Der Aachener Regierungspräsident Friedrich Christian Hubert Kühlwetter (1809-1882), Gemälde von Franz Reiff 1872 (Bildquelle: RWTH Aachen)
Vorgeschichte RWTH 1
Die Gründung der Aachener Hochschule geht auf die Initiative Aachener Persönlichkeiten zurück. Nach Jahren der Bewerbung war die Grundsteinlegung durch den preußischen König für den 15. Mai 1865 geplant. Doch diese Zeremonie hatte ein merkwürdiges Vorspiel ...
Wie die Hochschule nach Aachen kam ...
In den ersten Tagen des Mai 1865 war in der alten Reichsstadt Aachen eine gewisse Unruhe zu spüren. Überall in der Stadt bereitete man sich auf einen großen Festtag vor. Am 15. des Monats würde sich zum fünfzigsten Mal der Anschluß der Rheinprovinz an Preußen jähren, und der preußische König Wilhelm I. (1797-1888) und sein Sohn, der Kronprinz Friedrich Wilhelm (1831-1888), hatten aus diesem Anlaß ihren Besuch in Aachen angekündigt. 1815 war die Rheinprovinz und damit auch Aachen als Ergebnis des Wiener Kongresses zum Königreich Preußen gekommen. Die Huldigung der Bevölkerung für ihren neuen preußischen König hatte am 15. Mai 1815 vor dem Aachener Rathaus stattgefunden. Allerdings war die fünfzigste Wiederkehr dieser Huldigungsfeier nicht der einzige Grund für die königlichen Majestäten, Aachen zu besuchen. Der preußische König kam auch in die alte Kaiserstadt, um im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten den Grundstein zur Königlich Rheinisch-Westphälischen polytechnischen Schule zu Aachen zu legen, den Grundstein für das erste preußische Polytechnikum.
Am Nachmittag des 5. Mai, einem Freitag, zehn Tage vor der geplanten königlichen Grundsteinlegung, vollzog sich am Templergraben unmittelbar unterhalb der Gleisanlagen des Bahnhofs Templerbend eine ungewöhnliche Zeremonie. Auf dem palisadenartig eingezäunten Bauplatz, auf dem sich einmal der repräsentative Neubau des Aachener Polytechnikums erheben sollte, begrüßte der leitende Regierungsbaumeister Ferdinand Esser eine Gruppe hochrangiger Aachener Persönlichkeiten. Unter Führung und wahrscheinlich auch auf Betreiben des Aachener Regierungspräsidenten Friedrich Christian Hubert Kühlwetter (1809-1882) hatten sich die Spitzen der lokalen Behörden und eine Reihe namhafter und einflußreicher Aachener Fabrikanten, Kaufleute und wohlhabender Privatiers, die allesamt einem Privaten Comiteé zur Errichtung einer Polytechnischen Schule in Aachen angehörten, am Rande der frisch ausgehobenen Baugrube eingefunden. Vorsitzender dieses privaten Komitees war der Aachener Handelsgerichtspräsident Johann Arnold Bischoff (1796-1871); als treibende Kraft und Seele dieses Komitees (Huyskens) aber muß zweifelsohne der damalige Generaldirektor der Aachener und Münchener Feuer-Versicherung, der Hofrat Friedrich Adolf Brüggemann (1797-1878) angesehen werden.
Ein unbeteiligter Zuschauer der Szene hätte die nun folgenden Vorgänge für die Grundsteinlegungszeremonie eines bedeutenden öffentlichen Gebäudes halten können. Der Baumeister Esser begrüßte zunächst besonders den Regierungspräsidenten und übergab ihm dann eine Maurerkelle und einen Ziegelstein, den dieser nach einer kurzen Rede niederlegte und vermauerte. Nach dem Regierungspräsidenten taten alle anwesenden Herren die drei obligaten Mauerschläge auf den gerade verlegten Stein. Die Feier endete schließlich, der Zeit entsprechend, mit einem dreifachen Hochruf der Arbeiter und Gäste auf den Landesvater, den König von Preußen.
