Vorgeschichte

Vorgeschichte RWTH 3

Im 19. Jahrhundert gehörte Aachen zu denen am weitesten entwickelten Industrieregionen Deutschlands. - Die allgemeine Schulsituation.- Gewerbeschulen und naturwissenschaftliche Vereine. - Industrielle Entwicklung. -Technologietransfer und Migration.

Technische Bildung und industrieller Fortschritt in Aachen

Es bleibt ein bemerkenswerter Vorgang, daß bis zu Mevissens Forderung nach einer Kölner polytechnischen Schule für das Rheinland offenkundig niemand in Aachen an eine Polytechnikumsgründung dachte. Zumindest öffentlich wurde bis 1858 nicht darüber diskutiert. Immerhin dürfte der an der Pariser École Polytechnique propagierte Geist vom Nutzen und der Notwendigkeit naturwissenschaftlich-technischer Bildung und deren praktische Anwendung im französischen Aachen nicht ganz unbekannt gewesen sein. 1815 schrieb der bekannte Aachener Apotheker und Chemiker Johann Peter Joseph Monheim (1786-1855) in seinem Lebenslauf, mit dem er sich um Aufnahme an der Philosophischen Fakultät der Universität Göttingen bewarb: »Im Jahre 1806 gieng Ich nach Paris, wohnte den öffentlichen und privaten Kursen über Pharmacie von Deyeux, über Naturlehre von Lefèvre-Gireaux, und über Chemie von Vauquelin, Fourcroy, und Thenard bey«. Die Chemiker Antoine Francois Fourcroy (1755-1809), Louis Jacques Thénard (1777-1857) und Louis Nicolas Vauquelin (1763-1829) wirkten um diese Zeit an der Pariser École Polytechnique. Bei Vauquelin arbeitete Monheim im Verlaufe seiner Pariser Studien als Assistent. Seine späteren wissenschaftlichen Studien und Aktivitäten etwa in der 1822 vom Naturforscher Lorenz Oken (1779-1857) gegründeten Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, deren 25. Jahrestagung er im September 1847 in Aachen als Vorsitzender geleitet hatte, oder sein Mitwirken in der »Aachener Gesellschaft für nützliche Wissenschaften« und im »Aachener Verein zur Gründung einer naturhistorischen Bibliothek« legen eine solche Vermutung nahe.

Die allgemeine Schulsituation in Aachen

Zwar war die allgemeine Schulsituation in Aachen zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgesprochen schlecht. Von den etwa 4800 schulpflichtigen Kindern erhielten 1814 gerade 1558 Unterricht. Und ein Jahrzehnt später besuchten in Aachen erst ca. 3000 von 7368 Kindern im schulpflichtigen Alter regelmäßig den Volksschulunterricht. Die Kinderarbeit in den Fabriken verhinderte lange Zeit die Durchsetzung einer 1825 vom preußischen König dekretierten allgemeinen Schulpflicht. Noch 1829 berichtet der Aachener Lehrer und Chronist Christian Quix (1773-1844) in seiner historisch-topographischen Beschreibung Aachens über die in den Fabriken arbeitenden Kinder: »Es ist traurig, wie in Fabrikstädten Tausende Menschen in einem enge Raume zusammengedrängt sind, und durch ungünstige Umstände aller Art die Moralität jener Kleinen gefährdet wird, die ihre Armuth nöthigt, das drückende Joch der Arbeit, unter Entbehrung alles Schulunterrichtes von ihrer Kindheit an, auf sich zu nehmen, um nur kümmerlich ihren Lebensunterhalt zu erringen.«

Aber so schlecht die Lage der Elementarschulen einerseits war, die Stadt beherbergte auf der anderen Seite immerhin die älteste preußische Provinzialgewerbeschule in ihren Mauern. Bereits während der Reformzeit hatte der Freiherr vom Stein im Zusammenhang mit dem bereits erwähnten Gottlob Kunth die Einrichtung von Anstalten zur Verbreitung technischer Kenntnisse angeregt. Noch bevor Beuth - seit 1818 Leiter der Abteilung für Handel und Gewerbe im preußischen Innenministerium und zugleich Direktor der 1819 gegründeten Königlich Technischen Deputation für Handel und Gewerbe - 1820 den Erlaß zur Errichtung von sogenannten Provinzialgewerbeschulen in jedem preußischen Regierungsbezirk durchsetzen konnte, war mit Beginn des Jahres 1818 in Aachen eine Sonntags-Bauhandwerkerschule eröffnet worden. An ihr lehrten die städtischen Baubeamten die Schüler in der ansonsten knapp bemessenen sonntäglichen Freizeit Freihand-, Bau- und Maschinenzeichnen, Naturlehre, Baumaterial-, Maschinen, Land- und Wasserbaukunde. Im Jahre 1820 wurde diese Schule zur ersten preußischen Provinzialgewerbeschule erhoben. Zugleich bildete sie die Basis des späteren Aachener Realschulwesens, jenes allgemeinbildenden Schultyps, der im Gegensatz zum neuhumanistischen Konzept der altsprachlichen Gymnasien die lateinlose, auf berufsqualifizierender Sachkenntnis beruhende Schulausbildung leisten sollte. Einer der Direktoren dieser Gewerbeschule wurde 1862 der spätere Physikprofessor am Aachener Polytechnikum Adolph Wüllner (1835-1908). Aus der Gewerbeschule entwickelte sich zunächst das Realgymnasium mit angeschlossener Handelsschule und daran anschließend gegen Ende des Jahrhunderts die Oberrealschule. Sie unterstand der Aufsicht eines städtischen Ausschusses, der über lange Jahre nahezu ausschließlich mit Professoren der Aachener Technischen Hochschule besetzt war. An diesem Umstand und der Tatsache, daß etwa der spätere Direktor des Polytechnikums August von Kaven (1827-1891) 1877 ein vierzigseitiges »Pro Memoria betreffend die geeignetste Vorbildung für technische Hochschulen, in specie: ob das jetzige Gymnasium oder die jetzige Realschule dazu am geeignetsten ist« verfaßte, wird das genuine Interesse der Aachener Hochschullehrer an diesem Schultyp erkennbar. Innerhalb eines dualen Schulsystems sollten die Realschulen ihre Schüler auf die Technischen Hochschule vorbereiten wie die Gymnasien auf die Universität.

