Franz Reiff (1835-1902), Selbstportrait (ohne Datum)
(Bildquelle: Archiv RWTH)

Nach der Verfassung vom 20. April 1870 bestand die polytechnische Schule in Aachen bei ihrer Eröffnung aus einer allgemeinen Schule und drei Fachschulen. Als preußische Staatsanstalt unterstand sie unmittelbar dem Handelsministerium. Als Königlicher Commissar für die polytechnische Schule nahm durch eine nachträgliche Verfügung seit dem 1. Januar 1871 der jeweilige Aachener Regierungspräsident die staatliche Aufsicht über die Aachener Anstalt wahr. Zum ursprünglich auf Lebenszeit berufenen Direktor des Polytechnikums war der Eisenbahningenieur August von Kaven ernannt worden.
Am 19. März 1827 in Bremen geboren, hatte von Kaven seine
spätere Wirkungsstätte bereits kennengelernt, als er
zwischen 1842 und 1843 als Eleve in einer Aachener Maschinenfabrik
gearbeitet hatte. Nach anschließenden dreijährigem
Studium
am Polytechnikum in Hannover und mit dem Abschluß der
Hannoverschen Staatsprüfung im Baufach fand Kaven eine erste
Anstellung im Wasserbau beim öffentlichen Bauwesen seiner
Heimatstadt Bremen. Zwischen 1850 und 1861 arbeitete er als
Ingenieur der Hannoverschen Eisenbahndirektion und Bauinspektor im
Hannoverschen Staatsdienst an Entwurf und Ausführung
verschiedener norddeutscher Eisenbahnlinien, -brücken und
Hafenanlagen. Im Jahre 1861 übernahm Kaven neben seiner
praktischen Ingenieurtätigkeit als Mitglied der technischen
Abteilung der Generaldirektion der Eisenbahnen in Hannover am
dortigen polytechnischen Institut eine Lehrverpflichtung für
Eisenbahn-, Brücken- und Wegebau, aus der heraus er vom
preußischen Handelsminister zum Direktor des Aachener
Polytechnikums berufen worden war.
Neben seinem Direktorat leitete Kaven zugleich die Fachschule für Ingenieurwesen und Hochbau. An dieser Fachschule lehrten ab dem Eröffnungsjahr 1870/71 Friedrich Heinzerling, bis dahin Ordinarius für Bau- und Ingenieurwesen an der Universität Gießen, Brückenbau und höhere Baukonstruktion. Seinen hochbefähigten und damals erst 26jährigen ehemaligen Schüler Otto Intze, Sohn eines mecklenburgischen Arztes, hatte von Kaven bereits 1869 als Dozenten für Baukonstruktionen und Wasserbau für das neue Aachener Polytechnikum gewinnen können. Von Kaven selbst las über Wege- und Eisenbahnbau.
Die Hochbaufächer lehrten die Architekten Franz Ewerbeck (1839-1889), Ferdinand Tochtermann (??-ca. 1875) und der Aachener Erbauer des Polytechnikums Ferdinand Robert Cremer, der allerdings bereits nach einem Jahr auf eigenen Wunsch von seinem Lehrauftrag entbunden wurde. Sein Lehrgebiet erstreckte sich auf Kurse im Entwerfen größerer Gebäude und Stadtanlagen, Baumaterialienkunde, Baukalkulation und Bauführung, sowie Heizung und Installation. Nach Cremers Rückzug aus dem Lehrbetrieb übernahmen Tochtermann und der auf Vermittlung seines Freundes Otto Intze nach Aachen berufene Heinrich Damert die Aufgaben Cremers. Der wie Intze aus Mecklenburg stammende Heinrich Damert, ein gutherziger und umgänglicher Mensch mit ehrwürdigem Haupte und weichem Kinderherzen, wie in Max Schmid-Burgk später diese "stadtbekannte Persönlichkeit" charakterisierte, hatte bis zu diesem Zeitpunkt im wesentlichen Eisenbahngebäude entworfen und las als eine Aachener Spezialität ein besonderes Kolleg über Eisenbahnbauten. Wie sein Landsmann Intze am Polytechnikum Hannover, hatte auch Damert in Karlsruhe nicht allein die Bauingenieurfächer studiert, sondern auch Kurse in Maschinenbau bei Ferdinand Redtenbacher besucht. Seine Vorlesungsmitschriften aus dieser Zeit sind bis heute in der Aachener Hochschulbibliothek erhalten. Ewerbeck war Ordinarius für Formenlehre der Baukunst, während Tochtermann bis zu seinem frühen Tode besonders unter bauhistorischen Aspekten Architektur, Kunstgeschichte und Landwirtschaftliche Baukunst lehrte. Tochtermanns Nachfolger wurde 1875 Karl Henrici, der über seine Berufung nach Aachen schrieb: Meine Berufung an die 'Polytechnische Schule' in Aachen verdanke ich dem Direktor v. Kaven, der mit Vorliebe Kräfte, die aus der Hannoverschen Schule hervorgegangen waren, heranzog und mich von früher kannte.

