1. Ludwig Prechtl (1778-1854), Gründer des Polytechnischen
Instituts in Wien und Vordenker der Polytechnika.
(Bildquelle: Die deutschen Technischen Hochschulen, 1941)
2. Das Wiener Polytechnische Institut 1815
3. Das Karlsruher Polytechnikum um 1825
4. Die Polytechnische Schule in Hannover 1834
(v.o.n.u.)
Vorgeschichte RWTH 2
Die Entwicklung der polytechnischen Schulen von der Pariser École Polytrechnique über das Wiener und Karlsruher Polytechnikum zur Berliner Gewerbe-Akademie. Erziehung zur Industrie: Bildung als wesentliches Element der Gewerbeförderung.
Die Entwicklung der polytechnischen Schulen
Heute, mehr als 125 Jahre nach ihrer Eröffnung, ist die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule so selbstverständlich mit dem Namen der Stadt Aachen verbunden, daß das ehemals Ungewöhnliche dieser Standortentscheidung dahinter zurücktritt. Aber noch gegen Ende des Jahrhunderts bedauerte der ehemalige Aachener Maschinenbauprofessor und spätere Rektor der Technischen Hochschule in Berlin Charlottenburg Alois Riedler (1850-1936) in seinen Ausführungen über Unsere Hochschulen und die Anforderungen des zwanzigsten Jahrhunderts, ... dass Aachen und Braunschweig eine ihren hohen Bestrebungen besser entsprechende örtliche Lage verdienten. Man muß diese Bemerkung Riedlers vor dem Hintergrund sehen, daß nach der Gründung des Polytechnischen Instituts 1815 in Wien weitere polytechnische Schulen (bzw. die höheren Gewerbeschulen als deren Vorläufer) nahezu ausschließlich in den Hauptstädten deutscher Territorien entstanden waren: 1825 in Karlsruhe (Baden), 1826 in Darmstadt (Hessen), 1827 in München (Bayern), 1828 in Dresden (Sachsen),1829 in Stuttgart (Württemberg), 1830 in Kassel (Kurhessen), 1831 in Hannover (Königreich Hannover) und 1836 durch Angliederung einer Technischen Abteilung an das »Collegium Carolinum in Braunschweig (Herzogtum Braunschweig). Allein Preußen als am weitesten industrialisierter und flächenmäßig größter deutscher Territorialstaat hatte sich mit der Gründung einer eigenen polytechnischen Schule lange zurückgehalten. Zwar gab es seit 1799 in Berlin eine Bauakademie zur Ausbildung von Baubeamten und seit 1821 ein Gewerbeinstitut, an dem Maschinenkunde, chemische und mechanische Technologie gelehrt wurde, aber polytechnische Schulen waren beide Anstalten nicht. Erst 1879 sollten sie zur Technischen Hochschule Berlin vereinigt werden. Als Aachen schließlich 1863 zum Standort eines preußischen Polytechnikums bestimmt wurde, war diese Gründung zwar die erste in Preußen, gleichwohl gehörte sie zu den späten Polytechnikumsgründungen. Das neue Polytechnikum lag am äußersten westlichen Rand des Königreichs und zudem in einer ausgesprochen katholischen Stadt, deren Bevölkerung für ihre mißtrauischen Vorbehalte gegen alles preußisch-protestantische bekannt war. Eine preußische Staatsanstalt unterlag zwangsläufig den Auswirkungen eines solchen gegenseitigen Mißtrauens zwischen Stadt und Staatsregierung. Wenn das Aachener Polytechnikum bei seiner Eröffnung 1870 schließlich doch nicht das erste in Preußen wurde, so war auch dies, wie schon der verspätete Eintritt Preußens in die Entwicklungsgeschichte deutscher Polytechnika, ein unmittelbares Ergebnis preußischer Geschichte. Denn mit dem Königreich Hannover kam 1866 als Folge des Deutschen Krieges auch das Hannoveraner Polytechnikum zu Preußen. Während in den anderen deutschen Territorialstaaten die Verwaltung der Lehranstalten einer einheitlichen ministeriellen Zentralinstanz unterstanden, oblag in Preußen die Aufsicht von allgemeinbildenden Schulen und gewerblich-technischen Lehranstalten unterschiedlichen, miteinander konkurrierenden Ministerialinstanzen. Die allgemeinbildenden Schulen unterstanden dem 1817 aus dem Innenministerium ausgegliederten Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, während die gewerblich-technischen Schulen seit 1848 dem Handelsministerium zugeordnet waren. Ein weiterer Grund für die preußische Verspätung bei der Gründung polytechnischer Schulen war ideologischer Natur und hat seinen Hintergrund in der Entwicklungsgeschichte des polytechnischen Gedankens.