Naturwissenschaftliche Gesellschaften und polytechnische Vereine

Bei der Verbreitung naturwissenschaftlich-technischen Wissens spielten allerdings in der ersten Jahrhunderthälfte nicht nur schulische Einrichtungen eine Rolle. Wesentlich für den Prozeß der Industrialisierung wurden auch die seit dem ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert entstehenden naturwissenschaftlichen Gesellschaften und polytechnischen Vereine. Besonders die polytechnischen Vereine betrachteten sich als Bildungseinrichtungen, in denen durch verschiedene Arten des Informationsaustausches wie Vorträge, praktische Versuche, Ausstellungen, Fachbibliotheken die unmittelbare praktische Anwendung neuester naturwissenschaftlich-technischer Erkenntnisse gefördert werden sollten. Zu diesen Vereinen zählte etwa der 1822 gegründete Verein zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen. In seiner Tradition entstanden zahlreiche Gewerbevereine wie etwa die in Köln und Koblenz (1836). Aber bereits zu Zeiten der französischen Besatzung hatte es in den Rheinlanden private Vereinigungen gegeben, die sich mit dem Ziel der unmittelbaren praktischen Umsetzung und Nutzung naturwissenschaftlicher Erkenntnis gebildet hatten. So entstand 1801 in Aachen eine gewisse Wettstreitgesellschaft, die Société d'émulation pour l'agriculture, le commerce, les sciences et les arts, deren selbstgestellte Aufgabe es war, alle Fragen zu behandeln die für die Wissenschaft und Kunst von Bedeutung seien, alle Erfindungen zu prüfen, zu empfehlen und zu verbreiten, die mit der Landwirtschaft, der Industrie, dem Handel oder den Künsten zu tun hätten. Allerdings blieb die Wirkung, die von dieser Gesellschaft ausging, offenkundig gering. Denn bereits 1808 scheint sie nicht mehr existiert zu haben.

Von größerer Bedeutung als diese recht kurzlebige Gesellschaft war die im September 1835 gegründete Aachener Gesellschaft für nützliche Wissenschaften und Gewerbe, von den Einheimischen kurz Die Nützliche, von Spaßvögeln auch Die Unnütze genannt. Satzungsgemäßer Zweck der Gesellschaft war die Förderung der nützlichen Wissenschaften und der Gewerbe, letztere besonders auf wissenschaftlichem Wege, jedoch ohne Ausschließung anderer dazu geeignet scheinender Mittel und Belebung des Sinnes für wissenschaftliche Fortbildung überhaupt. Im Frühjahr 1836 erhielt der Verein die regierungsamtliche Zulassung durch den rheinischen Oberpräsidenten von Bodelschwingh (1794-1854). Erreicht werden sollte dieser Zweck der Förderung der nützlichen Wissenschaften und Gewerbe durch ein breites Bündel von Informations- und Bildungsveranstaltungen. Durch regelmäßige Vorlesungen über Technologie, Naturwissenschaften, reine und angewandte Mathematik und Warenkunde, aber auch durch Lektüre und Selbststudium von Büchern und Zeitschriften in der vereinseigenen Bibliothek und den Lesezimmern, durch Sammlung von Büchern, naturhistorischen Gegenständen, Sammlung von Teil- und Fertigprodukten in jeder Stufe ihrer Bearbeitung, von Modellen und Zeichnungen. Durch die Prüfung neuer Erfindungen und Verfahren, die Förderung ihrer Anwendungen, Bewilligung von Reisestipendien und Aussetzung von Preisgeldern, durch die Organisation von Industrie- und Gewerbeausstellungen und dem Kontakt zu gleichartigen naturwissenschaftlichen und gewerblichen Vereinen wollte man für den gesamten Regierungsbezirk Aachen wirken. Dazu waren innerhalb des Vereins 1836 sechs Fachsektionen eingerichtet worden, eine für physische und mathematische Wissenschaften, eine technochemische oder technologische, eine naturhistorische, eine für Bodenkultur, eine für Metallarbeiten und eine letzte Sektion für alle anderen Gewerbe. Zunächst entwickelten sich die technochemische und die naturwissenschaftliche Sektionen zu den bedeutendsten, wobei die naturwissenschaftliche Sektion bei ihrer konstituierenden Sitzung beschloß, ihre Arbeiten auf das gesamte Gebiet der Naturwissenschaften auszudehnen, ohne die Frage des Einflusses auf die Gewerbe zu sehr ins Auge zu fassen. Die Tatsache, daß eine solche Beschränkung auf die reine Lehre ausdrücklich hervorgehoben wurde, läßt im Umkehrschluß das gewerbliche Erkenntnisinteresse deutlich werden, das mit dem Besuch dieser Gesellschaft verbunden war. Bemerkenswert ist auch jener Passus der Satzungen über die Ernennung von Ehrenmitgliedern und korrespondierenden Mitgliedern, die ausdrücklich ihren Wohnsitz nicht im Aachener Regierungsbezirk haben durften. Dadurch suchte die Gesellschaft gemeinnützige, ihrem Zweck förderliche Verbindungen mit Gelehrten, Künstlern, umsichtigen Fabrikanten, geschickten Gewerbetreibenden und mit Kennern und Freunden der nützlichen Wissenschaften, Künste und Gewerbe zu fördern. Bekanntestes auswärtiges Ehrenmitglied der Aachener Gesellschaft war mit Peter Christian Beuth einer der bedeutendsten Vordenker und Förderer einer auf Bildung und Ausbildung ausgerichteten preußischen Gewerbeförderungspolitik, die ihre vornehmliche Aufgabe vor allem in der Verbreitung von technischen und wirtschaftlichen Kenntnissen sah.

