Vorgeschichte

Standortdiskussion und Gründung

Köln oder Aachen

Nachdem die Idee der Gründung einer polytechnischen Schule im Rheinland aufgekommen war, bewarben sich die Städte Köln und Aachen als Standorte für das zu gründende Polytechnikum. Obwohl es zahlreiche Vorbehalte innerhalb der preußischen Ministerialbürokratie gegen den Standort Aachen gab, gelang den Aachener Polytechnikumsbefürwortern durch weitgehende finanzielle Zusagen zum Bau und Unterhalt des neuen Polytechnikums Aachen als Standort durchzusetzen.

Gustav von Mevissen (1815-1899)</

Gustav von Mevissen (1815-1899)
Zwischen 1856 und 1860 Präsident der Kölner Handelskammer.

1857 hatte in Preußen Prinz Wilhelm, der spätere König Wilhelm I. anstelle seines psychisch erkrankten Bruders die Regentschaft übernommen. Die allgemeine Verbreitung, den der Gedanke einer polytechnischen Schule in der Rheinprovinz nun fand, war auch Ausdruck eines gewandelten innenpolitischen Kurses, der besonders in der Berufung liberaler Minister in das preußische Staatsministerium deutlich wurde. Die virulente Forderung nach einer polytechnischen Anstalt wurde nun auch verstärkt in den preußischen Rheinlanden laut. Das Bedürfnis der Gründung einer umfassenden polytechnischen Schule im Centrum der Rheinlande findet mehr und mehr Anerkennung in den verschiedensten Kreisen, schrieb Mevissen 1857 im Kölner Handelskammerbericht. Für ihn, wie für manch anderen rheinischen Wirtschaftsliberalen, blieb eine polytechnische Schule im Rheinland ein dringendes Bedürfnis der Gegenwart.

Polytechnikum statt Denkmal

Mevissen reklamierte eine solche Anstalt für Köln, denn niemandem, der die Rheinlande mit unbefangenem Auge betrachtet, wird das Anomale entgehen, das darin liegt, daß Koblenz der Sitz der Spitze der Civil- und Militär-Verwaltung der Provinz, daß Bonn [mit seiner 1818 gegründeten Universität] der wissenschaftliche, Düsseldorf [mit seiner seit 1767 bestehenden Kunstakademie] der künstlerische Mittelpunkt derselben, und daß Köln vorzugsweise nur die mercantile und industrielle Thätigkeit geblieben ist, während ihre Lage und Geschichte die Stadt unbedingt zum Centrum aller Bestrebungen der Rheinlande macht. Gerade der Kölner Anspruch, die Stadt zum Zentrum der Rheinprovinz zu machen, erzeugte in den anderen Regierungsbezirken die Angst vor eigenen zumeist wirtschaftlichen Benachteiligungen und motivierte den Widerstand gegen solche Bestrebungen. Man fürchtete gerade auch in Aachen, wo der Konflikt mit den Kölnern um die Linienführung der Rheinischen Eisenbahn von 1836 noch nicht vergessen war, wirtschaftliche Bedeutungseinbußen neben einer alles an sich ziehenden und bindenden Metropole. Schon 1836 hatten die Kölner Komiteemitglieder der Rheinischen Eisenbahngesellschaft aus technischen Gründen eine Streckenführung der Bahnlinie Antwerpen-Köln durchzusetzen versucht, die den Aachener Talkessel nicht berührte. In weiser Voraussicht der katastrophalen wirtschaftlichen Auswirkungen einer solchen Streckenführung hatten Hansemann und die Aachener Aktionäre sich vehement und zuletzt erfolgreich einer solchen Streckenführung widersetzt und die bis heute bestehende Streckenführung zwischen Aachen und Burtscheid hindurch nach Belgien durchgesetzt. Die wirtschaftliche Verödung bahnferner Gebiete wie etwa Monschau und Imgenbroich und die forcierte industrielle Entwicklung entlang der Bahnstrecke zwischen Aachen, Düren und Köln nach 1840 bestätigten nachträglich die Aachener Befürchtungen.

Die Vorbehalte gegen Köln traten erneut hervor, als auf Initiative des Kölner Oberbürgermeisters Stupp 1856 der Gedanke aufkam, dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. in der Rheinprovinz ein Denkmal zu stiften. Gegen den Widerstand anderer rheinischer Städte war es den Kölnern frühzeitig gelungen, die eigene Stadt als Denkmalsstandort durchzusetzen. Im Zusammenhang mit der Kölner Vorgehensweise in der Denkmalfrage begannen der Geologe und damalige Bonner Berghauptmann Heinrich von Dechen (1800-1889) und der Nationalökonom an der höheren landwirtschaftlichen Lehranstalt zu Poppelsdorf, Peter Kaufmann (1804-1872), eine öffentliche Diskussion, man solle doch an Stelle des Denkmals eine polytechnische Schule, vorzugsweise in Bonn, gründen. Wie aus einem Schreiben des damaligen Aachener Handelskammerpräsidenten Leopold Scheibler an den preußischen Oberpräsidenten in Koblenz vom März 1857 hervorgeht, waren zu diesem Zeitpunkt auch die Aachener offenkundig bereit, die Idee eines Bonner Polytechnikums zu unterstützen, um die Kölner Denkmalspläne zu durchkreuzen. Von Aachen als einem Polytechnikumsstandort war zu dieser Zeit offenkundig noch keine Rede.

Im September 1857 hatte Kaufmann in Düren auf der Generalversammlung des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreußen dafür geworben, daß die Errichtung einer polytechnischen Schule in der Rheinprovinz nicht nur höchst wünschenswert, sondern auch ein dringendes Bedürfnis des Landes sei. In der Diskussion, ob nun für ein Denkmal oder eine polytechnische Schule Spenden gesammelt werden sollen, hatte sich die Versammlung schließlich gegen die Formel Polytechnikum statt Denkmal und in einem vom Aachener Handelskammerpräsidenten Scheibler unterstützten Antrag für den Kompromiß Denkmal und Polytechnikum ausgesprochen. Der Aachener Regierungspräsident Friedrich Hubert Kühlwetter hatte an der Dürener Tagung ebenfalls teilgenommen und wies ein halbes Jahr später in einem Bericht an den Handelsminister darauf hin, daß die Errichtung des Denkmals und die Gründung einer polytechnischen Schule sich nicht ausschließen, vielmehr die letztere neben dem ersteren begünstigt werden könne, und nicht ohne Hülfe dieses Arguments ist es mir gelungen, im hiesigen Regierungsbezirk für das Königsdenkmal eine Summe von 25000 Talern durch freiwillige Beiträge aufzubringen. Spätestens seit dem Zeitpunkt der Dürener Tagung nahm die Idee eines in der Rheinprovinz zu gründenden Polytechnikums immer konkretere Formen an, möglicherweise auch im Kopf des Aachener Regierungspräsidenten.