Die Pariser École Polytechnique
Alle höheren technischen Ausbildungsinstitute des deutschsprachigen Raumes standen in der Tradition der Mutter aller polytechnischen Schulen, der 1794/95 in Paris durch den Mathematiker, Ingenieur und Staatsmann Lazare Carnot (1753-1823) gegründeten und nach Lehrplänen des Physikers und Mathematikers Gaspard Monges (1746-1818) organisierten École Polytechnique. An der auf staatlich-militärische Aufgaben ausgerichteten und ebenso geführten École, einer Gründung im Geiste von Aufklärung und Revolution, lehrte der französische Staat in einer Art allgemeiner wissenschaftlicher Vorschule seinen Ingenieurnachwuchs die allgemeinen theoretischen Grundlagen der Naturwissenschaften, der Mathematik und des mathematisch-technischen Zeichnens, bevor die Polytechniker an den sogenannten écoles spéciales bzw. écoles d'application für Brücken- und Wegebau, für Bergbau, Schiffbau und militärisches Ingenieurwesen ihre praktische Ausbildung vervollständigten. Ihre erste große und heroische Zeit (Schnabel ) erlebte die Pariser Schule unter Napoleon Bonaparte. Er unterstellte die École dem Kriegsminister und rekrutierte sein Geniekorps (Pioniere) zunehmend aus Absolventen der École Polytechnique. Sie waren nicht allein im militärischen Bereich für den Brücken-, Wege-, Festungs-, Flotten- und Hafenbau tätig, sondern wurden ebenso für zivile und merkantile Projekte einer kontinentalen, französischen Industrieförderung eingesetzt. Die Bedeutung der Pariser Schule für die Entwicklung der technischen Wissenschaften und des technischen Unterrichts lag in dem von ihr vermittelten Bewußtsein von Technik als einer Form angewandter Naturwissenschaft, also der glücklichen Verbindung von theoretischer Forschung und praktischer Anwendung, von reiner Mathematik und Physik, von Zeichenkunst, von Bau- und Konstruktionsübungen, wie es im Livre du Centenaire der École Polytechnique hundert Jahre nach ihrer Gründung hieß. Sie wurde in dieser methodischen Ausrichtung und durch die Kraft ihres Beispiels zum Vorbild aller späteren polytechnischen Anstalten im deutschsprachigen Raum.
Das Wiener Polytechnikum
Während allerdings die Pariser »École Polytechnique ausschließlich für den Staatsdienst und das Militär ausbildete, wurden die Polytechnika des deutschsprachigen Raumes von Anfang an in ihrer Lehrorganisation und in der Zielsetzung ihrer technischen Ausbildung stärker auf den zivilen gewerblichen Bereich ausgerichtet. Seit dem 1810 von dem Naturwissenschaftler und Ingenieur Ludwig Prechtl (1778-1854) ausgearbeiteten »Plan zu einem Polytechnischen Institut in Wien galt die organische Einheit von naturwissenschaftlich-mathematischen Grundstudien und nach Fachsektionen gegliederten Spezialstudien als konstitutiv für eine "Polytechnische Hochschule". Aus Prechtls Fachsektionen entwickelte sich im Verlaufe der Zeit zunächst die Abteilungs- und sehr viel später - in Anlehnung an Organisationsformen der Universitäten - die Fakultätsgliederung der Technischen Hochschulen. Die heute nicht mehr nur begriffliche Übereinstimmung organisatorischer und verfassungsmäßiger Strukturen zwischen Universität und Technischer Hochschule verschleiert dabei die bereits von Prechtl begründete Forderung einer eigenständigen und gleichberechtigten wissenschaftlichen Entwicklung der technischen Hochschulen als »universitas scientiarum technicarum, als Gesamtheit aller technischen Wissenschaften, in deutlicher Trennung und Abgrenzung von den traditionellen Universitäten. Insofern ging der Wissenschaftsanspruch der erst noch zu gründenden deutschen polytechnischen Hochschulen von Anfang an über das Selbstverständnis der Pariser »École Polytechnique hinaus. Im Unterschied zu ihr sollte die polytechnische Ausbildung eben genauso wenig Technik als Form angewandter Naturwissenschaft vermitteln, wie sie in deutlicher Unterscheidung zu den deutschen Universitäten keine »reine, von allen pragmatischen Zweckbestimmungen freie Wissenschaft oder aber bloße Empirie vermitteln sollte. Der Unterricht solle, so Prechtl, nicht gelehrt sein, d.h. die Wissenschaften sollen nicht als Selbstzweck dienen, sondern nur als notwendiges Mittel zur richtigen und sicheren Ausübung der verschiedenen hierher gehörigen Geschäfte des bürgerlichen Lebens. Aber er darf auch nicht falsche Popularität auf dem Niveau einer völlig ungebildeten Fassungskraft erstreben, weil dann Wesen und Würde der Wissenschaft zugrunde geht und der Zweck nicht erreicht wird! Der Anspruch der polytechnischen Institute, wie er exemplarisch seit 1815 für die ersten Jahrzehnte im Wiener Polytechnischen Institut seinen Ausdruck fand, lautete: Schaffung einer Institution für die wissenschaftliche Technik, in der wissenschaftliche Theorie und gewerbliche Empirie und Praxis nicht nur für die technischen Staatsdienste, sondern auch für die gewerbliche Wirtschaft zu einer organischen Einheit zusammenfinden sollten.
