur
Industriespionage überschritten, waren ein häufig
genutztes Mittel, um technisches Wissen vor Ort zu erwerben und in
das Heimatland zu transferieren.
Samuel Dobbs hatte seit 1817 für Cockerill in Seraing
gearbeitet und 1819 zusammen mit Englert und Reuleaux eine
Maschinenfabrik in Eschweiler gegründet, drei Jahre
später war er am Aufbau der Eschweiler Drahtfabrik beteiligt.
Dabei handelte es sich um eine Gründung durch Aachener
Fabrikanten, darunter Springsfeld, Monheim und Beissel, die unter
Leitung von Friedrich Thyssen, dem Vater von August Thyssen, als
erste in Deutschland Walzdraht fertigten. Der in Eschweiler
produzierte Draht wurde in erster Linie in der Aachener Kratzen-
und Nadelproduktion verarbeitet.
Eberhard Hoesch warb mit Dobbs´ Hilfe englische Puddler an und
machte sich nach seiner Rückkehr 1824 an den Bau eines
Puddelwerkes auf der Lendersdorfer Hütte. 1826 konnte bereits
erfolgreich ein hiesiges Holzkohlenroheisen gefrischt werden, wobei
das neue Verfahren bereits im zweiten Jahr eine Verdoppelung der
Formeisenproduktion ermöglichte. Der Einsatz englischer
Puddler und die zentrale Rolle von Samuel Dobbs legen nahe, dass es
sich in diesem Fall um einen direkten englisch-deutschen
Technologietransfer handelte. Dafür würde auch sprechen,
dass zu jener Zeit auch das Cockerillsche Werk in Seraing durchaus
noch auf die Hilfe englischer Fachkräfte angewiesen war.
Andererseits hatte Dobbs sein technisches Wissen zu einem
großen Teil in Seraing erworben, und auch viele der englischen
Puddler arbeiteten abwechselnd in englischen, belgischen,
französischen und deutschen Eisenwerken.20) Dabei
entwickelten sie natürlich ihre Fähigkeiten
beständig fort und passten sich den jeweiligen Bedingungen an.
So lässt sich nicht mehr eindeutig verorten von wo nach wo
technisches Wissen und Fertigkeiten letztlich gelangten. Es zeigt
sich dagegen, dass die modellhafte Vorstellung des
Technologietransfers als Einbahnstraße von einem
fortgeschrittenen Geber- in ein unterentwickeltes Nehmerland nur
eine begrenzte Erklärungskraft besitzt.
Zurück nach Lendersdorf: nachdem man bereits zu Beginn der
1830er Jahre die Anlagen erweitert hatte, erhielt man 1836 die
Erlaubnis zur Errichtung weiterer Puddelöfen und einer durch
Dampfkraft angetriebenen Schienenwalzstraße. Konzeption und
Bau dieser Anlagen übernahm der belgische Ingenieur Henvaux,
der das Schienenwalzwerk, das zweite Werk seiner Art in
Deutschland, mit Hilfe belgischer Facharbeiter bereits 1837 in
Betrieb nahm. Hoesch profitierte in der Folge vom gerade
einsetzenden Aufbau des rheinischen Eisenbahnnetzes. Bereits 1833
hatte ein Kölner Komitee den Bau einer Bahnstrecke von
Köln nach Aachen vorgeschlagen, die bei Eupen Anschluss an die
aus Antwerpen kommende belgische Bahnlinie erhalten sollte. Am 21.
August 1837 erhielt die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft ihre
Konzession, womit der Ausbau beginnen konnte. 1841 nahm die
Rheinische Eisenbahn den Verkehr auf der Strecke zwischen Köln
und Aachen auf. Der wirtschaftliche Erfolg der Lendersdorfer
Hütte ist an den rasant wachsenden Produktionsmengen und der
stetig ansteigenden Zahl von Beschäftigten abzulesen.
Produzierte man 1827 um 10.000 Zentner Formeisen, waren es 1846
knapp 160.000 Zentner. Die Beschäftigtenzahl verzehnfachte
sich zwischen 1825 und 1855.21) Für die
Anfangsjahre liegen dabei recht genaue Angaben zur Zusammensetzung
der Belegschaft vor, aus denen hervorgeht, dass etwa ein Drittel
der Arbeiter hochqualifizierte Fachkräfte waren – in
erster Linie Puddler und Walzer.
Die Versuche, in einem eigens hierfür errichteten Hochofen
Koksroheisen herzustellen, schlugen fehl. Zu Beginn der 1840er
Jahre entschloss sich Eberhard Hoesch, die Roheisenproduktion
vollständig einzustellen und sich ganz auf den Import
belgischen und englischen Roheisens zu beschränken.
Diese Arbeitsteilung zwischen den mehrheitlich wallonischen
Roheisenproduzenten und der Aachener Stahlindustrie wurde zum
Modell für die weiteren Gründungen von Hüttenwerken
in Düren und Eschweiler und können als wichtiger Teil des
belgisch-deutschen Technologietransfers bewertet werden. Den
Aachener Eisenwerken kam dabei ihre Grenzlage zugute, da sie
besonders von den Zollsondertarifen für belgisches Roheisen
profitierten. Diese waren Teil der preußischen
Gewerbeförderung.22)
Bereits 1832 war es unter dem Namen „Englerth &
Cünzer“ zur ersten Neugründung einer
Eisenhütte im Aachener Raum gekommen. Das Eisenwerk in
Eschweiler Pumpe war so konzipiert, dass es ohne eigene
Roheisenbasis mit dem neuen Puddelverfahren Roheisen frischen und
in einem angeschlossenen Walzwerk zu Stabeisen und Eisenblechen
verarbeiten konnte. Die Anlage wurde in den folgenden Jahren
mehrfach erweitert und interessanterweise schon in einem
technologischen Bericht aus dem Jahre 1847 als veraltet
bezeichnet.23)
Besonders deutlich wird die belgisch-deutsche Arbeitsteilung
– also die Weiterverarbeitung belgischen Koksroheisens im
Raum Aachen – bei der Gründung des Eisenwerks „T.
Michiels & Co.“ 1842 in Eschweiler Aue.24)
Auch diese Anlage mit ihren 16 Puddelöfen, drei
Walzstraßen und einem Luppenhammer war ohne eigene
Einrichtungen zur Roheisenproduktion errichtet worden. Das Roheisen
bezog man stattdessen vom Hochofenwerk Cockerills in Seraing, mit
dem aus diesem Anlass ein langfristiger Liefervertrag geschlossen
wurde. Aufgrund der bewusst so gewählten Lage des Eschweiler
Werkes unmittelbar an der Strecke der Rheinischen Eisenbahn konnte
das Roheisen aus Seraing einfach und günstig hierüber
bezogen werden.
Das Gesellschaftskapital der Firma belief sich 1847 auf eine
Million Thaler, wovon knapp die Hälfte von Aachener und
Eupener Gesellschaftern gehalten wurde. Die andere Hälfte
teilten sich die belgischen Unternehmer Michiels, Bourdouche und
Ophoven. Der Mitbegründer Michiels war zugleich technischer
Direktor des Werkes und damit einer der zahlreichen belgischen
Technikerunternehmer, die im Untersuchungsraum an der
Neugründung von Industrieunternehmen beteiligt waren. Neben
den drei Gesellschaftern stammte auch ein großer Teil der
Belegschaft aus Belgien, fehlte es doch vor Ort an qualifizierten
Walzwerksarbeitern. Auch wallonische Puddler lassen sich namentlich
nachweisen, so dass hier im Gegensatz zur Lendersdorfer Hütte
bereits ein Verdrängungsprozess englischer durch belgische
Puddler zu erkennen ist.25)
Bei „T. Michiels & Co.“ kommen also eine Vielzahl
von Arten des Technologietransfers zusammen. Die belgischen
Gesellschafter engagierten sich mit ihren Investitionen in einem
mit modernster Verfahrenstechnik ausgestattetem Werk und der
Technikerunternehmer Michiels brachte das nötige Know-how zur
Leitung eines solchen Werks ein. Die belgische Belegschaft
besaß das nötige Fachwissen zum Betrieb der Anlagen und
dank der Nähe zum Hochofenwerk in Seraing und der Sondertarife
für belgisches Roheisen konnte man auf den schwierigen und
kostspieligen Aufbau einer eigenen Koksroheisenbasis verzichten und
sich ganz auf die Weiterverarbeitung konzentrieren.