Am 25. Januar 1858 hatte der preußische Prinz Friedrich Wilhelm, der spätere 99-Tage-Kaiser Friedrich III., in London die britische Prinzessin Viktoria geheiratet. Anfang Februar machte sich das Paar auf die Rückreise von London nach Potsdam. In Herbesthal an der preußischen Grenze wurde das junge Ehepaar vom Aachener Regierungspräsidenten Kühlwetter empfangen. Anläßlich ihres feierlichen Empfanges und Aufenthaltes in Aachen überreichte der Regierungspräsident dem liberalen Gedankengut bekanntermaßen aufgeschlossenen Prinzen eine Spende der Aachener-und-Münchener-Feuerversicherungsgesellschaft, die Friedrich Wilhelm nach eigenem Gutdünken zu wohlthätigen Zwecken verwenden sollte.

Diese Spende wurde zum äußeren Anlaß der Aachener Polytechnikumsgründung. Denn im März bestimmte sie der Preußenprinz zur Gründung eines polytechnischen Instituts in der Rheinprovinz, am liebsten aus Rücksicht der Dankbarkeit in der Stadt Koblenz, oder auch sonst, je nachdem es geeigneter erachtet werde, in einer anderen rheinischen Stadt, und zwar nicht bloß im Interesse der betreffenden Stadt, sondern im Interesse der gesamten Provinz. Zugleich wies er den preußischen Handelsminister August von der Heydt, in dessen Kompetenzbereich die gewerblichen Schulen fielen, an, den Kölner Regierungspräsidenten Eduard von Möller und dessen Aachener Amtskollegen Friedrich Hubert Christian Kühlwetter um vertrauliche Gutachten zu bitten, ob und wie unter mäßigen Zuschüssen der Staatskasse eine polytechnische Anstalt in der Rheinprovinz verwirklicht werden könne. Mit Datum vom 17. März 1858 ging ein entsprechender Erlaß an die beiden Regierungspräsidenten nach Köln und Aachen.

Mit diesem Schreiben begann die Auseinandersetzung zwischen Aachen und Köln um den Standort des neuen Polytechnikums in die zweite Runde. Man hat dem Umstand, daß nur der Aachener und der Kölner Regierungspräsident zu einem Gutachten aufgefordert wurden, eine vorentscheidende Bedeutung zugemessen, zumal die Konkurrenz um den Standort schließlich tatsächlich nur zwischen den Städten Köln und Aachen stattfand. Es ist später darüber spekuliert worden, in welcher der beiden Städte dem preußischen Kronprinzen die Idee einer rheinischen Polytechnikumsgründung nahe gebracht worden sei. Auf seiner Reise hatte der Kronprinz sowohl bei dem Aachener wie dem Kölner Regierungspräsidenten logiert. Beide Präsidenten hatten also die Möglichkeit, dem Prinzen die Idee einer Polytechnikumsgründung vorzutragen. Bis heute läßt sich diese Frage nicht eindeutig entscheiden, da die schriftlichen Quellen fehlen. Eines allerdings ist auffällig: Mevissen hatte seit Jahren für Köln ein Polytechnikum gefordert. Dechen und vor allem Kaufmann hatten daraufhin für Bonn eine Polytechnikumsgründung als Alternative zu dem geplanten Königsdenkmal angeregt. Und in Düsseldorf beschloß im Oktober 1857 die letzte Aktionärsversammlung der in staatlichen Besitz übergehenden Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahn einen Teil ihres Restvermögens der Stadtverwaltung zu dem Zweck zu überweisen, um solchen verzinslich anzulegen und damit den Fonds zur Gründung einer polytechnischen Schule in Düsseldorf zu bilden. Nur die Aachener hatten bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Intentionen erkennen lassen, sich als Standort einer polytechnischen Schule zu bewerben.

Christian Hubert Kühlwetter (1809-1882)

Der Aachener Regierungspräsident Friedrich Christian Hubert Kühlwetter (1809-1882)
Gemälde von Franz Reiff 1872

(Bildquelle: RWTH Aachen)

Und dennoch kam die Initiative zur Gründung eines Polytechnikums höchstwahrscheinlich aus Aachen, genauer vom Aachener Regierungspräsidenten Friedrich Hubert Christian Kühlwetter. Es ist nicht allein die Art und Weise wie Kühlwetter in den nächsten Jahren die Errichtung eines Aachener Polytechnikums betreibt, es ist auch nicht nur die eingangs beschriebene ungewöhnliche Vorfeier zur Grundsteinlegung und die Laudatio des Baumeisters Esser auf den Regierungspräsidenten (dessen Verdienst und Name auf immer mit dem Geschick und der Geschichte dieses Institutes aufs engste verbunden sein wird), die einen solchen Schluß nahelegen. Angesichts fehlender schriftlicher Quellen liegt die Antwort auf die Frage, durch wenn die Aachener Hochschulgründung initiiert worden ist, wahrscheinlich allein in einem Gemälde des Aachener Malers Franz Reiff, welches heute das Dienstzimmer des Kanzlers der RWTH Aachen ziert und den damaligen Aachener Regierungspräsidenten Friedrich Hubert Christian Kühlwetter darstellt. Im September 1867 hatte der preußische Handelsminister entschieden, daß Kühlwetter und Brüggemann angesichts ihrer Verdienste um das neue Polytechnikum für die Aula der neuen Anstalt zu portraitieren seien. Brüggemann, der diese Ehrung zunächst in aller Bescheidenheit abzulehnen suchte, wurde schließlich 1870 vom Aachener Maler Franz Reiff in ganzfigürlicher Darstellung gemalt. Das Bild befindet sich heute im Besitz der Aachener und Münchener Versicherung. Das Portrait Kühlwetters hingegen, nach der Natur gemalt, entstand erst 1872. Zu diesem Zeitpunkt war Kühlwetter bereits in den Adelsstand erhoben und mittlerweile Oberpräsident von Westfalen. Die Darstellung dieses für seine Eitelkeit bekannten Mannes unterscheidet sich völlig von der Brüggemanns. Sie stellt in ihrer Komposition eine ikonographische Mischung von Herrscherbild und Gründerportrait dar. Körperhaltung und Teile des Bildaufbaus erinnern ein wenig an das 1871 entstandene Bismarck-Portrait Adolf Mentzels. Der zu jener Zeit bereits ehemalige Aachener Regierungspräsident steht seitlich vor einem mit einer dunkelroten schweren Decke verdeckten Tisch. Neben dem linken Standbein liegt eine gefaltete, mit einem roten Siegel versehene und geöffnete Depesche. Die linke Hand ist in die Hüfte gestützt und hält dabei den Mantel zurückgeschlagen, so daß der Blick auf die Orden an der linken Brust und am Hals fält. Das rechte Bein ist etwas abgewinkelt, die rechte Hand ruht abgeknickt auf einigen Papieren, die auf dem Tisch liegen. Im Hintergrund öffnet sich ein Fenster in eine Landschaft, aus deren Baumwipfeln sich das von allegorischen Figuren gekrönte Dach des Aachener Polytechnikums erhebt. Die Dokumente am Boden und auf dem Tisch bilden mit dem Hauptgebäude im Hintergrund der Fensteröffnung eine Diagonale. Wenn man eines Indizes bedürfte, wer sich als Gründer der neuen Aachener Anstalt empfand, dann möge man dieses Bild betrachten. Im Vergleich zum Brüggemann-Portrait ist es schwerlich vorstellbar, daß allein der Maler die Komposition dieses Bildes festgelegt haben könnte.