Nebenius und die Karlsruher Polytechnische Schule
Auf deutschem Boden fand diese Prechtlsche Konzeption ihre erste und konsequenteste Verwirklichung in der 1825 durch Zusammenlegung einer Bauakademie und Ingenieurschule gegründeten und 1832 durch Carl Friedrich Nebenius (1785-1857) reformierten Karlsruher Polytechnischen Schule, wo die organische Verbindung von mathematisch-naturwissenschaftlicher Grundausbildung mit weiterführenden technisch spezialisierten Fachschulen für lange Jahre vorbildlich organisiert wurde. Ihre Bedeutung unter den deutschen polytechnischen Schulen und ihre Fernwirkung auch auf das Aachener Polytechnikum lag in der Geltung und dem Einfluß ihrer Lehrer und zum Teil nicht minder bedeutenden Schüler, aber auch in der relativen geographischen Nähe zu Aachen. Der Karlsruher Polytechniker Ferdinand Redtenbacher (1809-1863), Begründer des wissenschaftlichen Maschinenbaus und Förderer einer auch humanistisch geprägten Ingenieurausbildung, fand seine Würdigung in der Aula des neuen Aachener Polytechnikums unter den Medaillons der hervorragendsten Männer aus Naturwissenschaft und Technik. Sein Nachfolger Franz Grashof (1826-1893), erster und bedeutender Vorsitzender des Vereins Deutscher Ingenieure, nahm noch persönlich auf die innere verfassungsmäßige Ausgestaltung der neuen Aachener Hochschule Einfluß. Der aus Eschweiler gebürtige Franz Reuleaux (1829-1905), späterer Rektor der Technischen Hochschule Berlin und der ebenfalls aus Eschweiler stammende August Thyssen (1842-1926) zählten ebenso zu den Absolventen der Karlsruher Anstalt wie der spätere Generaldirektor der Berg- und Hütten-Aktiengesellschaft zu Stolberg und Westfalen, Elias Landsberg (1820-1888). Auch Moritz Honigmann (1844-1918), Begründer und Inhaber der ersten deutschen Ammoniaksoda-Fabrik in Würselen, ein bedeutender Förderer der Aachener Hochschule und zugleich einer ihrer ersten Ehrendoktoren wie auch der später am Aachener Polytechnikum lehrende Architekt Heinrich Damert (1836-1904) hatten die Karlsruher Anstalt besucht.
