Die erste bauliche Erweiterung des Polytechnikums bis 1880
Das Aachener Polytechnikum war
ursprünglich für eine Zahl von etwa 500 Studenten
entworfen und gebaut worden. Im Jahre 1875 besuchten bereits
annähernd 450 Studenten die Aachener Anstalt. Schon im
Studienjahr 1872/73 hatte man in einem Anbau an das Treppenhaus des
Hauptgebäudes zwei neue Zeichensäle, mehrere
Professorenzimmer und Sammlungsräume schaffen müssen,
nachdem man vorher bereits aus Platzmangel die eigentlich den
repräsentativen Gelegenheiten vorbehaltene Aula
zwangsläufig zu einem Zeichensaal hatte umfunktionieren
müssen. Doch auch diese erste Baumaßnahme nach
Eröffnung der Anstalt bot keine hinreichende Abhilfe.
Lageplan 1876. Die erste bauliche Erweiterung des Aachener
Polytechnikums umfasste das neue Chemische Laboratorium (re. neben
dem Hauptgebäude) mit einem separaten Kesselhaus. Es galt
seiner Zeit als eines der modernsten Laboratorien Europas.
Und so begann man um diese Zeit mit der Planung eines
großen und repräsentativen Laboratoriumsgebäudes
unmittelbar neben dem Hauptgebäude. Ein beredtes Bild von der
damaligen räumlichen Enge des sich zunächst
stürmisch entwickelnden Polytechnikums gibt die
Vorlesungschronik des Jahres 1874/75:
Der Ausbau des Zeichensaales im Hofe zu einem provisorischen
Laboratorium konnte von October 1874 an mit 38 Plätzen
für Praktikanten in Benutzung genommen werden; die zu diesem
Zwecke neu angeschafften Mobilien und Apparate werden in dem neu zu
erbauenden Laboratorium später Verwendung finden und wird der
Raum des Anbaues dann seiner ursprünglichen Bestimmung als
Zeichensaal wieder zurückgegeben werden. Bis dahin hat die
Aula als Zeichensaal in Benutzung genommen werden müssen,
obgleich dieselbe für allgemeine Zwecke des Polytechnikums nur
ungern entbehrt wird. Der Corridor des linken Flügels in der
ersten Etage wird durch Glasthüren an beiden Enden
abgeschlossen und mit Holzfussboden versehen werden um als
Zeichenraum und Raum zur Aufstellung der Gypse dienen zu
können. Das durch Entfernung der Gypse frei werdende Zimmer
Nro. 44 in der 2. Etage wird zur Vergrösserung des Raumes
für die mineralogische Sammlung und zur Herstellung eines
Laboratoriums für diejenigen, welche das krystallographische
und mineralogische Practicum besuchen, dienen, nachdem die Mittel
für den Ausbau und die Ausrüstung desselben höheren
Ortes bewilligt wurden. Wegen der Ungenügendheit der im
Souterrain des Hauptgebäudes gelegenen Wohnräume des
Castellans wurde der Anbau einer Castellanwohnung im links
gelegenen Hofe genehmigt und wird dieses Project während der
grossen Ferien zur Ausführung gelangen. ...
Front des neuen Chemischen Laboratoriums von 1876. Den Portikus
des Laboratoriums zierte der Vergil-Satz: "Mens agitat molem" (Der
Geist bewegt die Materie).
Bauzustand um 1910.
An der Stelle des im II. Weltkrieg weitgehend zerstörten
Chemischen Laboratoriums steht heute
das studienfunktionale Zentrum SuperC.