Gewählter Vorsitzender der Gesellschaft über alle Jahre ihres Bestehens blieb der Arzt Epaminondas Koenen (1801-1858). Zum ersten Vorsteher wurde anfangs Johann Peter Joseph Monheim, zum zweiten Vorsteher zunächst der Kaufmann und Gründer der Aachen-Münchener Feuerversicherungs-Gesellschaft David Hansemann (1790-1864) gewählt. Hansemann verzichtete aufgrund seiner Arbeitsüberlastung auf die Übernahme dieses Posten zugunsten des gerade neuernannten Direktors der höheren Bürger- und Provinzial-Gewerbeschule Johann Joseph Kribben (1804-1855). Im April 1836 zählte die Gesellschaft bereits 174 aktive Mitglieder und wuchs im Verlaufe ihrer knapp zwei Jahrzehnte währenden Geschichte auf bis zu 700 eingetragene Mitglieder an. Der meisten Mitglieder waren Fabrikanten und Kaufleute, aber auch Ärzte, Apotheker, Lehrer und vier Geistliche gehörten der Gesellschaft an. 1837 ließ sie sich als Mitglied des Gewerbevereins für Preußen aufnehmen, auch wenn sie in ihren Zielen und ihrem Bildungsanspruch deutlich über das Maß eines gewöhnlichen preußischen Gewerbevereins hinausging.

Die Gesellschaft für Nützliche Forschungen veranstaltete 1838, 1840 und 1843 jeweils eine Gewerbeausstellung und besaß nach der letzten Ausstellung offenkundig auch eine Gewerbehalle, in der die Exponate der Ausstellungen zum Verkauf angeboten wurden. 1845 kaufte Koenen als Vorsitzender der Gesellschaft mit unzureichenden Mitteln die Alte Redoute in der Komphausbadstraße, in der dann die Gesellschaft ab 1846 für die letzten Jahre ihres Bestehens residierte. Am 30. August 1852 mußte die Gesellschaft offiziell ihre Zahlungsunfähigkeit feststellen. Das Vereinsvermögen in Form von Inventar und Sammlungen wurde im August 1853 schließlich gerichtlich versteigert und die Gesellschaft erlosch.

Wesentliche Funktionen dieser Gesellschaft übernahm wenig später allerdings der 1856 gegründete Aachener Bezirksverein des Vereins Deutscher Ingenieure. Der in Würselen geborene spätere Direktor der Oberrealschule Josef Pützer (1831-1913) gehörte während seiner Studienzeit am Berliner Gewerbe-Institut dem Verein Hütte an. Aus dieser studentischen Vereinigung heraus wurde die Idee eines Ingenieurvereins geboren, der nach dem Übertritt der Studenten in das Berufsleben den einzelnen Mitgliedern gegenseitige technische Fortbildung sichern sollte. Auf dem Stiftungsfest der Hütte 1855 wurde die Abfassung eines Entwurfes der Statuten des Vereins Deutscher Ingenieure durch eine Kommission unter dem Vorsitz Pützers beschlossen und im Rahmen des Stiftungsfestes am 11. Mai 1856 in Alexisbad im Harz angenommen. Das war die Geburtsstunde des VDI.

Sein Zweck war ebenso kurz wie umfassend formuliert: Der Verein bezweckt ein inniges Zusammenwirken der geistigen Kräfte deutscher Technik zur gegenseitigen Anregung und Fortbildung im Interesse der gesamten Industrie Deutschlands.

Die besondere Bedeutung, die dieser Verein schon bald gewinnen sollte, lag in drei Faktoren begründet: Der Verein vertrat zugleich patriotische, technische und wissenschaftliche Ziele. Ähnlich wie sich die Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte als Standes- und Interessenvertretung einer deutschen Naturwissenschaft verstand, sah sich der VDI über die kleinstaatlichen Grenzen hinweg als Anwalt der gesamten deutschen Technik und formulierte damit explizit jenen nationalen Aspekt der Technik, wie er unterschwellig bei den deutschen Vordenkern einer polytechnischen Ausbildung immer eine Rolle gespielt hatte. Wie bei den Naturforschern auch, fanden seine jährlichen Hauptversammlungen jeweils wechselnd an verschiedenen Orten in ganz Deutschland statt. Die Gründung des VDI war zugleich Ausdruck und Indiz dafür, daß sich Techniker und Ingenieure zunehmend als eigenständige, gesellschaftlich und sozial bedeutende Gruppe begriffen und im VDI das Forum ihrer Belange und Interessen sahen. Zu diesen Belangen gehörten wesentlich auch die Fragen der Ingenieurausbildung, des technischen Unterrichtswesens, und damit besonders alle Themenbereiche im Zusammenhang mit den polytechnischen Schulen. Die schnell wachsende Bedeutung dieses Ingenieurvereins gründete auch in der Verbindung von Industrie und technischen Wissenschaften, wie sie sich durch die berufssoziologische Struktur des VDI ergab. Die Lehrer an technischen Unterrichtsanstalten, selbständige Unternehmer, Direktoren und höhere technische Ränge aus der Industrie schlossen sich als Mitglieder dem VDI ebenso an wie technische Beamte und Zivilingenieure.

Diese Mitgliedsstruktur spiegelte sich ebenfalls in der Gründung des Aachener VDI-Bezirksvereins wieder. Bereits ein halbes Jahr nach Gründung des Hauptvereins, fand auf Einladung Pützers am 2. November 1856 die konstituierende Sitzung des Aachener Bezirksvereins statt. Damit war sie nach dem Düsseldorfer und dem Berliner Bezirksverein die dritte VDI-Bezirksvereinsgründung auf deutschem Boden. Neben dem Vorsitzenden Friedrich Wilhelm Hasenclever (1809-1874), Generaldirektor der Chemischen Fabrik Rhenania AG in Stolberg, gehörten die Gewerbelehrer Josef Pützer und Theodor Bromeis, die Direktoren der Hüttenwerke Phoenix und Concordia in Eschweiler mit einigen ihrer Ingenieuren, ein Hüttendirektor aus Stolberg, ein Bergwerksdirektor aus Maastricht, mehrere Chemiker, Techniker und Maschinenmeister verschiedener Unternehmen aus Eschweiler, Stolberg, Kohlscheid und Aachen sowie einige selbständige Architekten bzw. Bauführer zu den insgesamt 32 Gründungsmitgliedern des Aachener Bezirksvereins. Die Anzahl der Mitglieder wuchs noch 1856 auf 42 und zählte nach anfänglicher Stagnation 1870 etwa 100 Mitglieder. Nach der Errichtung des Aachener Polytechnikums wurde der Bezirksverein zu einer besonderen Begegnungsstätte zwischen den Ingenieuren und Technikern aus der regionalen Industrie und den Ingenieurprofessoren der neuen Aachener Hochschule.