Ihr Gründer Nebenius war hoher badischer Staatsbeamter. Als Vertreter eines wirtschaftlichen Liberalismus im Sinne des schottischen Nationalökonomen Adam Smith (1723-1790) bezweifelte er den Nutzen staatlich-merkantiler Gewerbeförderung durch privilegierte Privatbetriebe, Prämien und unmittelbare staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. Für ihn war die einzig mögliche Art staatlicher Gewerbeförderung die Unterstützung intellektueller Ausbildung zur Hebung der privaten Industrien und Gewerbe. In Abgrenzung zur Pariser École Polytechnique mit ihrer Ausbildung nur für den Staatsdienst stellten für Nebenius die höheren technischen Bildungsanstalten vor allem ein Instrument zur Förderung der privaten Wirtschaft dar. Denn nach seiner Ansicht war die Bildung der höheren productiven Klassen für den Staat ebenso wichtig, als die Tüchtigkeit seiner Beamten. In seinem Buch Über technische Lehranstalten im Zusammenhang mit dem gesamten Unterrichtswesen und mit besonderer Rücksicht auf die polytechnische Schule in Karlsruhe, das 1833 erschien und die theoretischen Grundlagen seiner Reform des Karlsruher Polytechnikums enthielt, begründete Nebenius die Aufgabe technischer Bildungsanstalten so: Bei einer wachsenden Bevölkerung und voller Ausnutzung der natürlichen Hilfsquellen sei eine notwendige gewerbliche Produktionssteigerung allein durch eine Verringerung des Aufwandes im Verhältnis zum Resultat, d.h. durch Verbesserung der Produktivität möglich. Diese Fortschritte der Production aber könne die Regierung durch die Gründung zweckmäßiger Unterrichtsanstalten in dreifacher Hinsicht unterstützen: Sie macht die bekannten Anwendungen nützlicher Kenntnisse ... zum Gemeingut der producirenden Classe und verstärkt daher den wohltätigen Einfluß solcher Kenntnisse auf die Gesammtproduction; bekannten Wahrheiten, die ihren Weg von der Theorie zur Praxis noch nicht gefunden, verschafft sie durch deren Verbreitung unter der productiven Classe eine fruchtbare Benutzung, und unterstützt daher auf die wirksamste Weise das von der Liebe zum Gewinne geleitete Streben der Producenten zur Verbesserung der Hervorbringungsmethoden; sie setzt diese Classe, indem sie ihr Gelegenheit zu einem gründlichen Unterricht darbietet, endlich in den Stand, durch richtige eigene Beobachtungen bei ihren Berufsarbeiten, durch Nachdenken über das Beobachtete, so wie über zufällig wahrgenommene Erscheinungen und durch zweckmäßige Versuche neue Wahrheiten zu entdecken, welche gleich unmittelbar ihre gewinnbringende Anwendung in dem Gebiete der Production finden.
Konstitution und Maschine - Liberalismus und Polytechnika
Nebenius war aber nicht allein der große Reformator des Karlsruher Polytechnikums. Von ihm stammte ebenfalls der Entwurf der liberalen badischen Verfassung von 1818. Diese in der Person Nebenius' deutlich werdende Verbindung von Konstitutionalismus und Polytechnikum kennzeichnet den allgemeinhistorischen und ideologischen Zusammenhang, in den die Träger des polytechnischen Gedankens einzuordnen sind. Die weltanschauliche Dimension, dessen bildungspolitischer Ausdruck der polytechnische Gedanke ist, hat der der Karlsruher Technischen Hochschule eng verbundene Historiker und Ehrendoktor der Aachener Hochschule Franz Schnabel im technikgeschichtlichen Band seiner Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert über Erfahrungswissenschaften und Technik in der prägnanten Formulierung zusammengefaßt, wonach Konstitution und Maschine der Lebenszweck des Bürgertums im letzten Jahrhundert gewesen sei. Die Förderer und Verfechter eines technischen, an den sogenannten Realien orientierten Bildungswesens mit dem Polytechnikum als oberste Ausbildungseinrichtung handelten und argumentierten vor dem Hintergrund liberalen Gedankengutes. Die verfassungsmäßige Absicherung bürgerlicher Teilhabe an der staatlichen Macht, die von der Aufklärung entwickelten Vorstellungen über die auch vom Staat zu respektierenden Rechte und Freiheiten des Individuums, aber auch die von Adam Smith theoretisch begründeten Forderungen von wirtschaftlicher Freizügigkeit und Selbstorganisation bildeten den geistig-weltanschaulichen Hintergrund eines nicht nur nach wirtschaftlicher Autonomie, sondern auch nach politischer Emanzipation strebenden Bürgertums. Gerade diese politische Dimension des Polytechnischen, seine Nähe zum liberalen Verfassungsgedanken und das dadurch begründete praktisch politische Engagement manches Polytechnikers machten Begriff und Idee des Polytechnischen, wie der Direktor des Polytechnikums in Hannover und Begründer der mechanischen Technologie Karl Karmarsch (1803-1879) in seiner Autobiographie erzählt, den konservativen, monarchisch-reaktionären Kräften verdächtig. Während in den liberaleren, aber industriell rückständigeren süddeutschen Staaten polytechnische Vereine und Institute entstanden, fällt die begriffliche Abstinenz bei gleichen oder ähnlichen Einrichtungen im wirtschaftlich und industriell weiter entwickelten Preußen auf. Zumindest keine staatliche Institution in Preußen hieß polytechnisch. Hatte es zwischen 1819 und 1821 noch Überlegungen gegeben, die Düsseldorfer Kunstakademie um eine polytechnische Schule zu erweitern, so waren spätestens 1831 alle Pläne des gemäßigt liberalen ersten preußischen Kultusministers Karl Reichsfreiherr vom Stein zum Altenstein (1770-1840), in Berlin eine Polytechnische Schule zu gründen, auch daran gescheitert, daß dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) das ganze bildungspolitische Konzept der Polytechnika politisch verdächtig war. Noch 1866 erhielt das Berliner Gewerbe-Institut nach einer Phase zunehmender Verwissenschaftlichung und Neuorganisation der Lehrinhalte im Sinne eines Polytechnikums ausdrücklich den Namen einer Gewerbe-Akademie.