Das Werk Eschweiler Aue erreichte bereits drei Jahre nach der
Aufnahme des Betriebes die Produktionsmenge von 470.000 Zentnern
Stab- und Gusseisen, eine bis dato im gesamten Aachener Raum
unerreichte Menge.26) Dank des zügigen Ausbaus
– so verdoppelte sich etwa die Zahl der Puddelöfen
zwischen 1845 und 1847 – blieb das Eisenwerk Michiels auch in
der Folgezeit das größte Puddel- und Walzwerk im
Untersuchungsraum. Dabei profitierte das Werk gleich mehrfach vom
rasanten Ausbau des Eisenbahnnetzes in Deutschland. So war die
Lieferung belgischen Roheisens und der Abtransport der in
Eschweiler produzierten Massengüter nur mehr über den
Bahnanschluss zu bewerkstelligen. Zugleich waren die
Eisenbahngesellschaften die wichtigsten Kunden, sie bezogen aus
Eschweiler vornehmlich Schienen, Räder und Achsen. Die
Nachfrage war so groß – allein im Juni 1844 lagen
Aufträge von zwölf Eisenbahngesellschaften vor –,
dass man sich 1846 ganz auf die Produktion von Schienen und
Rädern beschränkte; wobei die Schienenproduktion etwa 2/3
ausmachten. Der Wirtschaftshistoriker Rainer Fremdling hat in
seinen Untersuchungen die nicht zu unterschätzende Bedeutung
der Eisenbahn als Führungssektor für die deutsche
Industrialisierung aufgezeigt.27) In diesem Sinne stellt
die Nachfrage nach Schienen, Lokomotiven und Waggons einen
Rückkopplungseffekt dar, der für Wachstum und
Modernisierung in der Eisen- und Maschinenbauindustrie sorgt. Und
der durch die Bahn ermöglichte einfache und billige Transport
von Massengütern eröffnete wiederum der Schwerindustrie
neue Märkte für ihre Produkte, hier spricht man von
sogenannten Vorwärtskopplungseffekten.
Aufgrund des Erfolges von Eschweiler Aue entschloss sich Eberhard
Hoesch 1846/47 ebenfalls ein Puddel- und Walzwerk an der Bahnlinie
Köln-Antwerpen zu erbauen. Das neue Eisenwerk Eschweiler
Station sollte zunächst die Lendersdorfer Hütte als
Hilfswerk unterstützen, überflügelte das Stammwerk
aber rasch. Geplant und erbaut wurden die neuen Anlagen unter der
Leitung von Mathieu Lambert Dacier, einem belgischen Ingenieur, der
ebenfalls in Seraing sein technisches Wissen erworben hatte.
Eschweiler Station spezialisierte sich von Anfang an auf die
Schienenproduktion, erreichte 1851 die Produktion der Lendersdorfer
Hütte und übertraf sie drei Jahre später bereits um
das vierzehnfache. Die Brennstoffversorgung der Puddelöfen
erfolgte mit Steinkohle aus dem nahegelegenen Inderevier und, da
die Lieferungen des dort ansässigen Eschweiler
Bergwerksvereins bei weitem nicht ausreichten, aus Belgien,
vermutlich dem Lütticher Revier. Zur Jahreswende 1846/47 war
die Versorgung mit Fettkohle aus dem Inderevier so schlecht, dass
sich die Handelskammer für Aachen und Burtscheid beim
preußischen Finanzministerium erfolgreich für eine
Senkung des Zolltarifes auf die Einfuhr von belgischer Steinkohle
einsetzte. Hier wird deutlich, dass die neue Steinkohlentechnik
ohne die Versorgung mit belgischen Rohstoffen – Kohle und
Roheisen – im Aachener Raum kaum hätte Fuß fassen
können. Die Lieferung belgischer Rohstoffe und Halbzeuge war
also eine der wesentlichen Vorbedingungen für den
erfolgreichen Technologietransfer im Bereich der Puddel- und
Walzwerkstechnik.
Auf eine weitere Neugründung unter belgischer Beteiligung sei
kurz hingewiesen. Der Eisenbahnboom der 1840er Jahre führte
dazu, dass die Eisenwerke des Aachener Raumes kaum der Nachfrage
der Eisenbahngesellschaften nachkommen konnten und darüber
ihre kleineren Kunden, wie den in Aachen ansässigen
Maschinenbau, vernachlässigten. Darüber hinaus
führte die anhaltende Nachfrage bei knappem Angebot
natürlich zu Preissteigerungen. Deshalb schlossen sich 1845
vier Aachener Unternehmer zusammen, um unter dem Namen
„Piedboeuf & Cie.“ ihr eigenes Eisenwerk zu
betreiben. Dazu erwarben der Dampfkesselfabrikant Jacques
Piedboeuf, der Waggonfabrikant Jacob Talbot und die beiden
Maschinenbauunternehmer Johann Leonhard Neumann und Theodor Esser
das Landgut „Rothe Erde“ in Forst bei Aachen. Piedboeuf
stammte aus Belgien, betrieb aber seit längerer Zeit
Unternehmungen in Aachen. Konzeption und Bau des Eisenwerkes
erfolgte unter Leitung des Ingenieurs Rainer Daelen. Der aus Eupen
stammende Daelen hatte seine Ausbildung in Belgien erhalten und
seit 1840 auf der Lendersdorfer Hütte bei Hoesch gearbeitet,
wo er sein hüttentechnisches Know-how erworben hatte. Er
lehnte sich bei der Konzeption des Eisenwerks Rothe Erde eng an die
wallonischen Puddel- und Walzwerke an.28) Dabei konnte
er sich auch auf technische Beschreibungen der Eisenhütte von
Cockerill stützen. So war etwa im „Zeitblatt für
Gewerbetreibende und Freunde der Gewerbe“ 1829 eine
umfangreiche Schilderung nebst Lageplan der Anlagen in Seraing
erschienen.29) Solche Publikationen sind typische
Beispiele für den „design transfer“ technischen
Wissens. Da es keine Überlieferung darüber gibt, welche
sonstigen Unterlagen – Pläne, Zeichnungen,
Beschreibungen – in den Unternehmen vorlagen, ist der Anteil
des „design transfer“ nur schwer abzuschätzen. Er
war aber sicher ein wichtiges, wenn auch – aufgrund des hohen
Stellenwerts von tacit knowledge – ein beschränktes
Mittel des Technologietransfers.
1847 erhielten die vier Gesellschafter die Permissionsurkunde
für den Betrieb ihres Eisenwerkes mit 36 Puddel- und
Schweißöfen, fünf Walzstraßen und einer
Gießerei mit zwei Kupolöfen. Zum Antrieb insbesondere des
Walzwerkes waren drei Dampfmaschinen vorgesehen. Neben Rainer
Daelen sind einige wallonische Fachkräfte – insbesondere
Kesselschmiede – namentlich bekannt, die bei Bau und Betrieb
des Werkes tätig waren.30) Ein Jahr nach
Inbetriebnahme produzierte das neue Walzwerk mit einer Belegschaft
von 270 Personen knapp 50.000 Zentner, wobei der Anteil von
gewalzten Eisenbahnschienen bei rund 90 Prozent lag.31)
Nur ein weiteres Jahr später wurde das Werk Rothe Erde
besonders hart von dem durch die Revolutionswirren in Frankreich
und Deutschland ausgelösten Konjunktureinbruch betroffen und
ging in Liquidation. 1851 bildete sich zur Wiederaufnahme des
Betriebs eine mit französischem, belgischem und deutschem
Kapital ausgestattete Gesellschaft unter dem Namen „Carl
Ruetz & Co.“ und führte das Unternehmen bis zur
erneuten, aber wiederum vorläufigen Liquidation 1860.