Die Einsicht in die Notwendigkeit und Wirksamkeit technischer Bildung, die Ausprägung eines allgemeinen Bewußtsein über den Zusammenhang von technisch-industrieller Entwicklung und technisch-naturwissenschaftlicher Bildung kam gerade in Aachen nicht von ungefähr. Während der frühen Phase der Industrialisierung in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts galt gerade die Aachener Region unter Zeitgenossen als eine der am weitesten und fortschrittlich entwickelten in Preußen. Mehrere Gründe trugen zu einer solchen Einschätzung bei.

Die industrielle Entwicklung in der Aachener Region

Die industrielle Entwicklung Deutschlands vollzog sich mindestens bis zur Reichsgründung 1870 keineswegs einheitlich und blieb jeweils regional begrenzt. Regionen mit einem forcierten industriellen Entwicklungstempo wie im linksrheinischen Gebiet um Aachen lagen dabei häufig wie Inseln in einem weitgehend noch agrarisch orientierten Umland. Die gewerbliche Struktur einer Region bestimmte dabei nicht allein den Grad der Industrialisierung, sondern häufig auch das Tempo der industriellen Entwicklung. In dieser Hinsicht hatte die Aachener Region mit ihrer Textilindustrie, Metallverarbeitung, ihrem Maschinen- und Bergbau eine geradezu idealtypische Struktur. Nimmt man Dampfmaschine, Mechanisierung und Fabriksystem als Indikatoren industriellen Fortschritts, so waren alle Gewerbe, die solche Leittechnologien zuerst einsetzten, in der Aachener Region vertreten. Der Bergbau mit seinen Problemen der Wasserhaltung förderte den Einsatz der Dampfmaschine als kontinuierliche Antriebsquelle der Pumpen zur Grubenentwässerung. Die erste Dampfmaschine der Aachener Region wird bereits 1794 zur Wasserhebung auf der Zeche Zentrum in Eschweiler installiert. In Preußen - Aachen wird erst 1815 preußisch - kann erst 1799 die erste Dampfmaschine in Betrieb genommen werden. In der Textilindustrie kommt die Dampfmaschine etwas später zum Einsatz. Zwar nimmt die industrielle Mechanisierung in der Textilindustrie ihren Anfang, aber es sind zunächst von Wasserkraft betriebene Spinn- und Schermaschinen und Webstühle, die den Übergang von der handwerklichen zur industriellen Produktion der Tuche bestimmen. Alle Kennzeichen einer fabrikmäßigen Organisation von Arbeit und Produktion, wie maschinelle Serien- bzw. Massenfertigung von Halb- und Fertigprodukten, eine hochgradige Arbeitsteilung, eine große Zahl von Arbeitern, die Produktion für einen anonymen Markt und der hohe Einsatz von Kapital, bieten sich zunächst für die massenhafte Herstellung von Tuchen an und werden hier zuerst verwirklicht. Ähnliches gilt für Aachener Nadelindustrie. Fabriksystem und Mechanisierung kennzeichnen den Übergang von der handwerklich organisierten Manufaktur zum Industriebetrieb. Mechanisierung bedeutet dabei allerdings nicht nur Einsatz von Maschinen. Denn Maschinen, wenn auch vorwiegend hölzerne, gab es bereits in vorindustrieller Zeit. Der qualitative Unterschied zu den bisherigen Maschinen liegt in der Verwendung des Eisens für die Konstruktion der neuen Maschinen. Die Dampfmaschine als Antriebsquelle der neuen Maschinen, ihre höheren Laufleistungen und die dadurch erforderliche mechanische Stabilität bedingten die Festigkeit einer eisernen Konstruktion. Und so förderte eine zunehmende Mechanisierung wiederum den Maschinenbau, damit zugleich die Eisenverhüttung, die Eisenverarbeitung und letztlich wiederum den Bergbau auf Kohle und Erze.

Im Januar 1814 hatten die letzten französischen Truppen Aachen verlassen. Damit gingen knapp zwei Jahrzehnte französischer Geschichte zu Ende, während der Stadt und Region wirtschaftlich von einer geordneten Verwaltung, einer wirksamen Justiz durch die Einführung der modernen französischen Codes und nicht zuletzt vom 1798 erlassenen Reglement concertant la suppression des droits féodeaux profitierten, mit dem die alten, gerade das innerstädtische Tuchgewerbe beschränkende Zunftwesen aufgehoben wurde. Aachen, von Napoleon (1769-1821) als Stadt Karls d. Gr. besonders geschätzt und gefördert, wurde als Hauptstadt des Département de la Roer zum Zentrum einer der gewerblich-industriell fortschrittlichsten Regionen des französischen Kaiserreichs. Vereinheitlichung von Währung, Maßen und Gewichten, Freizügigkeit und Gewerbefreiheit, Verbesserung des Verkehrswesens und ein großer französischer Markt bei gleichzeitiger Abschottung der englischen Konkurrenz durch die sog. "Kontinentalsperre" brachten der Stadt und Region eine wirtschaftliche Blütezeit.