So wie Nebenius in Baden gehörten auch in anderen deutschen Staaten die Förderer des technischen Bildungswesens zunächst häufig der liberalen höheren Beamtenschaft an. In Preußen stehen hierfür beispielhaft die für Handel und Gewerbe zuständigen Staatsräte Gottlob Johann Christian Kunth (1757-1829) und Peter Christian Wilhelm Beuth (1781-1853). Beide entstammten dem Wirkungskreis jener fortschrittlich denkenden Männer, welche die Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen trugen und durchsetzten. Beide waren überzeugte Anhänger der Wirtschaftstheorien eines Adam Smith und sahen entsprechend dem Bildungspathos jener Zeit in der Erziehung zur Industrie den Weg zum wirtschaftlichen Aufstieg Preußens. Technische Bildung wurde besonders von ihnen als wesentliches Element einer staatlichen Gewerbeförderung erkannt und propagiert.
Erziehung zur Industrie
Die Einsicht in die Notwendigkeit technisch-industrieller Bildung entstammte einerseits einem Gefühl technisch-industrieller Rückständigkeit gegenüber den Industrien Englands und Frankreichs, andererseits einem bürgerlichen Bildungsethos, wonach, wie Beuth es 1822 bei der Eröffnungsversammlung des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen ausdrückte, die Bildung einem Stande hauptsächlich Ansehn und Wichtigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft gebe und sichere. Die bekanntesten Mitglieder des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen stehen gleichsam für sein Bildungsprogramm: die Bildhauer Christian Daniel Rauch und Johann Gottfried Schadow, der Baumeister Karl Friedrich Schinkel, der seinerzeit bekannteste Landwirt und Begründer einer ersten landwirtschaftlichen Akademie in Preußen Albrecht Daniel Thaer, die Gebrüder Humboldt und die preußischen Reformer vom Stein und Gneisenau. Technische Bildung als Motor der Industrialisierung und damit des wirtschaftlichen Fortschritts, aber auch als Grundlage sozialer Anerkennung wurde im Verlaufe des 19. Jahrhunderts eine spezifisch deutsche Strategie.
Die erste Grundlage des Fabrikwesens sind wissenschaftliche Kenntnisse und gebildeter Geschmack, stellte bereits 1817 der preußische Staatsrat Kunth fest und sah in einem Bericht aus dem Jahre 1818 die Aufgabe der von ihm betriebenen staatlichen Gewerbeförderung im wesentlichen in der Hülfe, welche von Staatswegen geleistet werden kann, in dem einzigen Worte begriffen: Bildung! Der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859), der bis 1827 in Paris gelebt und in den Laboratorien der École Polytechnique geforscht hatte, warnte im Jahre seiner Rückkehr nach Berlin in einer Vorlesung: Diejenigen Völker, welche an der allgemeinen industriellen Thätigkeit, in Anwendung der Mechanik und technischen Chemie, in sorgfältiger Auswahl und Bearbeitung natürlicher Stoffe zurückstehen; bei denen die Achtung einer solchen Thätigkeit nicht alle Classen durchdringt: werden unausbleiblich von ihrem Wohlstande herabsinken. Sie werden es um so mehr, wenn benachbarte Staaten, in denen Wissenschaft und industrielle Künste in regem Wechselverkehr mit einander stehen, wie in erneuerter Jugendkraft vorwärts schreiten. Der liberale Kölner Fabrikant, Kaufmann und Handelskammerpräsident Gustav Mevissen (1815-1899) hatte sich im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau seit Ende der vierziger Jahre mit Fragen der technischen Bildung beschäftigt und schließlich für Köln eine polytechnische Schule gefordert. Triebfeder dieser Forderung Mevissens war der Gedanke: Nur durch höhere geistige Cultur vermag der deutsche Industrielle die Concurrenz des in vielen Beziehungen überlegenen Auslandes zu überwinden.


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