Das Beispiel der Einführung des Puddelverfahrens im Aachener
Raum steht – trotz der Probleme des Eisenwerkes Rothe Erde
– für den sehr erfolgreichen Transfer innovativer
englischer Technologie mithilfe wallonischer Technikerunternehmer,
Geldgeber und Facharbeiter. Dabei scheinen sich die Unternehmungen
in Düren, Eschweiler und Aachen innerhalb kurzer Zeit der
Puddel- und Walzwerkstechnik angenommen zu haben, so dass sie unter
Mithilfe ausländischer Fachkräfte zweifelsohne mit den
belgischen und englischen Produkten auch qualitativ konkurrieren
konnten. Andererseits kann dies nicht darüber
hinwegtäuschen, dass die Aachener Eisenindustrie weiterhin
einen technologischen Rückstand gegenüber Wallonien und
natürlich England aufwies. Ein Beispiel mag die weiterhin
bestehende Überlegenheit der belgischen Puddel- und
Walzwerkstechnik verdeutlichen: Ein deutscher Ingenieur, der am
Berliner Gewerbeinstitut seine Ausbildung erhalten und noch 1846
auf der Lendersdorfer Hütte mit der neuesten im Aachener Raum
eingesetzten Puddel- und Walzwerksanlagen vertraut gemacht worden
war, erhielt ein Jahr später ein Reisestipendium vom
preußischen Finanzministerium, um eben jene Techniken in
Belgien zu studieren.32) Der technologische Vorsprung
erklärt sich zumindest teilweise aus der steten inkrementellen
Verbesserung der Maschinen und Anlagen in den wallonischen
Eisenwerken, die sich zusehends von ihrem englischen Vorbild
emanzipierten.
Die Einführung des Kokshochofens
Die Einführung der zweiten großen Verfahrensinnovation
bei der Eisenerzeugung, der Nutzung von Steinkohle im Kokshochofen,
verlief in unserem Untersuchungsraum nicht so reibungslos wie die
Diffusion des Puddelverfahrens. Wie bereits angesprochen, verliefen
diesbezügliche Versuche auf der Lendersdorfer Hütte nicht
zufriedenstellend. 1846/47 betrieb Hoesch seine drei Hochöfen
in Zweifallshammer und Lendersdorf traditionell mit Holzkohle,
wobei das so erzeugte Roheisen fast ausschließlich zu
Gusswaren verarbeitet wurde.
Ein einfacher Blick auf die 1854 im Aachener Raum erreichten
Produktionsziffern von Roheisen und Formeisen zeigt, wie groß
der Anreiz war, die lokale Roheisenbasis mithilfe von
Kokshochöfen zu erweitern. So stand in diesem Jahr der
Formeisenproduktion von einer Million Zentnern ein Eigenanteil
Roheisen von lediglich 65.000 Zentnern gegenüber. Die Aachener
Eisenindustrie importierte demnach über 900.000 Zentner
Roheisen aus Belgien und England, was der Jahresproduktion von zehn
bis zwölf Hochöfen entsprach. Die Importsubstitution
durch den Aufbau eigener Produktionsanlagen war demnach das
Hauptmotiv für die Gründung der Aktiengesellschaft
„Concordia, Eschweiler Verein für Bergbau und
Hüttenbetrieb zu Ichenberg bei Eschweiler“ im Jahre
1853. Dies geht auch eindeutig aus einem Schreiben der zu
gründenden Gesellschaft an die Regierung Aachen hervor.
Erklärtes Ziel war es, die Aachener Eisenindustrie
unabhängig von den Zolltarifen auf ausländisches Roheisen
oder allgemein von ausländischem Roheisen zu machen. Dies
zeigt sich auch in der Zusammensetzung der Gesellschafter, die fast
ausnahmslos aus Deutschland stammten. An den bisherigen großen
schwerindustriellen Neugründungen im Aachener Raum war dagegen
immer belgisches und französisches Kapital beteiligt
gewesen.33)
Die 1857 und 1858 in Betrieb genommenen drei Kokshochöfen
produzierten im Durchschnitt je knapp 120.000 Zentner Roheisen im
Jahr. Die erforderliche Fettkohle bezog man zu einem großen
Teil von der Grube Centrum des Eschweiler Bergwerksvereins. Das
Eisenerz stammte u.a. aus der Albertsgrube südlich von
Hastenrath. Ob an Planung, Bau und Betrieb des Hochofenwerkes mit
angeschlossener Kokerei ausländische Fachkräfte beteiligt
waren, ist nicht überliefert, darf aber als sehr
wahrscheinlich angenommen werden. Hatte man doch bislang im
Aachener Raum keine größeren Erfahrungen mit
Kokshochöfen gemacht. Wenn auch keines der Eisenwerke im
Untersuchungsraum bis 1860 zu einem vollintegrierten
Hüttenwerk ausgebaut wurde, so vollendete die Inbetriebnahme
der Concordia doch die vertikale Strukturierung der
Hüttenindustrie im Aachener Raum.
Die Aachener Schwerindustrie auf dem Weg ins Ruhrgebiet
Die Rolle Aachens als Vorreiter und Transmissionsriemen der
Frühindustrialisierung wird deutlich, wenn man die
unternehmerischen Entwicklungen gegen Ende des
Untersuchungszeitraumes und darüber hinaus ansieht.
1852 setzte mit der Gründung einer neuen Aktiengesellschaft
unter dem Namen „Phoenix, Anonyme Gesellschaft für
Bergbau und Hüttenbetrieb“, die zunächst weitgehend
identisch mit der Handelsgesellschaft „T. Michiels &
Co.“ war, die Trendwende in der rheinisch-westfälischen
Schwerindustrie ein. Denn die soeben gegründete
Phoenix-Gesellschaft verlagerte ab Mitte der 1850er Jahre ihre
unternehmerischen Aktivitäten ins Ruhrgebiet.34) Zu
dieser Zeit stand das Werk Eschweiler Aue bereits in voller
Blüte. Für die allmähliche Verlagerung des
Unternehmens ins Ruhrgebiet sprachen klar die dortigen
Standortvorteile, wie die sehr gute Verkehrsinfrastruktur und die
großen Kohlevorkommen. So boten die für die
Koksherstellung geeigneten Kohlelagerstätten die besten
Voraussetzungen, um sich von der wallonischen Roheisen- und
Steinkohlenbasis zu lösen. 1853 begannen in Duisburg-Ruhrort
und Essen-Kupferdreh die Bauarbeiten für zwei
Kokshochofenwerke. Die Planung übernahm Gilles Antoine
Lamarche, ein aus Lüttich stammender Industrieller, der bei
Gründung der Phoenix AG ein Aktienpaket übernommen und
seine bei Velbert liegenden Eisenerzgruben eingebracht hatte. Auch
er orientierte sich bei der Konzeptionierung des Werkes in Ruhrort
am Modell der Cockerillschen Eisenhütte in Seraing. So wurde
in Ruhrort ebenfalls ein Puddel- und Walzwerk errichtet und damit
eines der ersten vollintegrierten Hüttenwerke des
Ruhrgebietes. 1855 erfolgte die Fusion mit der französischen
Gesellschaft „Détillieux & Co.“, die in
Essen-Borbeck über ein Hochofenwerk sowie Zechen und
Bergwerkskonzessionen im Ruhrgebiet und Nassau verfügte. Da
sich etwa zur gleichen Zeit die wallonischen Mitbegründer aus
der Phoenix AG zurückzogen, lag das Unternehmen nun in
französischen und deutschen Händen. Die Verlagerung des
Firmensitzes von Eschweiler nach Köln 1855 stand geradezu
symbolisch für die Abkehr vom Aachener Raum. Ende der 1850er
Jahre wurde mit der Umstellung der Produktion in Eschweiler Aue vom
Massenprodukt Eisenbahnschiene zu Eisenbahnrädern und -achsen
und dem damit verbundenen Rückgang der Produktionszahlen der
Standortwechsel besiegelt.
Die Familie Hoesch verlegte erst 1870/71 ihre Aktivitäten ins
Ruhrgebiet. Auch Eberhard Hoesch hatte noch 1839 den Schritt ins
Ruhrgebiet gescheut, das Angebot von Jacob Mayer, gemeinsam ein
Tiegelstahlwerk in Bochum zu gründen, schlug er aus. Erst sein
Neffe Leopold verlagerte den Schwerpunkt des Unternehmens. Am 1.
September 1871 wurde in Düren der Gründungsvertrag
für ein Hüttenwerk in Dortmund geschlossen. Seine
Errichtung leitete der Ingenieur Otto Reinhardt, der bereits in
Lendersdorf für Hoesch gearbeitet und zwischenzeitlich das
technische Büro des „Hoerder Bergwerks- und
Hüttenvereins“ geleitet hatte.35)
Auch die Wurzeln des von August Thyssen 1871 in Mülheim a.d.