Steinkohlen-, Blei- und Galmeibergbau, Eisenverhüttung und Metallverarbeitung, Papier-, Leder- und Nadelfabrikation, Anfänge von Textil- und Dampfmaschinenbau, Tuchherstellung und Glasfabrikation bildeten die wichtigsten Produktionszweige eines einheitlichen Wirtschaftsraumes zwischen Jülich, Düren, Stolberg, Monschau, Verviers, Eupen bis hin nach Lüttich. Eine französische Statistik nennt 1811 für das Roerdépartement die Zahl von 2550 gewerblichen Betrieben mit 65000 Arbeitern, die für 75 Millionen Franc Produkte fertigten. Noch 1818 stellte die Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaft und Künste zur wirtschaftlichen Entwicklung Aachens unter französischer Besatzung fest: In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts beschäftigten die Tuchmanufacturen Aachens und Burtscheids an 28000 Menschen, und die Strenge, mit welcher Frankreich das Continental-System verfolgte, sicherte den hiesigen Fabriken einen ungewöhnlichen Flor. Der Arbeitslohn verdoppelte sich; die Betteley verschwand; die Fabricanten bemühten sich unter so günstigen Verhältnissen immer mehr ihre Arbeit zu vervollkommnen.

Diese Situation änderte sich mit dem Ende der französischen Besatzung. Die politische Neugliederung der Region auf dem Wiener Kongreß 1815 und der Anschluß der Rheinlande an Preußen entzogen dem Aachener Raum schlagartig die Grundlagen seiner wirtschaftlichen Prosperität. Es waren nicht allein die Belastungen der sog. Freiheitskriege und die allgemeine wirtschaftliche Stagnation in Europa, die den Aachener Wirtschaftsraum trafen. Es war vielmehr die mit der politischen Neuordnung verbundene wirtschaftliche Umstrukturierung. Die in Wien neugezogenen Grenzen nahmen auf gewachsene wirtschaftsräumliche Strukturen keinerlei Rücksicht. Stadt und Region verloren ihr westliches Umland und ihre günstigen verkehrsmäßigen Anbindungen. Gleichzeitig geriet die Region vor allem bei ihren angestammten Produkten unter den Konkurrenzdruck der mit Niedrigpreisen auf den kontinentalen Markt drängenden, technisch weitaus höher entwickelten englischen Tuch- und Nadelindustrie. In den ersten Jahren der preußischen Herrschaft waren die Berichte der Handelskammern voller Klagen über die englische Konkurrenz, die ihre Produkte auf dem Kontinent zu einem Preis anböten, der noch unter dem Erstehungspreis der Rohstoffe für die Aachener Produzenten läge. Die schon erwähnte Allgemeine Encyclopädie von 1818 zeichnet von der wirtschaftlichen Situation Aachens ein Bild, wonach unter der französischen Herrschaft die konjunkturelle Entwicklung für die großen Tuchfabriken ertragreich genug war, um den Wohlstand vieler Fabrikbesitzer so fest zu gründen, daß sie die Ausschließung von den meisten europäischen Märkten aushalten konnten, ohne zu unterliegen. Trauriger war der Einfluß veränderter Handelsverhältnisse auf das Loos so manches jüngeren Fabrikanten, dessen Anlage erst mit den letzten günstigen Jahren entstanden war. - Man rechnet übrigens jetzt noch 30 Tuchfabriken mit Maschinen-Spinnerei von 12200 Spinnern. Trauriger noch war das Los der Arbeiter und ihrer Familien: Arbeitslosigkeit, Verelendung und Hunger.

Doch so schwer die Wirtschaftskrise den Aachener Raum unmittelbar nach Anschluß an Preußen auch traf, die Faktoren, die zunächst die wirtschaftliche Prosperität der Region kappten, bildeten zugleich auch die Grundlage für die erfolgreiche frühindustrielle Entwicklung des linksrheinischen Raumes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die gewerbliche Struktur dieses Wirtschaftsraums mit Bergbau, Eisenverhüttung und Tuchfabrikation sollte ihn zum bevorzugten Objekt staatlich-preußischer Gewerbeförderung machen. Die alten Wirtschaftsbeziehungen zum niederländisch-wallonischen Raum um Lüttich und Verviers prädestinierten die Aachener Region zum Einfallstor fortschrittlicher industrieller Technologien aus dem Gebiet des späteren industriellen Musterstaats Belgien. Die weitgehende Beibehaltung moderner gewerblicher Rechts- und Verwaltungsstrukturen - erst 1845 wurde die Gewerbefreiheit für ganz Preußen eingeführt - begünstigten selbständige unternehmerische Aktivitäten und in deren Gefolge den sog. rheinischen Wirtschaftsliberalismus. Eine kräftige Kapitaldecke bei mangelnden Anlagemöglichkeiten, hoher Konkurrenzdruck vor allem der englischen Industrie und eine für die Unternehmer günstige Arbeitsmarktlage förderten zudem betriebsorganisatorische und technisch-wirtschaftliche Innovationen wie Fabrikbetrieb und Mechanisierung. Für die nächsten Jahrzehnte herrschte in der Region um Aachen eine Art industrieller Goldgräberstimmung.

Zwar hatte es schon vor 1815 Anfänge einer Mechanisierung in Aachen gegeben. So entwarf und baute etwa der Nadelfabrikant Laurenz Jecker (1769-1834) bereits 1803 seine Stecknadelmaschine, die die Produktion der Nadeln trotz einer besseren Qualität um 15-20% verbilligte. Im Jahre 1808 konstruierte der Aachener Mechaniker Franz Xaver Kuetgens eine Tuchrauhmaschine, für die er 1813 von Napoleon als Auszeichnung eine Goldmedaille erhielt. Dennoch ließen sich industrielle Modernisierungen sowohl auf betriebsorganisatorischem wie betriebstechnischen Gebiet anfangs eher in den kleineren Ortschaften der Region, wie Stolberg, Eschweiler, Monschau und Burtscheid durchsetzen. Hier waren überholte zünftische Widerstände geringer. Eine gewisse Berühmtheit erlangte dabei die Tuchfabrik des Johann Heinrich Scheibler (1705-1765) in Monschau, die als erste einen modernen, mechanisierten Fabrikbetrieb realisierte und alle technischen und wirtschaftlichen Funktionen unter einem Dach vereinte. Bis zur Jahrhundertwende hatte das Textilgewerbe überwiegend nach dem Verlagssystem gearbeitet, bei dem der Besitzer die Rohstoffe gegen Lohn in Heimarbeit spann, die weiteren Arbeitsgänge an lohnabhängige Werkstätten "verlegte" und dort zum fertigen Produkt verarbeiten ließ. Der Verleger selbst übernahm schließlich wieder den Verkauf. Unter Friedrich Jacob Scheibler (1774-1834) richtete die Firma nach 1812 eine mechanische Spinnerei mit Cockerillschen Spinnmaschinen ein und erhielt von der Berliner Regierung nach 1815 in Anerkennung ihrer Leistungen eine moderne Schermaschine zum Geschenk. Staatliche Schenkungen moderner, nach englischem Vorbild gebauter Maschinen an Unternehmen mit der Auflage, die Maschinen, ihre Bau- und Funktionsweise in einer Art frühem Technologietransfer anderen Unternehmern zur Besichtigung und Begutachtung zugänglich zu machen, stellte von nun an ein häufig praktiziertes Mittel früher preußischer Industrie- und Gewerbeförderungspolitik dar.