Details aus dem Kühlwetter-Gemälde von 1872

Details aus dem 1872 von Franz Reiff geschaffenen Kühlwetter-Gemälde.

Im Bildhintergrund erhebt sich das von allegorischen Figuren gekrönte Hauptgebäude des Aachener Polytechnikums mit der Göttin der Weisheit Athene als zentraler Gestalt. Die rechte Hand ruht auf einer Kabinettsordre, am Boden eine Depesche mit erbrochenem Siegel.

Aber es ist nicht allein das Portrait Kühlwetters, daß darauf schließen läßt, daß der Aachener Regierungspräsident, möglicherweise nicht allein, aber zumindest wesentlich, die Idee einer Aachener Polytechnikumsgründung entwickelt hatte. Es ist auch die Art und Weise, wie sich die Bewerbung Aachens als Standort des neuen Polytechnikums im Verlaufe des Jahres 1858 vollzog. Sie vermittelt den Eindruck eines Coups, mit dem der Aachener Regierungspräsident und mit ihm übereinstimmende Interessengruppen den Aachener Oberbürgermeister und die Stadtverordnetenversammlung zu einer offiziellen Bewerbung der Stadt drängten. Bereits drei Tage nach der Einforderung des Gutachtens zur Polytechnikumsfrage, mit Datum vom 20. März, antwortete der Aachener Regierungspräsident dem preußischen Handelsminister auf dessen Ersuchen um ein Guatchten ausführlich, wobei er Aachen als Standort vorschlägt, die industrielle Bedeutung der Stadt betont und die dadurch gegebene Möglichkeit hervorhebt, die Ausbildung der Polytechniker praktisch zu alimentieren. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte Kühlwetter offenkundig mit dem Direktor der Aachener und Münchener Feuerversicherung gesprochen und von diesem die grundsätzliche Zusage einer finanziellen Unterstützung für die neue Schule erhalten: Er habe, schreibt Kühlwetter in seinem Gutachten, von dem Generaldirektor Hofrat Brüggemann auf eine vertrauliche Mitteilung der Höchsten Intentionen die Zusicherung erhalten, daß unter der gedachten Voraussetzung [daß Aachen Standort der polytechnischen Schule wird,] die [Feuerversicherungs-] Gesellschaft fernere Zuschüsse dem Institut zufließen lassen werde. Die Stadt selbst könne und werde, schreibt der Aachener Regierungspräsident weiter, die Lokalien für das polytechnische Institut zur Verfügung stellen. Weiter schlägt Kühlwetter vor, aus bekannten Persönlichkeiten der Stadt ein Komitee zu bilden, welches den Organisationsplan für die Verwirklichung der zu gründenden Schule ausarbeiten könne. Als brauchbare Mitglieder sollten nach Ansicht Kühlwetters diesem Komitee der Tuchfabrikant und Handelsrichter Alexander Dubois du Luchet, der Direktor der chemischen Fabrik Rhenania in Stolberg und Vorsitzende des Aachener Bezirksvereins des VDI, Friedrich Wilhelm Hasenclever, der Tuchfabrikant, Stadtverordnete und Handelsgerichtspräsident Johann Arnold Bischoff aus Aachen und der Burtscheider Spinnereibesitzer und Vorsitzende des Aachener Vereins zur Beförderung der Arbeitsamkeit, Johann Friedrich Pastor, angehören.

Nachdem offensichtlich Ende April in Köln der bis dahin geheime Plan einer Polytechnikumsgründung in der Rheinprovinz an die Presse gelangt war, entspann sich in der Kölner, Düsseldorfer und Aachener Presse eine lebhafte Diskussion darüber, welche Vorteile die jeweilige Stadt einem Polytechnikum böte. Besonders die regierungsnahe liberale Aachener Zeitung veröffentlichte im April und Mai eine ganze Reihe von Artikeln, mit denen sie offensichtlich versuchte, Stimmung für die Gründung einer polytechnischen Schule in Aachen zu machen.