Ruhr gegründeten Stahlunternehmens reichen in den Aachener
Raum zurück. Wie bereits kurz erwähnt, war sein Vater
Friedrich Thyssen von 1834 bis 1859 Direktor der Eschweiler
Drahtfabrik und erwarb durch seine Teilhaberschaft das Kapital, mit
dem er anschließend in Eschweiler ein privates
Bankgeschäft gründete. 1867 heiratete die Schwester von
August, Balbina, den aus einer wallonischen Unternehmerfamilie
stammenden Désiré Bicheroux. Bicheroux beteiligte sich an
einem Bandeisenwalzwerk in Duisburg, wo August Thyssen nach seiner
Militärzeit Ende der 1860er Jahre das Eisengewerbe im
Ruhrgebiet studierte, bevor er sich selbstständig machte und
am 1. April 1871 das Unternehmen „Thyssen & Co.“ in
Mülheim gründete.36)
Von den im Aachener Raum gegründeten frühindustriellen
Eisenhütten behielt nur das Werk Rothe Erde, trotz einer sehr
wechselhaften Geschichte, seine Bedeutung über den
Untersuchungszeitraum hinaus bei. Rothe Erde stieg in den 1890er
Jahren zum weltweit größten Thomasstahlproduzenten auf
und verlor erst 1918 aufgrund seiner Abhängigkeit vom
Luxemburger Roheisen mit der Abtrennung Luxemburgs aus dem
deutschen Zollverein seine Bedeutung.
Maschinenbau
Maschinenbau und Textilindustrie im Aachener Raum
Die Entwicklung des Aachener Maschinenbaus in der Zeit der
Frühindustrialisierung ist untrennbar mit dem lokalen
Wolltuchgewerbe verknüpft. Dieses war infolge eines aus dem
Jahr 1816 stammenden Abkommens über den zollfreien Verkehr
textiler Rohstoffe und Halbfabrikate eng mit der Textilfabrikation
im Lüttich-Vervierser Grenzgebiet verbunden. Dabei kam es
hinsichtlich der verschiedenen Produktionsschritte zu einer
grenzübergreifenden Arbeitsteilung, bei dem die Aachener Seite
hauptsächlich die Veredelung der Tuchstoffe
übernahm.37) Der Textilindustrie kam im Zuge der
Frühindustrialisierung des Aachener Raumes die Rolle eines
Führungssektors zu, mit bedeutenden
Rückkoppelungseffekten insbesondere für die örtliche
Maschinenbauindustrie. Durch die Nachfrage nach neuen, eisernen
Spinn- und Rauhmaschinen, besonders aber auch nach Dampfmaschinen,
welche die Wasserkraft als Antriebsaggregat ersetzten, erlebte der
Aachener Maschinenbau einen bedeutenden Aufschwung.
Unter dem Einfluss belgischer bzw. englischer
Textilmaschinentechnik entwickelten Werkstätten im Aachener
Raum seit den 1820er Jahren Geräte, die der Maschinisierung
und Zentralisierung der lokalen Tuchproduktion zum Durchbruch
verhalfen. Die technische Überlegenheit speziell der
wallonischen Maschinenbaubetriebe bis Mitte der 1830er Jahre hatte
zur Folge, dass vielfach komplette Anlagen eingeführt wurden.
Gefördert durch die preussische Gewerbepolitik kamen von den
zwischen 1818 und 1851 zollfrei oder zollbegünstigt in den
Aachener Raum eingeführten Dampfmaschinen 18 aus wallonischer
Produktion und lediglich eine aus England. 17 der 18 im Zeitraum
von 1823 bis 1844 importierten Spinnmaschinen kamen aus den
Niederlanden bzw. Belgien. Auch zehn der 13 nachweislich
importierten Streich- und Rauhmaschinen stammten aus dem
Nachbarland.38)
Der „material transfer“ im Sinne des
Ruttan-Hayami-Modells erfolgte nicht ausschließlich im Wege
des Imports der genannten Maschinen. Vielmehr geschah dieser
häufig im Zuge von Unternehmensgründungen wallonischer
Unternehmer vor Ort. Viele der Hersteller von Textilmaschinen aus
dem Lütticher Raum, die sich in den 1820er Jahren in Aachen
niederließen, brachten ihre Maschinen aus aufgelösten
Werksteilen ihrer Herkunftsorte in die neugegründeten Aachener
Betriebsstätten mit. Neben den belgischen Neugründungen
hatten allerdings auch die hier ansässigen Textilfabriken
mitunter eigene Maschinenbauabteilungen, die ausländische
Geräte umänderten, um sie an ihren spezifischen Bedarf
anzupassen.
Auf die große Bedeutung des direkten unternehmerischen
Engagements von belgischer Seite für die Industrialisierung
Aachens ist bereits hingewiesen worden. Dieses beschränkte
sich jedoch nicht nur auf die Anfangsphase der
Frühindustrialisierung; auch Mitte der 1830er Jahre ging noch
immer rund die Hälfte der im Stadtkreis Aachen produzierenden
Maschinenbauanstalten auf Gründungen belgischer Maschinenbauer
zurück bzw. wurden von diesen geleitet.39) Die 1825
von John Cockerill in Aachen´errichtete
Textilmaschinenwerkstätte, aber auch die zehn Jahre
später kurzfristig hier bestehende kleine Maschinenbauanstalt
des belgischen Industriepioniers war zwar, verglichen mit der
Leitbildfunktion des Unternehmens im Dampfmaschinenbau, eher
unbedeutend. Sie zeigt aber, dass Cockerill bei seiner
unternehmerischen Expansion die aufstrebende Aachener
Textilindustrie als bedeutenden Kunden sehr wohl im Blick hatte.
Immerhin hatte bereits William Cockerill senior seine
unternehmerische Laufbahn 1807 mit der Gründung einer
Werkstatt für Textilmaschinenbau in Lüttich begonnen. Mit
der Fertigung von Textilmaschinen nach englischem Vorbild legte er
den Grundstein für das später auf
Dampfmaschinenherstellung spezialisierte Geschäft. Obwohl sich
in den Quellen kein direkter Beleg darüber findet, mögen
die Pläne zur Errichtung des Deutschen Zollvereins die
Entscheidung der Söhne William Cockerills und anderer
belgischer Unternehmer begünstigt haben, im nahegelegenen
Aachen ein Standbein einzurichten und dadurch die Zollschranken
für den Export eigener Fabrikate zu verringern.
Dass der Technologietransfer in beträchtlichem Maße durch
gut ausgebildete Facharbeiter getragen wurde, zeigt sich in der
bedeutenden Zahl belgischer Maschinenbauer und Techniker, die
über viele Jahre hinweg im Aachener Gewerbe tätig waren.
Belgische Fachleute, die über das nötige Know-how beim
Bau von Textilmaschinen verfügten, waren in verschiedenen
Aachener Maschinenbaubetrieben an maßgeblicher Stelle zu
finden. Als Beispiel dient die bereits erwähnte Firma
„J.L. Neumann & Co.“, die 1831 unter Beteiligung
des belgischen Mechanikers Lambert Daelen gegründet wurde und
unter der technischen Leitung Daelens hauptsächlich
Textilmaschinen produzierte. Allerdings konnten diese vielfach an
lokal bereits vorhandenes handwerkliches Können, etwa in der
Kratzenherstellung, anknüpfen. Den größten Anteil
belgischer Fachkräfte hatten naturgemäß die belgisch
beeinflussten Unternehmen. Ein möglicher Anreiz mag für
das belgische Personal in der überdurchschnittlichen
Entlohnung für Facharbeiter in Aachen gelegen
haben.40)
Das für das frühindustrielle Aachen charakteristische
Rauh- und Kratzenmaschinengewerbe wurde zwar nicht – wie etwa
die Spinnmaschinen- und Dampfkraftmaschinenerzeugung – direkt
durch belgische Technologie beeinflusst. Vielmehr war diese
Technologie durch den französischen Mechaniker Ambrosius
Dubusc vorangetrieben worden, der in Aachen eine Werkstätte
zur Fertigung von Kratzenmaschinen nach dem von ihm eigens
entwickelten System errichtete und bis 1838 auch persönlich
leitete. Immerhin ging eine der größten Aachener
Kratzenfabriken der 1820er bis 1840er Jahre auf die Gründung
des Belgiers Peter Jos. Cassalette zurück. Und bis weit in die
1850er Jahre hinein blieb die Aachener Kratzenindustrie
abhängig von der Zulieferung belgischen Halbzeuges, speziell
des belgischen Kratzenleders. Dies geschah zu einer Zeit, als diese
den rheinischen Markt bereits weitgehend beherrschte. Dabei stellte
die Aachener Textilmaschinenindustrie schon seit der zweiten
Hälfte der 1820er Jahre nicht nur für englische und
belgische Maschinenbauer eine ernstzunehmende Konkurrenz dar,
sondern auch für Anbieter aus anderen preußischen
Provinzen, wie z.B. den Wetterschen Maschinenbaubetrieb von
Friedrich Harkort, der sich bei seiner Dampfmaschinenproduktion
indes ausschließlich am englischen Vorbild orientierte.