Die Tuchfabrik des Heinrich Pastor in Burtscheid war wahrscheinlich die erste, noch unter den Franzosen mit einer Dampfmaschine ausgerüstete Spinnerei der Aachener Region. 1816 heißt es in einem Bericht des preußischen Staatsrats und Direktors für Handel und Gewerbe Gottlob Kunth (1757-1829), einem großer Förderer der Technisierung und des industriellen Gewerbes, über diese Fabrik: Sie geht mit Wasser bei Nacht, sonst aber und bei Wassermangel durch eine Dampfmaschine.

Die enge Verzahnung von Textilherstellung und Dampfmaschine wird unmittelbar verständlich, wenn man sich die Arbeitsschritte bei der Tuchproduktion vor Augen führt. Die Produktionskapazität bei der handwerklichen Tuchproduktion wird wesentlich bestimmt durch die Menge und Schnelligkeit, mit der das Rohmaterial zu Garn versponnen werden kann. Vor der Mechanisierung dieses Vorganges bildete dieser Arbeitsvorgang einen kontinuierlichen Engpaß in der Tuchproduktion. Nach der Mechanisierung dieses Arbeitsprozesses durch die Spinnmaschine begrenzte allein das Problem einer unabhängigen, kontinuierlichen und zuverlässigen Versorgung der Spinnmaschinen mit Antriebsenergie ihre potentielle Kapazität. Dieses Problem zu überwinden, versprach die Dampfkraft. Die Pastorsche Dampfmaschine stammte wohl aus den Cockerill'schen Werken in Lüttich. Mindestens seit 1809 unterhielten Pastor und die für die Aachener Industrialisierung so bedeutenden Cockerills geschäftliche Beziehungen und 1813 heirateten die beiden jüngeren Cockerill-Söhne Charles James (1787-1837) und John (1790-1840) in einer glanzvollen Doppelhochzeit zwei Töchter des Burtscheider Tuchfabrikanten. Der älteste Sohn William Cockerill jun. hatte bereits früher in die bekannte Monschauer Tuchmacherfamilie Scheibler eingeheiratet.

Ihr Vater, William Cockerill sen. (1757-1832), stammte aus Haslington/Lancashire in England und arbeitete dort als Mechaniker bei der Herstellung von Spinnmaschinen. 1794 verließ er England und kam 1798 nach Verviers. Dort begann er ab 1799 exklusiv für die Textilfabrikanten Iwan Simonis und Francois Biolley Textilmaschinen zu bauen. Damit durchbrach Cockerill zusammen mit seinem späteren Schwiegersohn, dem aus Nottingham stammenden Mechaniker James Hodson (+1833), der nach Aufgabe seines Londoner Konstruktionsbüro 1802 ebenfalls nach Verviers übergesiedelt war, das bis dahin bestehende englische Monopol auf Textilmaschinen. 1807 gründete Cockerill in Lüttich eine weitere Maschinenfabrik, deren Leitung 1812 seine Söhne John und James Charles übernahmen. 1807 kam durch ihn die erste nach englischem Vorbild gebaute Spinnmaschine nach Aachen, 1812 der erste, noch durch Wasserkraft betriebene mechanische Webstuhl. Zu diesem Zeitpunkt waren die neuen Maschinen jedoch noch eher selten und 1816 bemängelte Kunth an Aachen: Es hat fünf Jahre gedauert, ehe Cockerill und das Vorbild Vervier durchdringen konnten, Ölungsmaschinen, Rauhmaschinen mit doppelten Kardencylindern, Bürstenmaschinen sind nur erst einzeln in Gebrauch.

Zwar hatte es auch bisher schon in den unterschiedlichen Produktionsprozessen Maschinen gegeben. Aber es waren vorwiegend hölzerne Maschinen gewesen, für deren Bau und Pflege traditionelles Handwerk ausreichte. Die höhere Leistung der neuen Maschinen bedingte jedoch die eiserne Konstruktion und damit auch den spezialisierten Techniker zum Bau und zur Pflege dieser qualitativ neuen Technik. Möglicherweise lag es am Mangel von technisch vorgebildeten Arbeitskräften, sicherlich an mancherlei psychologischen Vorbehalten und Ängsten und wohl nicht zuletzt auch an mangelndem Konkurrenzdruck, daß die Einführung der neuen eisernen Textil- und Dampfmaschinen in Aachen sich verstärkt erst unter dem Druck der Wirtschaftskrise nach 1815 vollzog. Der Tuchfabrikant Josef Edmund Kelleter (1741-1821) beantragte nach mancherlei geheimen, von den Polizeibehörden mißtrauisch beobachteten Vorarbeiten schließlich am 12. März 1817 die Genehmigung zur Errichtung und Betrieb einen Dampfmaschine für seine Fabrik am Löhergraben in Aachen. Kelleters Dampfmaschine gilt als die erste in Aachen, wie seine um jene Zeit bereits mit Gasbeleuchtung ausgestattete Fabrik als eine der seinerzeit modernsten häufig Ziel hochherrschaftlicher Besucher war. Allerdings wurde die technische Neuerung keineswegs einstimmig begrüßt, im Gegenteil: Mit Fettkohle befeuert, produzierte die Maschine neben 14-15 PS Leistung zunächst vor allem viel Rauch und man fragte sich angesichts der durchaus realistischen technischen Risiken, ob eine solche Maschine in einer dichtbesiedelten Stadt nicht zu feuergefährlich und mit ihrem dampfenden Schlot dem Charakter einer Badestadt wie Aachen überhaupt zuträglich sei. Die zweite Dampfmaschine der mittlerweile unter der Leitung des Sohnes Johann Tilmann Kelleter (1773-1835) stehenden Tuchfabrik, 1821 beantragt, errichtet und in Betrieb genommen, war 1831 offiziell immer noch nicht konzessioniert, weil ein Anwohner wegen der gesundheitlichen Risiken jahrelang gegen den Betrieb der Dampfmaschine opponierte. Doch der Anfang war gemacht. 1822 erhielt der Tuchfabrikant Gotthart Startz (1792-1870) die Genehmigung in seiner ebenfalls am Löhergraben gelegenen Fabrik (Barockfabrik) eine zweite, von Cockerill gebaute Dampfmaschine zum Betrieb einer Walkmühle und zum Antrieb von Spinn- und Schermaschinen aufzustellen. Die Zahl der Dampfmaschinen wuchs kontinuierlich. 1834 waren es 76, 1836 bereits 89, 1849 betrug die Anzahl mehr als 180 und 1859 gab es schließlich über 280 Dampfmaschinen im Regierungsbezirk Aachen, zumal die Entwicklung technisch verbesserter, raucharmer Maschinen schnell voranschritt.