Franz Reiff (1835-1902), Selbstportrait (ohne Datum)
(Bildquelle: Archiv RWTH)
Als zunächst außerordentliche Lehrer wirkten um diese Zeit der Aachener Maler Franz Reiff, als Dozent für Ornamenten-, Figuren- und Landschaftszeichnen, und die ebenfalls aus Aachen stammenden Bildhauer Gottfried Götting und Carl Blum als Dozenten für Modelliren und Bossiren. Von Franz Reiff, einem damals bekannten und später hochgeehrten Landschafts- und Historienmaler stammen die bis heute erhaltenen, zur Eröffnung der Hochschule angefertigten Portraits des damaligen preußischen Königs und späteren deutschen Kaisers Wilhelms I., des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, des Regierungspräsidenten Kühlwetter und des Generaldirektors der Aachener und Münchener Versicherung Brüggemann. Der Bildhauer Gottfried Götting schuf, neben zwölf Statuen für die Chorhalle des Aachener Münsters, unter anderem auch die allegorischen Figuren auf dem Dach des Hauptgebäudes, von denen allein die Adler den letzten Krieg unversehrt überstanden. Von Götting stammten auch die marmornen Potraitbüsten des preußischen Königs und des Kronprinzen, die für Jahrzehnte das Treppenhaus des Hauptgebäudes schmückten.
Der Fachschule für Maschinenbau und mechanische Technik stand als Leiter der in Wien geborene und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich ausgebildete noch junge Leonidas Lewicki vor, ein ehemaliger Assistent Reuleaux's, der vom baltischen Polytechnikum in Riga als Ordinarius für Maschinenbau nach Aachen berufen worden war, und sich innerhalb seines Lehrfaches speziell mit dem Dampfmaschinenbau beschäftigte. Als Lehrer innerhalb der Fachschule standen ihm zur Seite die bis dahin an der Berliner Gewerbe- bzw. Bergakademie tätigen Ingenieure Adolf von Gizycki und Gustav Herrmann. Der aus Königsberg stammende, wegen seiner freundlichen Art von Kollegen und Studenten geschätzte von Gizycki - zehn Jahre später sollte er der erste Rektor der Aachener Hochschule werden - vertrat und lehrte als Dozent für Theoretische Maschinenlehre in Aachen die im wesentlichen von seinem ehemaligen Berliner Direktor an der Gewerbeakademie Franz Reuleaux entwickelte Theorie der Kinematik. Herrmann, ebenfalls ein späterer Rektor der RWTH, lehrte in Aachen über Mechanische Technologie, Baumaschinen und Fabrikanlagen.

Adolf von Gyzicki (1834-1891), zwischen 1880 und 1883 erster Rektor der Aachener Hochschule.
(Bildquelle: Archiv RWTH Aachen)
Nach der Berufung Lewickis an das Polytechnikum Dresden,
übernahm 1874 bis zu seinem frühen Tod der aus Hannover
stammende Hugo von Reiche Lewickis Lehraufgaben. Von Reiches
Spezialgebiet war ebenfalls der Dampfmaschinenbau.
Zusätzlich wurde 1873 Ludwig Pinzger, bis dahin Assistent am
Lehrstuhl für Wege- und Eisenbahnbau, als Professor für
Maschinenbau, Maschinenlehre und Linearzeichnen berufen.
Die dritte Fachschule bildete jene für chemische Technik und Hüttenkunde. Ihr Vorsteher war der vorher an der Bonner Universität lehrende Ordinarius für Chemie am Aachener Polytechnikum Hans Heinrich Landolt, ein ehemaliger Mitarbeiter Robert Wilhelm Bunsens. Landolt war bereits 1869 nach Aachen berufen worden, um an dem Entwurf zur Einrichtung des chemischen Laboratoriums mitzuwirken. Neben ihm lehrten der an der Berliner Universität und Bergakademie habilitierte Hugo Laspeyres Kristallographie, Mineralogie, Mineralchemie, Petrographie und Geologie und der ebenfalls von der Berliner Gewerbeakademie kommende Karl Stahlschmidt Technische Chemie, insbesondere Zucker, Soda- und Glasfabrikation, Verkohlung und Verkokung, Salinenkunde und Gärungschemie. Im November 1871 kam von der Berliner Bergakademie der frühere Betriebsbeamte der Königlichen Hüttenwerke in Malapane und Gleiwitz Ernst Friedrich Dürre als Professor für Hüttenkunde und Probirkunst an diese Fachschule, wo er neben einem allgemeinen Überblick über das gesamte Hüttenwesen besonders über die Anlage und den Betrieb von Eisenhütten unterrichtete.