Der Diffusionsprozess der Dampfmaschine im Aachener Raum
Die frühe und nachhaltige Industrialisierung Aachens zeigte
sich insbesondere in der hohen Dichte von Dampfmaschinen, welche
die Zahl der aufgestellten Antriebsaggregate in anderen
frühindustriellen Regionen Deutschlands weit übertraf.
Mit rund einem Viertel aller preußischen Dampfmaschinen
– insgesamt gab es hier 61 Geräte – nahm Aachen im
Jahr 1830 eine Spitzenposition ein. Die ersten Dampfmaschinen
wurden gegen Ende des 18. Jahrhunderts vornehmlich im lokalen
Bergbau zur Wasserhaltung eingesetzt und fanden dort rasche
Verbreitung. Auch wenn sich die Dampfkraft in der Aachener
Textilindustrie demgegenüber vergleichsweise langsamer
durchsetzte, spielte sie doch spätestens seit Beginn der
1820er Jahre eine immer bedeutendere Rolle als Antriebsaggregat
dieses aufblühenden Industriezweiges. Um 1830 kamen 13 von 14
städtischen Dampfmaschinen im Textilsektor zum Einsatz, vor
allem beim Antrieb von Spinn- und Schermaschinen in der
Wolltuchfabrikation.41)
Schon im ausgehenden 18. Jahrhundert hatte es im Raum Aachen
spezialisierte Werkstätten gegeben, in denen Wasserräder,
Pumpen und Getriebe für das lokale Textilgewerbe hergestellt
und repariert wurden. Ein echter qualitativer und bald auch
quantitativer Sprung in Richtung eigener industrieller Fertigung
von Dampfmaschinen erfolgte aber erst unter massiver Beteiligung
belgischer Technologie und unternehmerischen Know-hows. Die ersten
Dampfmaschinen für die Aachener Bergbau- und Textilindustrie
kamen überwiegend aus dem Lütticher Raum, nicht selten
aus dem Cockerillschen Werk in Seraing, der seit Mitte der 1820er
Jahre zum führenden Anbieter aufstieg. Dessen dominante
Stellung ging unter anderem darauf zurück, dass außer
Cockerill lange Zeit kein anderer belgischer Betrieb eine
Horizontalbohrmaschine besaß, die zur Herstellung hochwertiger
Zylinder notwendig war. Die Produktion in Seraing war bald so
umfangreich, dass die Firma nicht mehr in der Lage war, für
die ausgelieferten Dampfmaschinen entsprechend fertig bearbeitete
Ersatzteile mitzuliefern. Man beschränkte sich vielmehr
darauf, den Kunden Rohlinge zur eigenen Weiterbearbeitung
mitzuliefern.42) Neben Cockerill gab es jedoch auch eine
Reihe anderer wallonischer Dampfmaschinenerzeuger, die jenseits der
belgischen Grenze wegen ihrer eindrucksvollen Eigenentwicklung ein
hohes Ansehen genossen. Der Lütticher Maschinenbauer
Désiré Tassin erhielt beispielsweise 1826 ein Patent auf
eine besonders sparsame Dampfmaschine und führte als einer der
ersten in Belgien die Hochdruckmaschinen von Evans ein.
Die importierten Maschinen dienten zum einen fortlaufend als Muster
für die eigene Produktion und trugen dazu bei, den technischen
Vorsprung der wallonischen Maschinenbauer schrittweise aufzuholen.
Zum anderen ermöglichte der zollvergünstigte Import
wichtiger Maschinenteile in großen Mengen die
Aufrechterhaltung einer den belgischen Dampfmaschinen
vergleichbaren Qualität zu konkurrenzfähigen
Preisen.
Waren die ersten Dampfmaschinen noch reine Importe, so erfolgte die
Beschaffung einer zusätzlichen oder Nachfolgemaschine oftmals
bei lokalen Aachener Maschinenbaubetrieben. Wie schon im Fall des
Textilmaschinenbaus, handelte es sich dabei nicht selten um
Neugründung wallonischer Unternehmen. Ein prominentes Beispiel
für eine solche grenzüberschreitende
Unternehmensgründung ist die rheinisch-belgisch-englische
Maschinenbauanstalt von „Englerth, Reuleaux &
Dobbs“. Sie wurde 1819/20 in Eschweiler Pumpe gegründet.
Einer der Gründer, der bereits genannte englische Techniker
Samuel Dobbs, konnte sein Dampfmaschinensystem in Eschweiler stetig
verbessern, was ihm neben der Bergbauindustrie auch weitere
Nachfrage in der Aachener Tuchindustrie erschloss. Seit Mitte der
1820er Jahre fertigte der Betrieb darüber hinaus Dampfhammer,
Transmissionen, Pumpwerke und Fördermaschinen. Die
Gründung einer weiteren Maschinenbauanstalt durch Dobbs und
den Aachener Wollhändler Franz Nellessen folgte im Jahre 1833.
„Englerth, Reuleaux und Dobbs“ versinnbildlichen die
modelltheoretische Annahme, wonach der Technologietransfer zum
Motor für die Unternehmensentwicklung und sukzessive
Industrialisierung des Empfängerlandes wird. Folgt man dem
Modell des Technologietransfers von Ruttan und Hayami, dann
lässt sich im Dampfmaschinenbau ein relativ zügiger
Übergang von der Phase des „material transfers“
zum „design transfer“ feststellen. Anstelle des
bloßen Imports belgischer Maschinen wurden diese vor Ort,
mithilfe des umfassenden Know-hows etwa von Samuel Dobbs und dessen
mitgebrachter Konstruktionspläne gebaut und vertrieben. Die
weite Verbreitung von Dampfmaschinen aus Dobbs´scher
Fabrikation im Raum Aachen spricht dafür, dass die vor Ort
produzierten Geräte offenbar relativ bald Qualität und
Preis der importierten Maschinen erreichten oder in Teilen sogar
übertrafen. Die Rolle des Konstrukteurs Dobbs in diesem
Prozess kann dabei nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Allerdings blieb das Eschweiler Unternehmen hinsichtlich des gerade
für leistungsfähige Dampfmaschinen entscheidenden
Bauteils hinter dem Konkurrenten Cockerill zurück – es
gelang auch ihm nicht, den gusseisernen Zylinder der Maschine in
der erforderlichen Qualität vor Ort zu beziehen oder gar
selber herzustellen; diese Teile wurden vielmehr bis weit in die
1840er Jahre hinein aus Belgien importiert und oft auch durch
belgische Techniker montiert. Insofern ist die verbreitete
Vorstellung, der Aachener Maschinenbau habe sich schon in den
1820er Jahren vom belgischen Einfluss vollständig emanzipiert
und eigenständig produziert, zu relativieren. Ob diese
Maschinenteile aus technischen Gründen nicht in Aachen selbst
gefertigt werden konnten oder aufgrund des günstigen
belgischen Angebotes eine Eigenfertigung sich nicht lohnte, ist im
Nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren.
Der Absatz der Eschweiler Dampfmaschinen beschränkte sich im
Übrigen nicht auf den Aachener Raum, sondern entwickelte sich
auch überregional zu einem bedeutenden Geschäft. Hier
tritt die zeitweilige Vermittlerrolle Aachens zwischen Belgien bzw.