Technologietransfer und West-Ost-Migration

Der Name der Cockerills ist eng verbunden mit der Mechanisierung des Aachener Raums. Er steht am Anfang einer Entwicklung, innerhalb derer ein Technologietransfer aus dem niederländisch-belgischen-wallonischen Raum ins preußische Rheinland stattfand. Innovationsaustausch und Technologietransfer zu dieser Zeit war allerdings nicht einfach die Übermittlung bloßer technischer Informationen. Technologietransfer vollzog sich als eine Wander- und Umsiedlungsbewegung von Unternehmern und Arbeitern mit speziellen technisch-industriellen Kompetenzen und Kenntnissen.

Die Beziehungen zwischen dieser industriell fortschrittlichen Unternehmerfamilie des Lütticher Raumes mit Preußen waren bereits zu Zeiten des Freiheitskrieges begründet worden. Der aus Kleve stammende Peter Christian Wilhelm Beuth (1781-1853), späterer Gründer und Direktor des Berliner Gewerbeinstituts und seit 1818 Direktor für Handel und Gewerbe im preußischen Innenministerium, hatte während der Freiheitskriege gegen Napoleon 1814 bei den Cockerills in Lüttich in Quartier gelegen und sie zur Einrichtung von Musterbetrieben in Preußen veranlaßt. Sie gründeten schließlich Maschinenfabriken in Cottbus, Grünberg und eine Dampfspinnerei in Guben. Die 1815 eröffnete Maschinenbau-Anstalt und Wollen-Manufactur der Herren Ch. James et John Cockerill zu Berlin zierte als Titelvignette den Wegweiser durch die wichtigsten, technischen Werkstätten der Residenz Berlin von 1819.

Die Cockerills stehen beispielhaft für den Weg der technischen Innovation und Industrialisierung von England über den wallonischen Lütticher Raum nach Preußen. Die Aachener Region mit ihren alten wirtschaftlichen Beziehungen zum Lütticher Raum, mit den Rohstoffen und ihrer historisch gewachsenen gewerblich-industriellen Struktur bildete das natürliche Einfallstor für neue Technologien und innovative Industriegründungen, die sich, zeitlich versetzt, aus dem Aachener Raum über Düsseldorf bis in das Ruhrgebiet hinein ausdehnten. Besonders nach der Gründung des belgischen Staates 1830 hatte sich die Industrie dort in den Augen mancher deutscher Beobachter geradezu idealtypisch entwickelt.

Dieser West-Ost-Technologietransfer in die Aachener Region führte bereits 1818/19 zur Gründung der Dampfmaschinen- und Maschinenbaufabrik Englerth, Reuleaux und Dobbs in Eschweiler, der ersten Maschinenfabrik des Rheinlands. An dieser deutsch-wallonisch-englischen Kooperation werden beispielhaft die vielfältigen und weitreichenden wirtschaftlichen Beziehungen und Auswirkungen solcher "internationaler" Unternehmensgründungen deutlich. Friedrich Englerth (1793-1848) war der Sohn von Christine Englerth-Wültgens (1767-1838), der Gründerin der Anonymen Gesellschaft des Eschweiler Bergwerkvereins (1834). Zwischen 1838 und 1847 stand er als Präsident an der Spitze des Eschweiler Bergwerkvereins. Joseph Reuleaux (1796-1833) stammte aus einer Lütticher Pumpen-Kunstmeisterfamilie. Sein Vater gehörte zu den Spezialingenieuren, die mit der Beaufsichtigung der Eschweiler Wasserkünste beauftragt waren, also den ausgedehnten Pumpenwerken, mit deren Hilfe die Gruben des EBV entwässert wurden. Der spätere Maschinenbauprofessor der ETH Zürich, Direktor der Berliner Gewerbeakademie und Gründungsrektor der dortigen Technischen Hochschule Franz Reuleaux (1829-1905), geistiger Vater einer ebenso vielbeachteten wie umstrittenen Theoretischen Kinematik, die zum Fundament der modernen Getriebelehre wurde, war der Sohn dieses Firmengründers. Samuel Dobbs (+1850) stammte aus England. 1817 arbeitete er bei den Cockerill-Werken in Seraing und war in deren Auftrag auch in Aachen tätig, bevor er sich selbständig machte. Dobbs unterhielt enge Beziehungen zu Eberhard Hoesch (1790-1852), den er 1823 auf einer Englandreise begleitete. Nach der Rückkehr der beiden Männer begann Hoesch 1824, anfangs unter Dobbs technischer Leitung mit dem Aufbau der 1819 erworbenen Lendersdorfer Hütte bei Düren, in der Hoesch als einer der ersten in Deutschland das bei den Engländern abgeschaute Puddelverfahren zur Stahlherstellung einsetzte. 1832/33 gründete Dobbs zusammen mit Aachener Tuchfabrikanten Franz Nellessen (1805-1862) eine Aachener Maschinenfabrik, in die 1837 Eduard Poensgen (1806-1871) für den ausgeschiedenen Nellessen eintrat, und die für die Rheinische Eisenbahngesellschaft die erste in Preußen gebaute Lokomotive, die sog. Carolus Magnus Lokomotive lieferte. Poensgen gründete 1843 in Köln eine neue Firma, während Dobbs 1841 ins westfälische Hörde ging und dort am Aufbau der Hermannshütte von Hermann Dietrich Piepenstock (1782-1843), dem ersten Unternehmen der Schwerindustrie im Dortmunder Raum, mitwirkte. Bis 1836 gab es nach Auskunft eines an die Regierung eingereichten Verzeichnisses neun im Regierungsbezirk ansässige Maschinenfabriken von Bedeutung, davon sieben in Aachen, eine in Burtscheid und eine in Eschweiler.