Bereits am 7. und 16. April, also lange bevor der Plan zur Gründung eines Polytechnikums an die Öffentlichkeit drang, veröffentlichte das Blatt in zwei Artikeln die Festrede, die der Direktor der polytechnischen Schule in Hannover, Karl Karmarsch, anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Polytechnikums gehalten hatte. Hierbei handelte es sich allerdings nicht etwa um aktuelle Berichterstattung. Der Vortrag Karmarschs, in dem dieser sich zur Rolle und wirtschaftlichen Bedeutung der Polytechnika geäußert hatte, war zum Zeitpunkt seines Abdrucks in der Aachener Zeitung fast zwei Jahre alt und wohl dazu gedacht, propagandistisch eine Aachener Bewerbung um das Polytechnikum vorzubereiten. Am 2. Mai, der Plan einer Polytechnikumsgründung im Rheinland war gerade in der Öffentlichkeit bekannt geworden, erörterte dieselbe Zeitung in erstaunlich argumentativer Übereinstimmung mit dem Gutachten des Regierungspräsidenten die Gründe, die für Aachen als Polytechnikumsstandort sprächen. Die große Mannigfaltigkeit der industriellen Anlagen in Aachen und Umgebung sowie die günstige verkehrstechnische Anbindung durch vier Eisenbahnlinien, durch die neben der deutschen Industrie die verdienten Muster belgischer und holländischer Gewerktätigkeit erschlossen würden, stellten ein unerschöpfliches Gebiet zur praktischen Ausbildung dar. Deshalb räume man Köln eine höhere Handelsschule, Düsseldorf eine möglichst vollkommene Kunstschule ein, Aachen aber gönne man, was ihm gebührt - die polytechnische Schule. Drei Tage später schließlich forderte das Aachener Blatt die Väter der Stadt dringend auf, in der Frage der Polytechnikumsgründung unverzüglich zu handeln.

Dies allerdings war mittlerweile geschehen. Am 4. Mai beantragte der offenkundig über das Gutachten des Aachener Regierungspräsidenten informierte Beigeordnete Bürgermeister Carl Eduard Dahmen in der Stadtverordnetenversammlung die Einsetzung eines städtischen Komitees zur Errichtung einer polytechnischen Schule in Aachen. Er verlas zur Begründung den angesprochenen Artikel aus der Aachener Zeitung und verwies neben den wirtschaftlichen Vorteilen einer solchen Anstalt für die Stadt darauf, daß Belgien seine École de mines 1837 auch nicht in Brüssel, sondern im industrialisierten Lüttich gegründet habe. Der von Dahmen geforderte städtische Ausschuß konstituierte sich schließlich am 1. Juni 1858, nachdem der Aachener Oberbürgermeister Johann Contzen beim rheinpreußischen Oberpräsidenten angefragt hatte, inwieweit Zeitungsmeldungen über die Gründung einer polytechnischen Schule zuverlässig seien. Dem Ausschuß gehörten die Maschinenfabrikanten Theodor Esser und Carl Theodor Vonpier, der Nadelfabrikant Cornel von Guaita, der Anwalt Franz Jungbluth und der Arzt Dr. Joseph Roderburg an. Dieses Gremium, von dem man aufgrund der drei in ihm vertretenen Fabrikanten eigentlich ein verstärktes Interesse an einer Aachener polytechnischen Schule erwartet hätte, tagte zwar bis zum Ende des Jahres 1858 mehrmals, ohne allerdings nennenswerte Beschlüsse zu fassen.

Es drängt sich der Eindruck auf, daß die politischen Gremien der Stadt während des Jahres 1858 in der Frage einer Bewerbung als Polytechnikumsstandort eher zögerlich und verhalten agierten. Initiativ wurde zunächst vor allem der Aachener Regierungspräsident. Und neben ihm gab offenkundig einen Kreis frühzeitig informierter Aachener Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, der die Bedeutung eines Polytechnikums für Aachen ähnlich einschätzte wie der Regierungspräsident und mit dem Kühlwetter bei einer Bewerbung um das neue Polytechnikum rechnete. Aus seinem ersten Bericht an den preußischen Handelsminister vom 20. März 1858 wissen wir, daß Kühlwetter mindestens mit dem mit ihm befreundeten Generaldirektor der Aachener- und Münchener-Feuerversicherungs-Gesellschaft über die von der preußischen Staatsregierung geplanten rheinpreußischen Polytechnikumsgründung gesprochen hatte. Neben Brüggemann könnten mindestens die in Kühlwetters Bericht namentlich erwähnten Dubois du Luchet, Bischoff, Pastor, Hasenclever und zusätzlich der damalige Handelskammerpräsident Scheibler, Direktionsmitglied der Vereinigungsgesellschaft für den Steinkohlenbergbau im Wurmrevier, und der bereits erwähnte Bürgermeister Dahmen zu dem inneren Zirkel jener in die Gründungabsichten Eingeweihten gehört haben. Bis auf Dubois du Luchet, über den zu wenig bekannt ist, gehörten alle diese Unternehmerpersönlichkeiten zum engeren Bekanntenkreis Hansemanns und standen bis auf Hasenclever in enger geschäftlicher Beziehung zur Aachener und Münchener Versicherung und zur Rheinischen Eisenbahngesellschaft bzw. gehörten dem Aachener Verein an. Es scheint ein zunächst sehr begrenzter Kreis von allerdings bedeutenden Persönlichkeiten der Aachener Wirtschaft gewesen zu sein, auf dessen vorbehaltlose Unterstützung der Aachener Regierungspräsident in der Polytechnikumsfrage setzte. Die propagandistisch anmutende Vorbereitung der Öffentlichkeit auf das Polytechnikumsprojekt durch die offensichtlich gut unterrichtete liberale und regierungsnahe Aachener Zeitung legt zudem eine solche Vermutung nahe.