Bevor ein Studierender, so die offizielle Bezeichnung, sein auf drei bis vier Jahre berechnetes Studium an einer der drei Fachschulen beginnen konnte, hatte er einen einjährigen Kursus an der allgemeinen Schule zu durchlaufen, in dem als Voraussetzung für die Fachschulen insbesondere Mathematik, Naturwissenschaften und allgemeines technisches Grundlagenwissen gelehrt wurden. Zu den Professoren dieser allgemeinen Schule gehörten neben dem ehemaligen Aachener Gewerbeschuldirektor und Vater des ersten Organsiationsplanes des Aachener Polytechnikums Adolf Wüllner, nun Professor für Physik, und der wegen seiner Anforderungen von den Studenten gefürchtete August Ritter. Er war, wie schon Intze, durch von Kavens Vermittlung vom Polytechnikum Hannover nach Aachen gekommen und lehrte Mechanik und Ingenieurmechanik. Der als Original bekannte und bei den Studenten außerordentlich beliebte Karl Hattendorff, Professor für Höhere Mathematik an der allgemeinen Schule, pflegte sein morgendliches Kolleg jeweils mit einem Frühschoppen im Bahnhof Templerbend zu beenden. Von der Hamburger Sternwarte kam der Geodät Friedrich Robert Helmert als Lehrer für Praktische Geometrie und Geodäsie an die Aachener Schule. Mitte der achtziger Jahre wurde Helmert, dessen zweibändiges Werk über Die mathematischen und physikalischen Theorien der höheren Geodäsie (1880-1884) Grundlegendes zur Untersuchung der mathematischen Figur der Erde beitrug, zum Direktor des Königlich Preußischen Geodätischen Instituts berufen. Für nur zwei Jahre lehrte der von der ETH Zürich kommende Theodor Reye in Aachen Darstellende Geometrie und Geometrie der Lage, bevor er 1872 einen Ruf an die Universität Straßburg annahm. Sein Nachfolger als Lehrer für Graphische Statik und Darstellende Geometrie wurde der an der ETH Zürich ausgebildete Wilhelm Stahl. Neben seinen Lehrverpflichtungen an der Fachschule für chemische Technik und Hüttenkunde unterrichte Hans Heinrich Landolt an der allgemeinen Schule Reine Chemie. Als Assistent stand ihm bereits der aus Aachen stammende, 1876 zum Professor ernannte Alexander Classen, später Begründer der analytischen Elektrolyse, zur Seite.
Als außerordentlicher Lehrer las Heinrich Contzen zwischen 1870 und 1875 über Nationalökonomie und gewerbliche Betriebslehre, bevor in den folgenden Jahren auch andere, zum Teil geisteswissenschaftliche Kurse wie Geographie, Philosophie, Deutsche und Französische Literatur in den Fächerkanon der allgemeinen Schule aufgenommen wurden. Neben die regulären Veranstaltungen, die entsprechend der Studiendauer von etwa sechzig 1871 auf annähernd neunzig Veranstaltungen nach 1874 anwuchsen, traten im Verlaufe der kommenden Jahre verstärkt diese außerordentlichen Vorträge und Übungen. Neben Repetitorien und Übungen in Mathematik oder Kursen zu allgemein interssierenden Themen wie Zeichnen, Aquarellieren oder Astronomie, wurden auch zunehmend technische Fachkurse angeboten. Die Themenbreite dieser teilweise auch für die regionale Wirtschaft und Industrie interessanten Kurse reichten von Baumaschinen, Bergwerksmaschinen, Eisengießerei, Hüttenmaschinen bis zu Färberei und Druckerei etc..

