Am 15. Mai 1865 hatten der preußischen König Wilhelm
I. und sein Sohn der Kronprinz Friedrich Wilhelm feierlich den
Grundstein zum Hauptgebäude der polytechnischen Schule am
Templergraben, unmittelbar unterhalb des Bahnkörpers und des
Bahnhofs Templerbend gelegt. Ursprünglich hatte man gehofft,
den Bau der neuen Schule bis 1868 vollenden zu können, aber
Schwierigkeiten bei der Beschaffung der Baumaterialien für ein
solch großes, und nicht nur für damalige Aachener
Verhältnisse imposanten Gebäudes hatte den
endgültigen Abschluß der Arbeiten am gesamten
Baukomplexes bis zum Jahre 1870 verzögert. Im Frühjahr
waren die Bauarbeiten abgeschlossen und das Hauptgebäude
nahezu vollständig eingerichtet. Der ursprüngliche
Gebäudekomplex der neuen polytechnischen Schule bestand aus
dem zweiflügeligen, u-förmigen Schulgebäude, dessen
zur Rückseite offener, als Gartenanlage gestalteter Innenhof
durch ein separat stehendes chemisches Laboratoriumsgebäude
gegen den Bahndamm nach Norden hin abgeschlossen wurde.
Lageplan 1870. Das Aachener Polytechnikum bestand im Jahre 1870
aus dem Hauptgebäude und dem dahinterliegenden Chemischen
Laboratorium. Unmittelbar hinter dem Gebäudeensemble nach
Norden erhob sich die Bahntrasse der Aachen-Maastrichter Eisenbahn
mit dem Bahnhof Templerbend. Die Lage unterhalb des Bahndamms
sollte sich in den folgenden Jahren als Hindernis bei der baulichen
Erweiterung der Hochschule erweisen.
Der als "Efeuhaus" bekannte Bau unmittelbar hinter dem
Hauptgebäude stellt den heute allein erhaltenen Mittelteil
jenes alten chemischen Laboratoriums dar. Von den Treppen seines
(heute zugemauerten, aber immer noch erkennbaren) Portalaufgangs
fiel der Blick in einen einen weitläufigen Innenhof mit
Fontaine (Springbrunnen). Im Laufe der weiteren Entwicklung der
Hochschule wurde aus Platznot dieser Innenhof nach und nach
vollständig zugebaut. Entworfen hatte das gesamte
Gebäudeensemble der Aachener Bauinspektor Robert Cremer, ein
anerkannt begabter und vielseitig gebildeter Techniker, nachdem er
in offiziellem Auftrag die Polytechnika in Karlsruhe, Stuttgart und
Zürich als die bedeutenderen Anstalten neuerer Zeit besucht
und in Augenschein genommen hatte. Im ersten Programm der
Königlichen Rheinisch Westphälischen Polytechnischen
Schule zu Aachen für den Cursus 1870/71 stellte sich die neue
Technische Hochschule so vor:
Durch die Allerhöchste Cabinets-Ordre vom 14. November
1863 wurde die Stadt Aachen zum Sitze der in der Rheinprovinz zu
begründenden polytechnischen Schule bestimmt, und am 15. Mai
1865, also am fünfzigsten Gedenktage der Vereinigung der
Rheinprovinz mit der Krone Preussen, wurde von Sr. Majestät
dem Könige Wilhelm der Grundstein zum Gebäude
gelegt.
Die gesammte Anlage besteht aus dem Hauptgebäude und
dem Laboratorium ... .
Die Heizung des Gebäudes geschieht durch eine
Warmwasserheizung (Mitteldruckheizung) nach dem Systeme von A.
Pönsgen u. Co. in Düsseldorf, mit Ausnahme der Aula und
der Räume im Souterrain, welche durch Oefen geheizt werden.
Eine Ventilation der Auditorien steht mit der Heizeinrichtung in
Verbindung. Durch das ganze Gebäude erstreckt sich eine
Wasserleitung, welche zugleich mit den nöthigen Vorkehrungen
zu einer wirksamen Feuerlöschvorrichtung versehen ist. Das
Wasser wird durch eine Dampfmaschine in 4 Cisternen von zusammen
1000 Cubikfuss [ca. 314 m³] Inhalt gepumpt und von diesen aus
in das Gebäude vertheilt. Sämmtliche Treppen im
Gebäude sind von Stein ausgeführt. Ueber der
Mittelthür ist eine Uhr angebracht mit Schlagwerk, welches im
ganzen Gebäude gehört werden kann. Durch eine electrische
Leitung steht dieselbe mit dem Zifferblatte im Laboratorium in
Verbindung.
Das Treppenhaus ist mit den Marmorbüsten Sr.
Majestät des Königs und Sr. Königl. Hoheit des
Kronprinzen geschmückt und an den Wänden sind auf
Consolen Antiken aufgestellt; in der reich ornamentierten Aula
finden sich die Medaillons von hervorragenden Männern der
Wissenschaft und Technik angebracht. [von Dechem, Beuth, Werner,
von Liebig, Bunsen, Magnus, Dove, Karmarsch, Bessel, Schinkel,
Mellin, von Buch, von Humboldt, Klaproth, Mitscherlich, Leibnitz,
Gauss, Redtenbacher, Borsig, Hagen.]
Fassade des Aachener Polytechnikums 1870.