Ein solches Vorgehen wird allerdings erst sinnvoll, wenn die Polytechnikumsbefürworter sich der Unterstützung der Stadt und ihrer politischen Gremien nicht sicher sein konnten und mit Widerständen rechneten. Gründe für eine Ablehnung des Polytechnikumsprojekt hatte und hat es schließlich durchaus gegeben. Da waren die zunächst nicht absehbaren Kosten, die auf die Stadt durch die Gründung einer zudem preußischen Staatsanstalt zukamen. Das Verhältnis zwischen der Regierung und der städtischen Verwaltung war keineswegs unbelastet. Ein gegenseitiges, weltanschaulich-religiös begründetes Mißtrauen kennzeichnete das Verhältnis von Stadt und preußischem Staat. Der politische Katholizismus in den Rheinlanden sah sich selbst in einer doppelten geistigen Konfrontation gegen einen vom Staat getragenen Protestantismus einerseits und einen unkonfessionellen Liberalismus andererseits. Bei den preußischen Regierungsstellen dagegen standen die rheinischen Katholiken lange Zeit unter dem Verdacht politischer Fremdbestimmung und einer mangelnden Loyalität zum neuen Staat. Besonders in den weitgehend konfessionell bestimmten Fragen, zu der auch die Schulpolitik gehörte, herrschte ein mißtrauisches und gegenseitiges Überwachen der eigenen politischen Ansprüche vor. Die Aachener Stadtverordnetenversammlung wurde in ihrer Mehrheit durch Vertreter des katholischen Wahlvereins Constantia bestimmt, einem Zusammenschluß vorwiegend von Unternehmern mit dem katholischen Klerus. Dagegen war das hinter den polytechnischen Schulen stehende Bildungskonzept und dessen führende Aachener Vertreter, wie etwa Kühlwetter, Brüggemann und der Handelskammerpräsident Scheibler, Mitbegründer des 1849 entstanden konstitutionellen Vereins, liberal geprägt. Auch wenn sich eine eindeutige fraktionelle Trennung zwischen liberalen Polytechnikumsbefürwortern und katholischen Polytechnikumsgegnern in der Gründungsphase des Aachener Polytechnikums keineswegs erkennen läßt, kamen die, wenn auch wenigen Gegner einer Aachener Polytechnikumsgründung aus dem Lager des katholischen Wahlvereins Constantia. Die Gruppe der "harten" Polytechnikumsgegner blieb zwar während der Jahre der Standortauseinandersetzung mit Köln klein, entwickelte aber eine Wirkung, die das Aachener Polytechnikumsprojekt in dieser Phase mehrfach ernsthaft gefährdete. Die Mehrheit der katholischen Stadtverordneten unterstützte jedoch die Aachener Polytechnikumsgründung und fand damit offenkundig Billigung bei ihren Wählern. Im November 1862 etwa war im katholischen Echo der Gegenwart für den Kandidaten und damaligen Präsidenten des Wahlvereins, Jungbluth, ausdrücklich mit der Begründung geworben worden, er habe sich außerordentlich für Aachen als neuen Polytechnikumsstandort eingesetzt, und damit diese Angelegenheit nicht allein dem sogenannten liberalen Theile der Bürgerschaft überlassen.

Wie gespannt allerdings das Verhältnis zwischen preußischer Regierung und den städtischen Gremien war, sobald weltanschaulich-religiöse Fragen betroffen waren, zeigt ein Vorgang, der in einem zumindest mittelbaren Zusammenhang mit der Polytechnikumsgründung steht. Am 11. Dezember 1858 konstituierte sich unter dem Vorsitz des Handelsgerichtspräsidenten Johann Arnold Bischoff das private Komitee zur Errichtung einer polytechnischen Schule in Aachen, dem neben dem Direktor der Aachener Versicherung Brüggemann und dem Aachener Handelskammerpräsidenten Scheibler mindestens noch der Tuchfabrikant Wilhelm Kuetgens, der Sammetfabrikant Josef Menghius, der Spinnereibesitzer Gottfried Pastor, die Justizräte Quadflieg und Küchen und der Advokatanwalt Hubert Rumpen sowie der Stadtverordnete Theodor Frhr. von Geyr-Schweppenburg angehörten. Das auch räumlich bei der Direktion der Aachener Versicherung angesiedelte Komitee beschloß noch am Tage seiner Gründung eine Subskription zur Erhaltung der Aachener Provinzialgewerbeschule einzuleiten. Denn kurz zuvor hatte die katholische Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung der Provinzialgewerbeschule unter ihrem seit 1855 amtierenden (und zudem protestantischen) Direktor Theodor Bromeis die städtischen Zuschüsse gesperrt. Damit war die Schule faktisch ihrer Existenzgrundlage beraubt. Der Grund für diese drastische Maßnahme lag in einer ultimativen Aufforderung des preußischen Handelsministeriums an die Stadt, den von ihr in den Lehrplan der Gewerbeschule eingeführten Deutsch-, Französisch- und Religionsunterricht einzustellen. Das Handelsministerium fürchtet einen Kompetenzkonflikt mit dem Kultusministerium, in dessen Zuständigkeitsbereich alle allgemeinbildenden Schulen und die von ihnen vertretenen Lehrfächer fielen. Der Unterricht in Deutsch, Französisch und Religion hätte dem preußischen Kultusminister Anlaß bieten können, Kompetenzen im Bereich der argwöhnisch verteidigten Ressortkompetenz des Handelsministeriums zu fordern. In Aachen sah die katholische Ratsmehrheit dagegen in der Abschaffung vor allem des Religionsunterrichtes eine neuerliche Bevormundung der Katholiken im protestantischen Preußen. Nicht ohne Grund fürchtete das private Polytechnikumskomitee und der Aachener Regierungspräsident die negativen Auswirkungen, die eine solche Eskalation der Auseinandersetzung bei den Berliner Entscheidungsträgern in der Polytechnikumsfrage hervorrufen konnte. Während das private Komitee durch die finanzielle Unterstützung die Existenz der Gewerbeschule zu sichern suchte, sprach der um Schadensbegrenzung bemühte Aachener Regierungspräsident in einem Bericht an den Koblenzer Oberpräsidenten von einer einseitigen und oppositionellen Richtung in der hiesigen Stadtverordnetenversammlung, die im wesentlichen für den entstandenen ungünstigen Eindruck in der Schulfrage verantwortlich sei. Zwei Monate später, im Februar 1859, nahm die Aachener Stadtverordnetenversammlung auf Druck der Aachener Regierung die Sperrung der städtischen Zuschüsse für die Provinzialgewerbeschule wieder zurück, nachdem man sich in einem Kompromiß darauf geeinigt hatte, daß die inkriminierten Unterrichtsfächer außerhalb der offiziellen Unterrichtszeit gelehrt werden dürften. Dennoch sollte gerade das bei dieser Gelegenheit deutlich gewordene, gegen Aachen sprechende ultramontane Moment im weiteren Verlauf der Standortdiskussion zu einem ständigen Argument für den preußischen Handelsminister von der Heydt werden, sich für das von ihm als Polytechnikumsstandort bevorzugte Köln auszusprechen. Wenn auch die Mehrheit der Stadtverordneten im Verlaufe der folgenden Jahre die Gründung eines Aachener Polytechnikums nachhaltig unterstützte, so nährte dennoch eine kleine Gruppe katholischer Polytechnikumsgegner unter Führung des Stadtverordneten und Nadelfabrikanten Cornel von Guaita immer wieder die Vorbehalte des liberalen preußischen Handelsministers gegen das katholische Aachen und bemühte sich bis kurz vor der endgültigen Entscheidung in der Standortfrage im November 1863, das Projekt zu Fall zu bringen. Mal reklamierte diese Gruppe das Besetzungsrecht der Hälfte der Polytechnikumslehrstühle für die Stadtverordnetenversammlung, ein anderes Mal bezweifelte der Stadtverordnete von Guaita, mittlerweile zum Handelskammerpräsidenten avanciert, gegenüber dem Koblenzer Oberpräsidenten das Recht des Aachener Vereins, satzungsgemäß überhaupt finanzielle Mittel zur Gründung einer polytechnischen Schule stellen zu dürfen; und schließlich beantragte derselbe Stadtverordnete, den preußischen König ultimativ aufzufordern, endlich in der Standortfrage eine Entscheidung zu treffen, und fand mit diesem, von der Ratsmehrheit als geradezu katastrophal empfundenen Antrag auch noch die Zustimmung des damaligen Aachener Oberbürgermeisters Contzen!