"Entwürfe der Studierenden des Baufachs am Polytechnikums zu Aachen angefertigt unter der Leitung der Professoren der Anstalt"
(Quelle: Bibliothek der RWTH Aachen)
Im Gegensatz zu den Universitäten war an der polytechnischen Schule in Aachen von akademischer Freizügigkeit um diese Zeit noch wenig zu spüren. Die Organisation des Unterrichts war weitegehend schulmäßig. Der Stundenplan eines Studenten bestand aus etwa vierzig Wochenstunden, die sich auf sechs Tage verteilten. Die Vorträge und Kurse sollten nach Möglichkeit vormittags stattfinden, während die Nachmittage den Repetitorien und dem Technischen Zeichnen vorbehalten war. Die außerordentlichen Vorträge wurden am Spätnachmittag oder am Abend gehalten. (Die erhaltenen Musterstundenpläne zeigen dabei neben dem hohen zeitlichen Aufwand der Studierenden vor allem auch die weitaus mehr schulförmige als akademische Organisation des Lehrbetriebs.) Die einzigen praktischen Tätigkeiten des Ingenieurstudenten waren das Zeichnen bzw. im Falle der chemischen Fächer die analytischen Übungen im chemischen Laboratorium. Neben der theoretischen Ausbildung sollte der Student vorwiegend durch Anschauung lernen. Diesem Zwecke dienten die umfangreichen Sammlungen von Plänen, Werkzeugen, Maschinen, Mineralien etc.. Der Samstagnachmittag war Exkursionen in die umliegenden Gewerbe- und Industriebetriebe bzw. zu technischen Bauten oder geologischen Landschaftsformationen vorbehalten. Als wesentlicher Teil einer anschaulichen Ausbildung aufgefaßt, fanden gerade in der Pfingstwoche traditionell mehrtägige, umfangreiche Exkursionen statt, deren Berichte, teilweise umfangreich ausgearbeitet, später im Druck erschienen sind und uns so auch heute noch einen Eindruck des damals breiten Interessenspektrums von Professoren und Studenten vermitteln.
Die erste einheitliche preußische Diplom-Prüfungsordnung erließ der preußische Handelsminister im Mai 1873. Die Prüfung konnte von angehenden Architekten, Bauingenieuren, Maschineningenieuren, technischen Chemikern, Hütteningenieuren und Vermessungsingenieuren abgelegt werden. Sie setzte sich zusammen aus einer Vor- und Hauptprüfung. Die Vorprüfung fand nach den ersten vier Semestern statt. Eine Prüfungskommission unter Leitung der entsprechenden Fachlehrer prüfte dabei den Stoff der für alle Studenten obligatorischen allgemeinen Schule. Diese Vorprüfung konnte bei Vorlage von Testaten über die regelmäßige Teilnahme an Repetitorien und Übungen erlassen werden.
Die Hauptprüfung am Ende des Studiums fand jeweils im Juli statt. Sie bestand aus einem schriftlichen, mündlichen und praktischen Teil. Zur praktischen Prüfung konnte je nach Fachgebiet entweder die Vorlage einer an der Aachener Anstalt gefertigten graphischen Arbeit oder eine praktische Laboratoriumsaufgabe gehören. Die schriftliche Aufgabe bestand entweder in einer Hausarbeit oder einer Klausur. In der mündlichen Prüfung testete eine Kommission aus Fachlehrern unter Leitung des Direktors der Anstalt oder eines Fachschulvorstandes die fachlichen Kenntnisse des Prüflings. Dem Handelsminister stand es frei, zu diesen Prüfungen seinen Kommissar zu entsenden. Der erfolgreiche Abschluß der Prüfung wurde durch ein vom Direktor der Anstalt unterzeichnetes benotetes Diplom dokumentiert. Die Gesamtnote setzte sich aus den Teilnoten der einzelnen Fachprüfungen zusammen. Eine Wiederholung der Prüfung war erst nach einem weiteren Jahr und dann auch nur einmal möglich.
Gleichzeitig mit der neuen Prüfungsordnung wurde beim Aachener Regierungspräsidenten eine Technische Prüfungskommission für die Ingenieurstudenten des Baufachs eingesetzt, die die Aachener Prüfungsergebnisse an die Staatliche Baudeputation nach Berlin weitermeldete, so daß die Aachener Absolventen bei der weiterhin nur in Berlin stattfindenden Prüfung zum staatlichen Baumeister ihre Prüfungsberechtigung nachweisen konnten. Seit Oktober 1873 konnte in Aachen immerhin das Diplom eines Königlichen Bauführer erworben werden. Mit dieser Ausbildungsmöglichkeit für staatliche Baubeamte war der Anfang zu der bereits vom VDI und den Architektenvereinen geforderte Gleichberechtigung der Aachener polytechnischen Schule mit anderen deutschen Polytechnika gemacht.