England einerseits und dem Ruhrgebiet, aber auch bis nach Sachsen
deutlich zutage. Dies gilt auch für den Aachener
Dampfkesselbau, der eng verbunden ist mit dem Namen
Piedboeuf.43) Der Wallone Jacques Pascal Piedboeuf hatte
als einfacher Schmied im Kohlebergbau begonnen und sich in den
Werkstätten von William Cockerill mit der englischen
Konstruktionsweise der Dampfmaschine vertraut gemacht. In seinem
Heimatort Jupille eröffnete er 1812 eine eigene kleine
Kesselschmiede, die sich auf den Bau von Kesseln für
Dampfmaschinen spezialisierte. Schon zwei Jahre später
errichtete er die erste Dampfkesselfabrik des Kontinents in Weiden
bei Aachen, dem folgte 1831 ein Zweigwerk in der Stadt Aachen, das
nach seinem Tod im Jahre 1839 der älteste Sohn Jacques
übernahm und weiterführte. Ein anderer Sohn Piedboeufs,
Jean Pascal, wagte als einer der ersten Aachener Unternehmer
wallonischen Ursprungs den Sprung in Richtung Ruhrgebiet. Zusammen
mit seinen Söhnen gründete er in Düsseldorf-Oberbilk
ein veritables Unternehmenskonglomerat, bestehend aus der 1857
errichteten Kesselfabrik, einem im Folgejahr gegründeten
Eisenblech-Walzwerk („Piedboeuf, Dawans & Co“)
sowie dem Röhrenwerk „J.P. Piedboeuf & Co“.
Mit Ausnahme der Kesselfabrik handelte es sich dabei um
Kooperationen mit anderen belgischen Industriellen. Piedboeuf
übernahm mit diesem Schritt für viele wallonische
Unternehmer, die sich später im Ruhrgebiet ansiedelten, eine
Vorbildfunktion.44)
Anders als im Fall des Piedboeufschen Dampfkesselbaus, der vom
industriellen Aufschwung des Ruhrgebietes nachhaltig profitierte,
wirkte sich die nachlassende Industrialisierungsgeschwindigkeit im
Aachener Raum gegen Ende des Untersuchungszeitraumes dämpfend
auf den Absatz der hier hergestellten Dampfmaschinen aus. Die
Veränderung von Anzahl und Verteilung der aufgestellten
Dampfmaschinen spiegelt die regionale Verschiebung der
Industrialisierungsdynamik in Deutschland deutlich wieder.
Spätestens seit den 1850er Jahren nahm der Anteil des Aachener
Raumes am gesamten Dampfkraftvolumen Preussens stetig zugunsten des
Saar- und Ruhrgebietes sowie Sachsens ab.45) Zugleich
verlor der Aachener Maschinenbau seine Vorreiterrolle an die
florierenden Maschinenbauzentren Zwickau und Berlin.
An dieser Stelle wollen wir noch einmal auf die Rolle der Eisenbahn
bei der Industrialisierung des Aachen-Dürener Raumes zu
sprechen kommen. Aufbau und Unterhalt des Eisenbahnnetzes hatten
nicht nur – wie gezeigt werden konnte – nachweisliche
Rückkoppelungseffekte auf die hiesige Eisenwarenindustrie, die
Schienen, Räder und Achsen lieferte. Mit der Gründung der
Waggonfabrik „Pauwels & Talbot“ 1838 –
übrigens die erste ihrer Art in Deutschland – entstand
sogar ein völlig neuer Industriezweig in Aachen. Auch hier kam
das entscheidende Know-how aus Belgien bzw. England. Der englische
Waggonbau hatte insbesondere im Bezug auf Zubehörteile wie
Achsen, Achsenhalter, Räder oder Federn bis weit in die 1840er
Jahre hinein eine beherrschende Position.46) Und doch
ging es gerade im Fall des Aachener Waggonbaus – anders als
etwa bei den Berliner bzw. den sächsischen
Eisenbahngesellschaften – nicht darum, englische Wagen zu
importieren, um sie vor Ort nachzubauen. Vielmehr spielte hier der
„capacity transfer“ durch belgische Techniker, die
zugleich auch Unternehmer waren, die entscheidende Rolle. Der
gelernte Kutschenbauer Pierre Pauwels hatte bereits Erfahrungen bei
der Wagenherstellung für die Strecke Brüssel-Mechelen
gesammelt. Sein Unternehmen hatte von Brüssel aus auch
Eisenbahnwagen an die Leipzig-Dresdener-Eisenbahn geliefert.
Zusammen mit dem Aachener Kaufmann Hugo Jacob Talbot, der als
preußischer Bürge und Kapitalgeber fungierte, erhielt er
von der Rheinischen Eisenbahngesellschaft einen Auftrag zum Bau von
200 Waggons. Allerdings war auch „Pauwels & Talbot“
in den ersten Jahren nach der Gründung auf die Zulieferung
wichtiger Einzelteile, wie Räder, Achsen oder Federn, aus dem
benachbarten Belgien angewiesen. Reichten doch die eigenen
Kapazitäten bei weitem nicht aus, um den Großauftrag im
vereinbarten Zeitraum von vier Jahren zu
erfüllen.47) Bald schon entwickelte sich der
Aachener Waggonbau, ausgehend von hausinternen Erfindungen und
Weiterentwicklungen des Unternehmens, kurzfristig zum
Branchenführer in Deutschland. Vereinzelt dienten Talbotsche
Waggons sogar als Baumuster, so etwa für die
München-Augsburger-Eisenbahn. Nach Fertigstellung der
Rheinischen Eisenbahnwaggons geriet das Unternehmen jedoch in
Absatzschwierigkeiten. Der Versuch, den eigenen Absatzradius bis in
den süddeutschen Raum zu erweitern, scheiterten angesichts der
akuten Wirtschaftskrise seit Mitte der 1840er Jahre sowie an der
ungünstigen großen Entfernung des Werkes zur Eisenbahn
und erzwangen dessen zeitweilige Stillegung. Die Neugründung
des Unternehmens durch die Söhne des Firmengründers und
einen Mitgesellschafter unter dem Namen „Talbot &
Herbrand“ brachte eine wesentlich verbesserte Ausrüstung
und Anbindung an die Aachener Industriebahn mit sich, sie konnte an
die Blüte der 1840er Jahre allerdings nicht mehr
anknüpfen.
Wie schon bei den Dampfmaschinen, währte auch im Maschinenbau
die gute Konjunktur für die Aachener Betriebe nicht allzu
lange. Bereits Anfang der 1840er Jahre wuchs die Konkurrenz der
Berliner und Chemnitzer Maschinenbauanstalten, die über eine
bedeutendere Betriebsgröße verfügten und als
Aktiengesellschaften organisiert waren, spürbar an. Sie
konnten nicht nur preiswerter produzieren, sondern lagen auch
näher an den wichtigen mitteldeutschen
Absatzmärkten.48) Wenngleich Aachener
Textilfabrikationsmaschinen und Eisenbahnwagen seit den 1860er
Jahren international durchaus wettbewerbsfähig waren,
erreichte die Branche ihre Pionierrolle aus den 1820er und 30er
Jahren nie wieder. Zweifellos wuchs das Arbeitskräfte- und
Unternehmerpotenzial der Branche in jener Zeit maßgeblich
durch den fortwährenden Zufluss belgischer Facharbeiter und
belgischen Kapitals. Sie konnte jedoch die Abwanderung vieler
Unternehmen in das zukunftsträchtigere Ruhrgebiet letztlich
nicht verhindern.
Fazit: Gründe, Wege und Phasen für den Wallonisch-Aachener Technologietransfer
Zusammenzufassend lässt sich festhalten, dass der
Technologietransfer in den beiden untersuchten Sektoren jeweils
erfolgreich verlaufen ist. Dabei sind für den
belgisch-deutschen Technologietransfer im Aachener Raum zwei
maßgebliche Elemente auszumachen: zum einen die
institutionellen Rahmenbedingungen und zum anderen das personale
Element.
Zu den staatlichen Förderungsmaßnahmen gehörten die
preußische Zollpolitik und die Gewährung finanzieller
Beihilfen. Die zollpolitischen Instrumente nahmen zwei verschiedene
Funktionen wahr. Einerseits förderte der Staat durch die
zollfreie Einfuhr von nachgewiesen innovativen Maschinen den
„material transfer“ englischer bzw. belgischer Technik
in den Aachener Raum. Andererseits waren Sondertarife für die
Einfuhr von wallonischen Rohstoffen und Halbzeugen – wie
Steinkohle, Roheisen oder Dampfzylindern – die Voraussetzung
dafür, dass technologische Lücken bzw.
Rückstände kompensiert werden konnten. So wäre die
erfolgreiche Einführung der Puddel- und Walzwerkstechnologie
in Düren und Eschweiler ohne die wallonischen Roheisenimporte
undenkbar gewesen. Das gleiche gilt für den bis in die 1840er
Jahre anhaltenden Import belgischer Dampfzylinder durch den
hiesigen Dampfmaschinenbau.