Zunächst jedoch hatte die Aachener Stadtverordnetenversammlung beschlossen, die Stadt solle sich als Standort für das geplante rheinpreussische Polytechnikum bewerben. Im September 1858, ein halbes Jahr nach Kühlwetters erstem Bericht, konnten die Kölner Mitkonkurrenten einen ausgearbeiteten Finanz- und Organisationsplan für eine Kölner polytechnische Schule vorlegen. Vom Koblenzer Oberpräsidenten hatte Kühlwetter Einzelheiten dieses Angebotes erfahren. Nun bestand in Aachen Handlungsbedarf und Kühlwetter drängte auf eine städtische Zusage, zumal der seit dem 1. Dezember 1858 als neuer Oberpräsident der Rheinprovinz im Amt befindliche Adolph von Pommer-Esche, vormals Direktor der Berliner Bauakademie, gegenüber dem preußischen Handelsminister zunächst auf eine Entscheidung in der Standortfrage drängte. Mitte Dezember hatte sich das private Komitee zeitgleich mit dem Oberbürgermeister an die Versicherung und den Aachener Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit mit der Bitte um finanzielle Unterstützung bei der Polytechnikumsgründung gewandt. Nachdem die Versicherung einen jährlichen Beitrag von 10000 Talern, den sie einen Monat später um weitere 10000 Taler jährlich erhöhte, bis die jährliche Zinseinnahme aus dem angesammelten Kapital wiederum 10000 Taler jährlich betrug, und der Aachener Verein einen Betrag von jährlich 5000 Talern zugesagt hatten, beschloß die Stadtverordnetenversammlung am 28. Dezember 1858 schließlich einstimmig, also auch mit den Stimmen der mehrheitlich dem katholischen Wahlverein Constantia angehörenden Stadtverordneten, für die in Aachen zu gründende Anstalt ein Grundstück im Werte von 40000 Talern bereitzustellen und sich mit bis zu 160000 Talern an den Baukosten zu beteiligen.

Friedrich Adolf Brüggemann (1797-1878)

Friedrich Adolf Brüggemann (1797-1878)
Generaldirektor der Aachener und Münchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft
Gemälde von Franz Reiff 1870

(Bildquelle: RWTH Aachen.)

Neben dem Aachener Regierungspräsidenten Kühlwetter wurde der Generaldirektor der Aachener- und Münchener-Versicherung, Friedrich Adolph Brüggemann, in der nun folgenden jahrelangen Standortauseinandersetzung mit Köln zu einem der entschiedensten Vorkämpfer eines Aachener Polytechnikums. Der in Magdeburg geborene Brüggemann war 1825 vom Gründer der Aachener Feuerversicherungs-Gesellschaft, David Hansemann, persönlich als Agent der neuen Aachener Versicherungsgesellschaft angeworben worden. 1831 übernahm der offenkundig außerordentlich befähigte und ehrgeizige Brüggemann auf Hansemanns Anregung die Haupt-Agentur der Aachener Versicherung in Berlin. Im Jahre 1834 gelang es Brüggemann, die Versicherung in Bayern mit allen Rechten und Vorzügen einer einheimisch bayerischen zu konstituieren. Seit dieser Zeit heißt die Versicherung Aachener und Münchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft bzw. in Bayern Münchener und Aachener. Im Jahre 1837, Brüggemann war mittlerweile zum Subdirektor der Versicherungsgesellschaft aufgestiegen, wirkte er wesentlich am Gesetzesentwurf über das Mobiliarversicherungswesen in Preußen vom 8. Mai 1837 mit. Für seine Verdienste bei der Ausarbeitung dieses Gesetzes erhielt Brüggemann auf Betreiben des damaligen preußischen Innenministers von Rochow den Titel eines Königlichen Hofrats. Im Juni 1845 wählte die Generalversammlung der Aktionäre Brüggemann einstimmig zum Generalagenten der Versicherungsgesellschaft. Nachdem Hansemann 1848 auf Grund seiner politischen Tätigkeit aus der Direktion der von ihm gegründeten Gesellschaft ausgeschieden war, wurde Brüggemann Hansemanns Nachfolger. Unter ihrem neuen Generaldirektor erlebte die Versicherung eine erste große Blütezeit. Bis zum Tode Brüggemanns am 10. August 1878 hatte sich die Gesamtversicherungssumme der Gesellschaft auf 4,5 Mrd. RM vervierfacht, die Prämieneinnahmen hatten sich auf 6,7 Mio. RM verdreifacht und die Prämienreserve, die Dividende und die Erträge hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt jeweils verfünffacht.

Den Aachener Regierungspräsident Friedrich Christian Hubert Kühlwetter verband mit diesem Direktor der Versicherung nicht nur ein freundschaftliches Verhältnis, sondern auch die gemeinsame enge Beziehung zu David Hansemann. Der aus Düsseldorf stammende gelernte Jurist Kühlwetter hatte wohl noch als ehemaliger Direktor der Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahngesellschaft Hansemann kennengelernt und war auf dessen Empfehlung hin am 6. Mai 1848 zum Regierungspräsidenten in Aachen ernannt worden. Bevor er allerdings im September 1848 seinen Aachener Posten endgültig antrat, übernahm er zunächst auf heftiges Drängen Hansemanns und gegen eigene Bedenken das in dieser politisch unruhigen Zeit undankbare Amt eines preußischen Innenministers im schließlich nur elf Wochen amtierenden Kabinett Auerswald-Hansemann.