Der aus Jupille bei Lüttich (bis heute durch das Jupiler-Bier aus der Brauerei Piedboeuf bekannt) stammende Jacques Piedboeuf (1802-1852) gründete 1833 in Aachen die erste Dampfkesselfabrik Deutschlands. 1845 schuf er sich zusammen mit Hubert Jakob Talbot (1794-1850), der bereits 1838 zusammen mit dem aus Brüssel stammenden Postkutschenfabrikanten Pierre Pauwels (1796-1866) eine Eisenbahnwagen-Bauanstalt gegründet hatte, mit der Gründung eines eigenen Puddel- , Walz- und Hammerwerks in Aachen-Rothe-Erde eine eigene Rohstoffbasis. Ein jüngerer Brüder Piedboeufs, Jean-Pascal Piedboeuf (1813-1879) baute ab den fünfziger Jahren am Rhein in Neuss und Düsseldorf mit belgischen Teilhabern und Facharbeitern eine ganze Unternehmensgruppe auf, bestehend aus einer Dampfkesselfabrik, einem Puddel- und Walzwerk sowie einem Röhrenwerk.

Gerade nach dem durch den Aachener Kaufmann David Hansemann (1790-1864) und den Kölner Bankier Ludolf Camphausen (1803-1890) initiierten Bau der Rheinischen Eisenbahn zwischen Köln und Antwerpen 1839-43 und der Strecke Maastricht-Aachen-Düsseldorf 1853 wuchs der Bedarf an Schienen, die neben dem Lendersdorfer Werk Hoeschs durch das Puddel- und Walzwerk Michiels (1799-1860) & Co. in Eschweiler-Aue hergestellt wurden. Das Walzwerk war die Gründung eines Konsortiums aus Aachener, Lütticher und Eupener Unternehmern aus dem Jahre 1841. Aus dieser Gründung ging 1852 mit der in Aachen gegründeten PHOENIX, anonyme Gesellschaft für Bergbau und Hüttenbetrieb der erste gemischte Großkonzern des Ruhrgebiets mit Werken in Duisburg-Ruhrort und Essen-Kupferdreh hervor. Im Zeitraum zwischen 1819 und 1855 entstanden im Aachener Raum zwölf größere eisenverhüttende oder - verabeitende Werke, davon allein acht in Eschweiler.

Die Beispiele zeigen aber auch, wie sich der Schwerpunkt der industriellen Entwicklung insbesondere im Bereich der Schwerindustrie seit der Mitte des letzten Jahrhunderts nach Osten ins Ruhrgebiet verlagerte. Bereits 1852 gründete die in Stolberg ansässige Chemische Fabrik Rhenania AG ein Schwefelsäurewerk im späteren Oberhausen. Ebenfalls dort entstand zur gleichen Zeit das Zinkwalzwerk Altenberg Zink, das im Besitz der belgische S.A. Vieille-Montagne war und sein Zink eben vom Altenberg in Kelmis erhielt. Kurze Zeit später erwarb bzw. gründete diese Gesellschaft Zinkhütten in Mülheim und Essen-Borbeck. Eines der bis heute bekanntesten Beispiele für diesen Zug ins Ruhrgebiet ist 1871/76 der Umzug des gesamten Hoesch-Werkes von Lendersdorf nach Dortmund unter Leopold Hoesch (1820-1899). Wie im Falle Hoesch auch, waren es im wesentlichen infrastrukturelle Gründe wie kostengünstigere Verkehrs- und Produktionsbedingungen, die diese Bewegung in Richtung Ruhrgebiet auslösten. Nach der Jahrhundertmitte begann der Schwerpunkt der industriellen Entwicklung sich zunehmend in Richtung des Ruhrgebiets zu verlagern.

Unmittelbar nach dem Anschluß der Rheinlande an Preußen 1815 hatte die industrielle Entwicklung der Aachener Region von ihrer Randlage zum industriell hochentwickelten niederländisch-belgischen Nachbarn profitiert. Der scheinbare Nachteil der Aachener Grenzlage erwies sich während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in technisch-wirtschaftlicher Hinsicht als Standortvorteil. Wo ein reger Betrieb an Gewerben, Werkstätten und Fabriken ist und in den technischen Zweigen der öffentlichen Verwaltung viele Arbeiten ausgeführt werden; da ist sie an der rechten Stelle. ... An einem solchen Orte kann der Unterricht durch Demonstrationen, Versuche, Übungen, Besuche der Industriebetriebe, durch Beobachten der Arbeiten und durch eigenes Handanlegen unterstützt werden, hatte Rotteck-Welckers Staatslexikon aus dem Jahre 1848 den idealen Standort eines Polytechnikums beschrieben. Ein solcher Ort war Aachen um die Mitte des letzten Jahrhunderts.

[Wird fortgesetzt ...]

Vom selben Verfasser:

Der Vichttalplan des Egidius von Walschaple von 1548.

Otto Lehmann - Flüssige Kristalle und ihr scheinbares Leben.