Direkte finanzielle Beihilfen waren im Gegensatz zur wallonischen
Industrialisierung dagegen eher die Ausnahme. Nur für die
Maschinenbaufirmen „J.L. Neumann“ und
„Gebrüder Vonpier“ sind Staatskredite
überliefert.49) Indirekte Beihilfen gewährte
der Staat zum Beispiel in Form von kostenlos bereitgestellten
Mustermaschinen.
Für den erfolgreichen belgisch-deutschen Technologietransfer
erscheint das personale Element noch entscheidender als die eben
beschriebenen institutionellen Rahmenbedingungen. Dabei kann die
Rolle, welche die belgischen Technikunternehmer, Kapitalgeber und
Fachkräfte bei der Implementierung moderner industrieller
Technologie im Aachener Gewerbe spielten, gar nicht hoch genug
eingeschätzt werden. Ein deutlicher Hinweis hierauf ist die
Tatsache, dass bis zum Ende des Untersuchungszeitraumes weiterhin
belgische Facharbeiter Schlüsselpositionen in Aachener
Unternehmen einnahmen. Ein weiterer Beleg für den besonderen
Stellenwert des Technologietransfers über Köpfe sind die
Studienreisen, die deutsche Techniker und Unternehmer immer wieder
nach Belgien und England unternahmen, um vor Ort die neuesten
Maschinen und Verfahren kennen zu lernen. Dies geschah vor allem
deshalb, weil für die Beherrschung frühindustrieller
Technologie ein besonders hohes Maß an tacit knowledge
erforderlich war. Darunter versteht man ein technisches Wissen, das
nicht kodifiziert – etwa durch technische Anleitungen und
Lehrbücher – weitergegeben werden kann. Es handelt sich
vielmehr um Erfahrungswissen, das nur durch eigene Anschauung und
betriebliche Praxis erworben wird. Entscheidend war demnach das
technische Know-how, das die hochspezialisierten ausländischen
Fachkräfte der Aachener Industrie zur Verfügung stellten.
Wenn in unserer Darstellung die englischen und belgischen
Technikunternehmer wie z.B. Samuel Dobbs und Télémaque
Michiels gegenüber der anonymen Gruppe ausländischer
Fachkräfte hervorstechen, ist dies vor allem der Quellenlage
geschuldet. Aber auch die Selbstdarstellungen der Unternehmer, wie
auch die zahlreichen Firmenfestschriften, trugen zum Mythos der
herausragenden Rolle der Technikerunternehmer bei.50)
Diese Geschichte der „großen Männer“
vermittelt insofern leicht ein falsches Bild vom personalen
Technologietransfer, der im Wesentlichen natürlich von den
vielen unbekannten Akteuren in der betrieblichen Praxis getragen
wurde.
Wenn wir noch einmal auf die eingangs eingeführten Modelle des
Technologietransfers zurückblicken, dann zeigt sich, dass
beide bezogen auf das Aachener Beispiel Stärken und
Schwächen hinsichtlich ihrer Erklärungskraft für die
dortigen Entwicklungsprozesse aufweisen. Wie im
Veblen-Gerschenkron-Modell angenommen wird, sahen die Aachener
Akteure in der wallonischen Eisen- und Maschinenbauindustrie ein
Vorbild, dem sie auf unterschiedlichen Wegen nacheiferten bzw.
dieses zu erreichen suchten. Insofern spricht die Aachener
Entwicklung für die catching-up-These des Modells.
Andererseits zeigen die genannten Fallbeispiele auch die
Schwächen dieses Ansatzes auf. Deuten doch die
Wanderungsbewegungen der Facharbeiter zwischen England, Belgien und
Deutschland darauf hin, dass der Transfer technologischen Wissens
nicht ausschließlich in eine Richtung verlief. Die
modelltheoretische Annahme, dass das Ursprungsland eine
feststehende Norm vorgibt, die das Empfängerland nach
erfolgreichem Technologietransfer erreicht, vernachlässigt den
anhaltenden technologischen Fortschritt im Geberland. Erklärt
sich doch daraus der auch am Ende des Untersuchungszeitraumes zu
konstatierende technologische Vorsprung der wallonischen
Industrie.
Vergleicht man die Annahmen aus dem Ruttan-Hayami-Modell mit der
Aachener Entwicklung, dann finden die dort formulierten drei Phasen
in Teilen ihre Entsprechung. Allerdings zeigt das historische
Beispiel, dass anstelle einer Abfolge streng voneinander zu
trennender Prozessphasen vielfach Überlagerungen und
Parallelentwicklungen stattfinden. Der „material
transfer“, d.h. der Import von Maschinen und Geräten,
war in aller Regel untrennbar mit einem „capacity
transfer“ verbunden. Waren doch für den erfolgreichen
Betrieb neuer Maschinen und Anlagen entsprechend qualifizierte
Arbeiter nötig, die in Ermangelung heimischer Fachkräfte
aus dem Ausland angeworben wurden. Was aber auch wiederum auf die
Bedeutung des personalen Elements hinweist, in dessen Betonung
gerade die Stärke dieses Modells liegt.
Auch wenn Aachen Ende der 1850er Jahre seine Vorreiterrolle im
Industrialisierungsprozess Deutschlands verlor, bleibt
abschließend die wichtige Rolle der Aachener Industrie als
Scharnier für die Einführung und Verbreitung moderner
englischer bzw. belgischer Technologie im Ruhrgebiet festzuhalten.
Trotz der Abwanderung vieler Unternehmen aus dem Aachener Raum
blieb Aachen bis weit ins 20. Jahrhundert ein bedeutender
Industriestandort. Der im Zuge des Strukturwandels nach dem Zweiten
Weltkrieg forcierte Deindustrialisierungsprozess ist mittlerweile
so weit fortgeschritten, dass man sich heute kaum mehr vorstellen
kann, wie bedeutend der Aachener Raum als Scharnier für die
Frühindustrialisierung gewesen ist.
Anmerkungen:
1) A. Paulinyi, Industrielle Revolution,
Reinbek 1989, S. 8-10, 12-14.
2) R. Fremdling; T. Pierenkemper; R.H. Tilly, Regionale
Differenzierung in Deutschland als Schwerpunkt
wirtschaftshistorischer Forschung, in. R. Fremdling; R. Tilly
(Hg.), Industrialisierung und Raum. Studien zur regionalen
Differenzierung im Deutschland des 19. Jahrhunderts, Stuttgart
1979, S. 9.
3) S. Pollard, Peaceful Conquest. The Industrialization of Europe
1760-1970, Oxford 1981, S. 45-219.
4) Zum modelltheoretischen Konzept der relativen
Rückständigkeit siehe A. Gerschenkron, Wirtschaftliche
Rückständigkeit in historischer Perspektive, in: H.-U.
Wehler (Hg.), Geschichte und Ökonomie, Köln 1973, S.
121-129.
5) R. Banken, Die Industrialisierung der Saarregion 1815-1914, Bd.
1: Die Frühindustrialisierung 1815-1850, Stuttgart 2000, S.
17-33 und T. Pierenkemper, Umstrittene Revolutionen. Die
Industrialisierung im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1996, S.
159-175.
6) H.-J. Braun, Technologietransfer im Maschinenbau seit dem 18.
Jahrhundert, in: K.-P. Meinicke; K. Krug (Hg.), Wissenschafts- und
Technologietransfer zwischen Industrieller und
Wissenschaftlich-technischer Revolution, Stuttgart 1992, S. 83-88,
hier S. 83-84.
7) V.W. Ruttan; Y. Hayami, Technological Transfer and Agricultural
Development, in: Technology and Culture 14 (1973), S.
119-151.
8) H.-J. Braun, Technologietransfer, S. 84-86.
9) Das Konzept der „Führungssektoren“ im
Industrialisierungsprozess geht zurück auf Walt W. Rostow,
Stadien wirtschaftlichen Wachstums. Eine Alternative zur
marxistischen Entwicklungstheorie, Göttingen 1960.
10) Vgl. hierzu und im Folgenden R. Fremdling, John Cockerill:
Pionierunternehmer der belgisch-niederländischen
Industrialisierung, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte
26 (1981), S. 179-193.