Was für Brüggemann und Kühlwetter gilt, läßt sich auch für die überwiegende Zahl der Mitglieder des privaten Komitees feststellen. Die überwiegende Zahl der im privaten Komitee organisierten Polytechnikumsbefürworter standen in näherer Beziehung zu Hansemann oder seinen Gründungen von Feuerversicherung, Aachener Verein oder der Rheinischen Eisenbahngesellschaft. Bezeichnenderweise befanden sich die Akten dieses Komitees bis zur ihrem kriegsbedingten Verlust im Aktenbestand der Aachener und Münchener Versicherung.

Obwohl offiziell der Aachener Handelsgerichtspräsident Bischoff Vorsitzender des privaten Komitees war, trat vor allem Brüggemann innerhalb dieses Komitees in Erscheinung. Ihm vor allem war es zu verdanken, daß bereits Ende Oktober 1859 die von der Versicherung und dem Aachener Verein zugesagten Dotationen zur Polytechnikumsgründung in Höhe von über 330000 Talern in Form eines Effektendepots bei der Regierungshauptkasse hinterlegt worden waren, und somit nicht nur das finanzielle Gesamtangebot der Kölner übertrafen, sondern auch besser abgesichert waren als die Zusagen der Kölner. Die Finanzierungsangebote aus Köln basierten nämlich wesentlich auf einer Stiftungszusage über 100000 Taler des Kölner Kaufmanns und Kunstsammlers Johann Heinrichs Richartz, die dieser angesichts der schleppenden Berliner Entscheidungsfindung in der Standortfrage tatsächlich kurz vor seinem Tode 1860 zu anderen städtischen Zwecken umwidmete.

Neben der finanziellen Absicherung der Aachener Angebote setzte sich der Aachener Versicherungsdirektor vor allem mit Denkschriften und Petitionen an den damals noch Prinzregenten Wilhelm und durch wiederholte persönliche Gespräche mit Berliner Regierungsstellen für Aachen als neuen Polytechnikumsstandort ein. Die von ihm verfaßte Denkschrift vom 26. Oktober 1859 nahm nochmals alle für Aachen als Polytechnikumsstandort sprechende Argumente auf. Neben den in Berlin geäußerten Befürchtungen, die neue Schule könne in Aachen, dem Sitz der vorzugsweisen ultramontanen Richtung, unter den Einfluß klerikaler Kreise kommen, und neben den großzügigen finanziellen Angeboten aus Aachen, ging Brüggemann ausführlich auf die industriell fortgeschrittene Entwicklung der Aachener Region ein und betonte besonders die Vorteile der Grenzlage, wo ein unmittelbarer persönlicher Verkehr mit zweien stammverwandten äußerst betriebsamen Handels- und industriellen Nationen, der belgischen und der holländischen stattfindet. Diese Denkschrift beeindruckte den Prinzregenten offenkundig so, daß er am 19. November 1859 dem Staatsministerium mitteilte, daß die in der Brüggemannschen Denkschrift entwickelten Argumente von solchem Gewicht seien, daß Ich, wenn sie nicht, namentlich in ihren faktischen Unterlagen, angefochten werden können, geneigt bin, Mich für Aachen zu entscheiden. Ein Jahr später, Ende November 1860, als eine Ministermehrheit des preußischen Staatsministeriums bereit war, sich für Köln als Standort auszusprechen, brachte wiederum Brüggemann eine Petition zusammen, die von vielen Aachenern aus den oberen und mittleren Schichten der Bürgerschaft unterzeichnet, in einer beigefügten Denkschrift betreffend die Gründung einer polytechnischen Schule zu Aachen vom preußischen König eine polytechnische Schule erbat. Diese Bittschrift unterzeichneten 5 Bürgermeister, 25 Gemeinderatsmitglieder, 90 Fabrikanten, 8 Vorsteher von Etablissements und Instituten, 109 Kaufleute, 72 andere Gewerbetreibende, 3 Landwirte, 41 Rentiers, 15 Geistliche, 16 Ärzte, 12 Lehrer, 14 Regierungs- und 47 andere Beamte und 25 Anwälte und Notare; insgesamt 482 Personen.

Es war wiederum der Direktor der Aachener Versicherungsgesellschaft zusammen mit dem Aachener Verein, die Ende Februar 1862 endgültig die Finanzierung des zu gründenden Polytechnikums sicherstellten. Der preußische Handelsminister hatte angesichts leerer Staatskassen 1861 den staatlichen Unterhaltszuschuß für das geplante Polytechnikum auf jährlich 10000 Taler beschränkt und von den konkurrierenden Städten Köln und Aachen ultimativ die Garantie einer Übernahme der darüber hinausgehenden Kosten verlangt. Während Köln die Übernahme der Schulgeldgarantie ablehnte, hatte Kühlwetter in Verhandlungen mit den beiden Aachener Gesellschaften und dem privaten Komitee erreicht, daß Versicherung und Verein der Stadt zur Übernahme dieser zusätzlichen Kosten die Zinsen aus 100000 Talern der zur Gründung deponierten Kapitalien in einer jährlichen Höhe von garantierten 5000 Talern zur Verfügung stellte. Mit diesen Zusagen im Rücken übernahm die Stadt am 6. März 1862 die geforderte Schulgeldgarantie. Mit diesem letzten finanziellen Kraftakt aller beteiligten Aachener Institutionen hatte die Stadt Aachen praktisch die Konkurrenz um den Standort des neuen Polytechnikums für sich entschieden.