Die Facade ist im Style der italienischen
FrühRenaissance gehalten und in Quaderblendung hergestellt.
Das Souterrain aus Trachyt vom Drachenfels im Siebengebirge, das
Erdgeschoss aus röthlichem Sandstein von Trier, die oberen
Etagen von Brohler Tuffstein, mit Ausnahme der Gesimse, welche von
Sandstein hergestellt sind. Der Mittelbau ist mit Figuren [Die
Stadt Aachen mit dem Spinnrocken, die Rheinprovinz mit Urne und
Weintrauben, in der Mitte Minerva mit dem preußischen Adler
und daneben 2 Eulen als Akroterien, die Provinz Westphalen mit
Eichenlaub und Wappen, die Borussia mit Rüstung und Speer.]
geziert.
Die Etagenhöhe des Souterrains beträgt 12 Fuss
[3,77 m], die des Erdgeschosses 18 Fuss [5,65 m], des ersten
Stockes 19 Fuss 8 Zoll [6,17 m], des zweiten Stockes 18 Fuss 6 Zoll
[5,81 m], die Höhe der Aula 39 Fuss [12,24 m]. Sämmtliche
Räume haben Balken-Decken, mit Ausnahme des Souterrains, des
Vestibüls und sämmtlicher Corridore, welche mit resp.
Tonnen, Kugel und Kreuzgewölben überdeckt sind.
Der Raum zwischen Hauptgebäude und Strasse ist zu
Gartenanlagen mit Sitzplätzen ausgebildet und wird durch zwei
Fontainen belebt. Im Hofe zwischen Laboratorium und
Hauptgebäude sind Gartenanlagen, in deren Mitte ebenfalls eine
Fontaine befindlich ist.
Das Hauptgebäude hat 28,517 Quadrat-Fuß [8949
m²] rheinisch bebaute Fläche und die Herstellung kostete
318,000 Thaler, also der Quadratfuss 11 Thaler 4 ½ Sgr. Es hat
Platz für eine Frequenz von etwa 500 Hörern.
Das Laboratorium, welches Souterrain, Erdgeschoss und 2
Etagen enthält, hat 7912 Quadratfuss [2483 m²] bebaute
Fläche und kostet 52,000 Thaler, also per Quadratfuss 6 Thaler
17 1/6 Sgr. Dasselbe zerfällt in zwei Abtheilungen, von
welchen die erste für reine Chemie, die andere für
technische Chemie bestimmt ist. Zu jeder gehören im
Erdgeschoss zwei mit allen neueren Einrichtungen ausgestattete
Laboratorien nebst zugehörigen Nebenräumen. Die Zahl der
Practikantenplätze beträgt 60. In der ersten Etage
befinden sich ein grosses Auditorium zu den Vorlesungen über
Experimental-Chemie, ein kleineres für die technische Chemie
und ausserdem mehrere Sammlungsräume. Die zweite Etage
enthält Wohnungen für die Assistenten und
Diener.
Die gesammten auf das Institut bereits verwandten, theils
noch zu verwendenden Kosten belaufen sich auf 535,340 Thaler,
nämlich:
Bauplatz 40,000 Thaler
Baukosten des Hauptgebäudes 318,000 [Thaler]
Baukosten des chemischen Laboratoriums 52,000 [Thaler]
Sammlungen, Bibliothek, Mobiliar etc. 125,340 [Thaler]
Summa 535,340 Thaler
Prospekt aus dem Frühjahr 1870, mit dem zum Besuch der
"Königlich rheinisch-westphälischen Polytechnischen
Schule zu Aachen" eingeladen wurde.
Im Juni 1870 hatte sich ein Festkomitee für die
Eröffnungsfeierlichkeiten gebildet, das am 9. Juli die
offizielle Einladung zur Eröffnung des neuen Aachener
Polytechnikums an den in Bad Ems weilenden preußischen
König sandte. Die nur zehn Tage später durch Bismarcks
Emser Depesche provozierte französische Kriegserklärung
an Preußen eröffnete den deutsch-französischen Krieg
von 1870/71 und verhinderte so die Teilnahme von König und
Kronprinz an der feierlichen Eröffnung der Aachener Hochschule
am 10. Oktober 1870.
Drei Monate nach Aufnahme des Lehrbetriebs am Aachener
Polytechnikum, am 18. Januar 1871, wurde der preußische
König Wilhelm I. in Versailles zum Deutschen Kaiser
ausgerufen. Mit der nationalen Einheit Deutschlands war, und darin
lag die Bedeutung dieses Vorgangs für die polytechnischen
Schulen, zugleich ein einheitlicher Wirtschaftsraum geschaffen
worden, der eine einheitliche nationale Entwicklung von Technik und
Industrie ermöglichte und beschleunigte und dadurch mittelbar
auch der Entwicklung der Technischen Hochschulen zugute kam. Hatten
schon der VDI und die einzelnen Fachingenieurverbände in den
sechziger Jahren das Bild einer nationalen deutschen Technik
entworfen und ihre eigenen Vereinigungen als
landesübergreifende und nationale Verbände organisiert,
so waren nun die politischen Voraussetzungen einer einheitlichen,
nationalen wirtschaftlichen und technisch-industriellen Entwicklung
geschaffen, von der auch die deutschen Technischen Hochschulen
profitieren sollten.
[Weiter
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