Doch was sich an jenem Freitagnachmittag dort abspielte, wo sich heute das Hauptgebäude der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen erhebt, durfte keine Grundsteinlegung sein. Denn die Grundsteinlegung der ersten polytechnischen Schule Preußens war dem König selbst vorbehalten. Wenn wir von dieser etwas ungewöhnlichen Vorfeier wissen, dann allein wegen eines wenige Tage später in der regierungsnahen Aachener Zeitung veröffentlichen Berichtes. Da die Zeremonie auf dem Bauplatz kaum geheim bleiben konnte, diente die Zeitungsnotiz offenkundig dazu, dem Anschein vorzubeugen, ein Aachener Regierungspräsident betreibe durch eine vorweggenommene Grundsteinlegung Insubordination gegen seinen König. Bezeichnenderweise zitiert das Blatt dann auch aus den Begrüßungsworten des Baumeisters Ferdinand Esser die Begründung für diese ungewöhnliche Zeremonie: Wie Sie, Herr Präsident, an der Spitze der Verwaltung, an der Sie stehen, berufen sind, die Bedürfnisse Ihres Bezirks, dessen Wohl und dessen Weh, sowie Ihren erfahrenen und vielerprobten Rath an die Stufen des Thrones zu bringen, und so gleichsam die Substruktionen zu bereiten, auf denen der Landesherr den Grundstein zum Wohle und Heile seiner Staaten sicher niederlege, so geziemt es auch hier Ihnen, Herr Präsident, dessen Verdienst und Name auf immer mit dem Geschick und der Geschichte dieses Institutes aufs engste verbunden sein wird, das Lager herzurichten, auf dem der von Seiner Majestät zu verlegende Grundstein sicher gebettet sei. Und ebenso betont die Notiz jene Passage aus der Rede des Regierungspräsidenten, wonach die jetzt zu verrichtende Handlung keineswegs zu verwechseln sei mit der Grundsteinlegung, welche Letztere sich ja Se. Majestät Selbst vorbehalten habe; daß es hier vielmehr nur gelte den ersten Stein zum Grundsteine zu verlegen. Es entsprach durchaus dem ehrgeizigen und keineswegs von Eitelkeiten freien Charakter des damaligen Aachener Regierungspräsidenten, den offiziellen Feierlichkeiten und der königlichen Grundsteinlegung eine kleine, den eigenen Anteil betonende Siegesfeier im Kreise derer vorausgehen zu lassen, denen die Stadt diese höhere technische Lehranstalt verdankte, und die so lange mit ihm für Aachen als Standort eines preußischen Polytechnikums gerungen hatten. Auffällig war nur, daß offizielle Vertreter der Stadt -sofern sie nicht gerade Mitglieder des privaten Komitees waren- an der Zeremonie nicht beteiligt waren.
Zu jener Zeit hatten die Unterstützer einer Aachener Polytechnikumsgründung allen Grund zum Feiern. Seit 1858 hatten sich der Aachener Regierungspräsident, namhafte Aachener Industrielle und die Repräsentanten der Stadt bemüht, Aachen zum Standort des ersten preußischen Polytechnikums zu machen. In fünfjährigen Verhandlungen und Auseinandersetzungen hatten sie Vorbehalte der preußischen Ministerialbürokratie gegen Aachen als Standort überwunden, hatten die Kölner Ambitionen einer Polytechnikumsgründung schließlich durch großzügige private Finanzierungsangebote ausgehebelt und erreichten Ende 1863 schließlich, daß Aachen durch allerhöchste Ordre zum Standort der Königlich Rheinisch-Westphälischen Polytechnischen Schule zu Aachen ausgewählt wurde. Im Mai 1865, die Stadt bereitete sich allerorten bereits auf den Besuch des Königspaares vor, waren der Bauplatz erworben, der Baumeister für die neue Staatsanstalt gewählt und dessen Pläne für das Schulgebäude vom Ministerium begutachtet und genehmigt worden. Fünf weitere Jahre sollten bis zur Fertigstellung des repräsentativen Baus und bis zur Eröffnung der Schule am 10. Oktober 1870 noch vergehen. Doch das Jahr der Grundsteinlegung markiert einen gewissen Einschnitt, ohne daß die Beteiligten an Vorfeier und Grundsteinlegung sich dessen bereits bewußt gewesen wären: Bis zu diesem Zeitpunkt war die Bestrebungen um eine polytechnische Schule weitgehend eine Aachener Angelegenheit gewesen. Von nun an jedoch, da die Aachener Neugründung beschlossen und der Termin der Eröffnung absehbar war, bestimmten zunehmend außerstädtische Einflüsse die Entwicklung der polytechnischen Anstalt im äußersten Westen des preußischen Königreichs.


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