Wenn sich die Entscheidung in der Standortfrage über Jahre hinzog, so lag dies nicht allein an der finanziellen Konkurrenz der beiden rheinischen Städte. Ein weiterer wesentlicher Grund bildete auch das Problem einer gespaltenen ministeriellen Ressortkompetenz in Preußen. Im Gegensatz zu anderen deutschen Staaten unterstand in Preußen das technisch-gewerbliche Schulwesen der Kompetenz des Handelsministers, während die allgemeinbildenden Schulen in den Ressortbereich des Kultusministers fielen. 1859 hatte das preußische Kultusministerium eine Reform des realienbezogenen Sekundarschulwesens durchgeführt und eine Scheidung der Realschulen nach erster und zweiter Ordnung durchgeführt. So hatten am 24. Januar 1860 auch die Aachener Stadtverordneten beschlossen, für die höhere Bürgerschule, die bis 1855 mit der Provinzialgewerbeschule verbunden gewesen war, den Status einer Realschule erster Ordnung zu beantragen. Im Rahmen dieser Reform hatte der preußische Kultusminister von Bethmann-Hollweg 1859 und 1860 gefordert, das in der Rheinprovinz geplante Polytechnikum als eine Universität der Reallehranstalten zu gründen, an der auch Lehrer der Naturwissenschaften ausgebildet werden könnten. Wie der preußische Handelsminister von der Heydt schon die im ersten Organisationsplan Kühlwetters vom 3. Februar 1859 für Aachen geforderte Bergakademie als nicht zum Fächerkanon einer polytechnischen Schule gehörig abgelehnt hatte, so betonte er nun gegenüber dem Kultusminister den Charakter der neuen Schule als einer rein technischen höheren Fachschule. Schon Beuth hatte sich als Direktor des Gewerbeinstitus immer wieder jeder Akademisierung des höheren technischen Schulwesens widersetzt, um dem Kultusministerium keinerlei Gelegenheit zu bieten, Kompetenzansprüche in Richtung der höheren gewerblichen Schulen geltend machen zu können. Ebenso reagierte nun von der Heydt in der Frage der neuen polytechnischen Schule. In der Standortfrage führte dies zu der merkwürdigen Situation, daß der Kultusminister nur bereit war, für das vom Handelsminister von der Heydt präferierte Köln als Standort zu stimmen, wenn das von ihm vorgeschlagene universitäre Modell verwirklicht werde. Sollte jedoch eine höhere gewerbliche Fachschule verwirklicht werden, dann sei Aachen der geeignetere Standort.

Am 14. November 1863 schließlich bestimmte der preußische König Wilhelm I.durch Erlaß unter den in der Anlage aufgeführten Bedingungen die Stadt Aachen zum Sitz der in der Rheinprovinz zu begründenden polytechnischen Schule. Im ersten Artikel der Anlage hieß es: Die Anstalt soll eine höhere gewerbliche Fachschule werden, und der Unterricht in derselben sich auf die sogenannten realen Wissenschaften erstrecken, ohne jedoch die lebenden Sprachen und die Geographie auszuschließen.

Johann Contzen (1809-1875), Aachener Oberbürgermeister

Johann Contzen (1809-1875)
Von 1851 bis 1875 Aachener Oberbürgermeister

(Bildquelle: Stadtarchiv Aachen)

Gerade diese Charakterisierung der neuen Anstalt als gewerbliche Fachschule ließ den Aachener Oberbürgermeister Johann Contzen (1809-1875) argwöhnen, bei der geplanten Anstalt handele es sich um eine gewöhnliche Gewerbeschule. Contzen forderte daher in verschiedenen Vorstößen beim Aachener Regierungspräsidenten und beim rheinischen Oberpräsidenten für die neue polytechnische Schule eine Forst- und Bauakademie sowie eine Schule für Bergbau und Hüttenwesen, um den Hochschulcharakter der neuen Schule sicherzustellen. Zwar konnten sich auch Kühlwetter und die anderen Polytechnikumsbefürworter nur schwer mit einem solchen Fachschulkonzept zufrieden geben, nun aber drohte der Aachener Oberbürgermeister mit seinen überzogenen und zu diesem Zeitpunkt weder politisch noch finanziell durchsetzbaren Forderungen die Aachener Polytechnikumsgründung im letzten Augenblick zum Scheitern zu bringen. Kühlwetter, dessen Verhältnis zu Contzen aktenkundig schlecht war, unterband schließlich diese Vorstöße des Aachener Oberbürgermeisters und brach jegliche Verhandlungen darüber ab.

Robert Cremer (1826-1882), Architekt des Hauptgebäudes der RWTH Aachen

Robert Cremer (1826-1882)
Architekt des Hauptgebäudes der RWTH Aachen

(Bildquelle: Schmitz, Herbert Philipp: Robert Cremer. Erbauer der Technischen Hochschule und, Restaurator des Münsters zu Aachen. Bernhard Poll (Hg.): Aachener Beiträge für Baugeschichte und Heimatkunst. Bd. 5. Aachen 1969)

Währenddessen war der Aachener Bauinspektor Robert Cremer nach einer Besichtigung der Polytechnika Karlsruhe, Stuttgart und Zürich beauftragt worden, Baupläne für ein Schulgebäude für etwa 500 Studenten einzureichen. Cremers Entwürfe, die er im November 1864 zur Genehmigung bei der preußischen Staatsregierung einreichte, beruhten im wesentlichen auf einem Organisationsplan, den der Aachener Regierungspräsident Kühlwetter zusammen mit dem damaligen Direktor der Gewerbeschule, Adolph Wüllner, ausgearbeitet hatte. Während der Oberbürgermeister an diesem Entwurf nicht beteiligt war, hatte Kühlwetter den Organsiationsplan mit Brüggemann und den Fundatoren der Anstalt besprochen und ihre Anregungen übernommen. Dieser Organisationsplan sah neben einer allgemeinen wissenschaftlichen Vorschule, eine Handelsschule, eine Ingenieurschule für Straßen-, Wasser-, Brücken- und Eisenbahnbau, eine Maschinenbauschule, eine Schule für Chemie und Hüttenkunde sowie eine Bergschule vor. Als Standort des neuen Polytechnikums wurde ein Grundstück am Templergraben ausgewählt.

Grundsteinlegung des Aachener Polytechnikums

Grundsteinlegungsfeier für das neue Aachener Polytechnikum am 15. Mai 1865 im Rahmen der Fünfzig-Jahr-Feier des Anschlusses der Rheinlande an Preußen.

(Bildquelle: RWTH Aachen)

Am 15. Mai 1865, zehn Tage nach Kühlwetters kleiner Vorfeier zur Grundsteinlegung, wurde im Rahmen der Fünfzigjahrfeier des Anschlusses der Rheinlande an Preußen am Templergraben vom preußischen König und dem Kronprinzen, diesmal in Anwesenheit aller städtischen Honoratioren, feierlich der Grundstein zum heutigen Hauptgebäude der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule gelegt. Mehr als fünf Jahre sollte es noch bis zur Eröffnung der neuen polytechnischen Schule dauern. Ihr Konzept war zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung noch das einer gewerblichen Fachschule. Doch die Prinzipien zur Organisation polytechnischer Schulen wurden mittlerweile öffentlich und nicht nur in Aachen diskutiert. Das Ergebnis dieser Diskussionen führte schließlich dazu, daß die Aachener polytechnische Schule am 10. Oktober 1870 - zumindest nominell - als erste Technische Hochschule Deutschlands ihren Lehrbetrieb aufnahm.

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