11) H. Lotz, John Cockerill in seiner Bedeutung als Ingenieur und
Industrieller 1790-1840, in: Beiträge zur Geschichte der
Technik und Industrie 10 (1920), S. 103-120, hier: S. 107f. und R.
Leboutte, Die Emanzipation Walloniens von der englischen Technik im
19. Jahrhundert, in: V. Benad-Wagenhoff; A. Paulinyi; U. Wengenroth
(Hg.), Emanzipation des kontinentaleuropäischen Maschinenbaus
vom britischen Vorbild, Darmstadt 1990, S. 75-87, hier: S.
75-84.
12) H. Weber, John Cockerill und seine Unternehmungen. Nebst einer
Beschreibung der großen Eisen- und Maschinen-Fabrik zu
Seraing, bei Lüttich, im Königreich der Niederlande, in:
Zeitblatt für Gewerbetreibende und Freunde der Gewerbe 9
(1829), S. 129-176, hier: S. 131. Vgl. hierzu auch H. Seeling,
Wallonische Industrie-Pioniere in Deutschland, Lüttich 1983,
S. 20-28.
13) C. Erdmann, Aachen im Jahre 1812. Wirtschafts- und
sozialräumliche Differenzierung einer frühindustriellen
Stadt, Stuttgart 1986, S. 33-38. Vgl. auch G. Fehl; D.
Kaspari-Küffen; L-H. Meyer (Hg.), Mit Wasser und Dampf... .
Zeitzeugen der frühen Industrialisierung im Belgisch-Deutschen
Grenzraum, Aachen 1991.
14) So rekrutierte sich beispielsweise aus dem im Raum Aachen
ansässigen Reservoir an handwerklich versierten
Arbeitskräften eine Unternehmerschicht, die auf das im
Verlagswesen akkumulierte Kapital gestützt zum Träger der
Industrialisierung wurde. Vgl. A. Faridi, Theoretische Grundlagen
und Modell der regionalen Industrialisierung, in: grenzenLos 3
(2004), S. 112-132, hier: S. 129f.
15) Die erste Spinnmaschine aus der Cockerillschen
Maschinenbauanstalt in Lüttich ging 1807 in Aachen in Betrieb.
Vgl. A. Korr, Die Einführung der Dampfkraft in der Aachener
Industrie bis zum Jahre 1931, Diss. Tübingen 1921, S. 36f.
Vgl. auch H.-K. Rouette, Aachener Textilgeschichte(n) im 19. und
20. Jahrhundert, Aachen 1992, S. 57-59.
16) H.-K. Rouette, Der historische Umbruch der Aachener
Tuchherstellung vom Handwerk zur Industrie, in: G. Fehl; D.
Kaspari-Küffen; L-H. Meyer (Hg.), Mit Wasser und Dampf... .
Zeitzeugen der frühen Industrialisierung im Belgisch-Deutschen
Grenzraum, Aachen 1991, S. 172-173, hier: S. 173.
17) H. Lotz, John Cockerill, S. 104-107.
18) H. Schainberg, Die belgische Beeinflussung der
Frühindustrialisierung im Aachener Raum, ca. 1820-1860, Diss.
Trier 1997, S. 230.
19) Vgl. hierzu und im Folgenden H. Schainberg, Wirtschaftliche
Verflechtungen des Aachener Raumes mit Belgien in der
Frühindustrialisierung, in: Rheinische
Vierteljahresblätter 1996, S. 185-204, hier: S. 194-195 und
200-201.
20) U. Troitzsch, Belgien als Vermittler technischer Neuerungen
beim Aufbau der eisenschaffenden Industrie im Ruhrgebiet um 1850,
in: Technikgeschichte 39 (1972), Nr. 2, S. 142-158, hier: S.
150.
21) H. Schainberg, Die belgische Beeinflussung der
Frühindustrialisierung, S. 75 und 80-81.
22) Siehe hierzu R. Fremdling, Technologischer Wandel und
internationaler Handel im 18. und 19. Jahrhundert. Die
Eisenindustrien in Großbritannien, Belgien, Frankreich und
Deutschland, Berlin 1986, S. 117-138.
23) H. Schainberg, Die belgische Beeinflussung der
Frühindustrialisierung, S. 93-94.
24) Siehe zur Firmengeschichte H. Seeling, Télémaque
Fortuné Michiels, der Phoenix und Charles Détillieux.
Belgiens Einflüsse auf die wirtschaftliche Entwicklung
Deutschlands im 19. Jahrhundert, Köln 1996, S. 9-66.
25) H. Schainberg, Die belgische Beeinflussung der
Frühindustrialisierung, S. 184f.
26) Ebd., S. 95.
27) R. Fremdling, Eisenbahnen und deutsches Wirtschaftswachstum
1840 - 1879. Ein Beitrag zur Entwicklungstheorie und zur Theorie
der Infrastruktur, Dortmund 1985.
28) H. Becker, Aachener Hütten-Aktien-Verein Rothe Erde bei
Aachen. Festschrift für den 60jährigen Gedenktag der
Inbetriebnahme seiner Werksanlagen 1847, Aachen 1907.
29) H. Weber, John Cockerill und seine Unternehmungen, S.
131.
30) K. van Eyll, Unternehmerkräfte und Technologietransfer im
Dreiländereck zwischen Maas und Inde während der
Frühindustrialisierung, in: F. Schinzinger; I. Zapp (Hg.),
Prägende Wirtschaftsfaktoren in der Euregio Maas-Rhein.
Historische und aktuelle Bezüge, Aachen, 1987, S. 16-24, hier:
S. 19.
31) H. Schainberg, Die belgische Beeinflussung der
Frühindustrialisierung, S. 101.
32) H. Schainberg, Wirtschaftliche Verflechtungen, S. 201.
33) Vgl. auch im Folgenden H. Schainberg, Die belgische
Beeinflussung der Frühindustrialisierung, S. 217-219.
34) H. Seeling, Télémaque Fortuné Michiels, S.
67-116.
35) H. Mönnich, Aufbruch ins Revier. Aufbruch nach Europa.
Hoesch 1871-1971, Dortmund 1971, S. 76f. und 91-93.
36) S. Wegener, Die Familie Thyssen in Aachen-Eschweiler und in
Mülheim a.d. Ruhr, in: H.A. Wessel (Hg.), Die Geschichte einer
Familie und ihrer Unternehmung, Stuttgart 1991, S. 13-52, hier: S.
15 und 24f.
37) H.-K. Rouette, Der historische Umbruch, S. 172.
38) H. Schainberg, Wirtschaftliche Verflechtungen, S. 191.
39) H. Schainberg, Die belgische Beeinflussung der
Frühindustrialisierung, S. 287
40) G. Adelmann, Der gewerblich-industrielle Zustand der
Rheinprovinz im Jahre 1836. Amtliche Übersichten, Bonn 1967,
S. 98.
41) H. Schainberg, Die belgische Beeinflussung der
Frühindustrialisierung, S. 226 und 229.
42) R. Leboutte, Die Emanzipation Walloniens von der englischen
Technik im 19. Jahrhundert, S. 77f.
43) C. Bruckner, Zur Wirtschaftsgeschichte des Regierungsbezirks
Aachen, Köln 1967, S. 172f.
44) H. Seeling, Wallonische Industrie-Pioniere, S. 52-69. Dort
finden sich auch Hinweise zur Beschäftigung von belgischen
Fachkräften in den Aachener und Düsseldorfer
Werken.
45) H. Schainberg, Die belgische Beeinflussung der
Frühindustrialisierung, S. 262.
46) H. Wagenblass: Der Eisenbahnbau und das Wachstum der deutschen
Eisen- und Maschinenbauindustrie 1835 bis 1860. Ein Beitrag zur
Geschichte der Industrialisierung Deutschlands, Stuttgart 1973, S.
25.
47) Ebd., S. 42.
48) So die Einschätzung des Aachener Landrates in einem
Bericht an die Regierung Aachen, zitiert bei H. Schainberg, Die
belgische Beeinflussung der Frühindustrialisierung, S.
306.
49) Ebd., S. 310.
50) Besonders auffällig ist hierfür die Stolberger
Industriegeschichtsschreibung, die bis in die 1980er Jahre von
„schreibenden Unternehmern“ dominiert wurde. Der
geschichtswissenschaftliche Wert dieser Werke ist – nicht
zuletzt aufgrund ihrem Hang zur Mythenbildung – als sehr
gering einzuschätzen.

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