Das für die Anstalt seit ihrem Bestehen wichtigste
Ereigniss ist der Abschluss der Projectirungs-Arbeiten für das
neben dem Polytechnikum neu zu erbauende Laboratorium für
analytische Chemie und die erfolgte Genehmigung zur Ausführung
dieses umfangreichen Baues. Nach Entwurf eines vorläufigen
Projectes durch die Herren Ewerbeck, Intze, Landolt und Dürre,
wurde höheren Ortes genehmigt, dass Instructionsreisen
vorgenommen werden sollten, um die Einrichtungen bestehender
Laboratorien für Chemie und Laboratorien für Metallurgie
zu studiren. Nach Besichtigung derartiger Anlagen in Berlin, Bonn,
München, Wien, Pest, Paris, London und Manchester durch die
Herren Ewerbeck, Intze, Landolt und Dürre wurde eine
Umarbeitung des Projectes namentlich deshalb erforderlich, weil man
sich entschloss, die Arbeitsräume zu ebener Erde
einstöckig und vorwiegend mit Oberlicht und schwachem
Seitenlichte daneben versehen, anzuordnen, zu welcher Disposition
auch die Erfahrungen über die Vorzüglichkeit des
Oberlichtes bei chemischen Arbeiten im Zeichensaal des Anbaues, der
wie bemerkt als provisorisches Laboratorium dient, um so mehr
Veranlassung gaben. Das Laboratorium wird 110 Arbeitsplätze
für Praktikanten der analytischen Chemie, ein grosses und ein
kleines Auditorium, die erforderlichen Vorbereitungs- und
Waagenzimmer, Sammlungsräume u.s.w. enthalten und in der
ersten Etage namentlich Dienstwohnungen für zwei Professoren
und mehrere Assistenten. Der Bau wird auf dem Platze rechts vom
Polytechnikum errichtet werden, welcher der Aachener
Armenverwaltung abgekauft wurde; eben so wurden die an der
Bongardstrasse gelegenen, diesen Platz begrenzenden Häuser
angekauft, nachdem sich herausgestellt hatte, dass eine
anfänglich projectirte Lage des neuen Laboratoriums etwa in
Verlängerung des vorhandenen bedenklich sei, wegen der
Erschütterungen, welche die auf den nahe an die Grenze des
Platzes gerückten Gleisen des Bahnhofes der
Bergisch-Märkischen Bahn passirenden Züge verursachten,
wodurch, wie die Versuche ergaben, die Vornahme feiner
Wägungen und ähnlicher Arbeiten sehr behindert werden
konnte. Hiernach wird das Laboratorium mit der Fronte etwas vor der
des Hauptgebäudes zurückspringend an der
TemplergrabenStrasse zu stehen kommen und bis zur BongardStrasse
reichend eine Frontlänge von 71 Metern erhalten, während
die Frontlänge des Polytechnikums selbst 83,5 Meter
beträgt. Die bebaute Grundfläche des neuen Laboratoriums
wird (ohne Höfe) etwa 2410 Meter betragen, während die
bebaute Grundfläche des Hauptgebäudes des Polytechnikums
2800 Meter und des vorhandenen Laboratoriums 780 Meter
beträgt. Während das neue Laboratorium mit 110
Plätzen für Praktikanten, namentlich für die
analytische Chemie bestimmt ist, wird das vorhandene in der einen
Hälfte mit 30 Praktikanten-Plätzen für die
technische Chemie dienen und die andere Hälfte wird zu einem
Laboratorium für Metallurgie und Hüttenkunde und zur
Aufnahme der betreffenden Sammlungen eingerichtet werden. Die
Vollendung des neuen Laboratoriums, dessen Projectirung nach den
Angaben der betreffenden Professoren für Chemie und
Hüttenkunde den Herren Ewerbeck und Intze übertragen ist,
welche auch die Ausführung leiten werden, wird drei Jahre
beanspruchen. Bis dahin wird das zum neuen Laboratorium
gehörende Kesselhaus, welches bis October des laufenden Jahres
1875 fertig gestellt sein soll, provisorisch zu einem Laboratorium
für Metallurgie eingerichtet, das desfallsige Bedürfniss
befriedigen können, während das vorhandene Laboratorium
und das provisorische im Anbau für die Chemie so lange
ausreichen werden. Die Kosten der neuen Anlage beziffern sich
für Ankauf des Platzes und der abzubrechenden Gebäude auf
334,500 Mark, für das neue Laboratorium nebst Einrichtung auf
600,000 Mark, zusammen etwa 940,000 Mark, dazu etwa 1,900,000 Mark
für die bestehenden Anlagen, ergeben sich die für die
gesammten Baulichkeiten und Einrichtungen nach Vollendung des
Laboratoriums verwendeten Summen zu rund 2,840,000 Mark.
Grosser Hörsaal des Chemischen Laboratoriums.
Man beachte die selbstbewußt-repräsentative
architektonische Ausschmückung des durch Oberlicht erhellten
Hörsaals.
Für die nächsten zwei Jahrzehnte sollte dies der
letzte größere Ausbau der Aachener Hochschule bleiben.
Die durch anfänglich stark wachsende Studentenzahlen
hochgesteckten Erwartungen einer erfolgreichen Entwicklung des
neuen Polytechnikums erfüllten sich zunächst nicht. Als
das neuerrichtete Laboratoriumsgebäude mit dem
selbstbewußt über dem imposanten Portikus prangenden
Spruch: Mens agitat molem (Der Geist bewegt die Materie) im Oktober
1879 seiner Bestimmung übergeben wurde, befand sich das noch
junge Aachener Polytechnikum durch einen dramatischen Rückgang
der Studentenzahlen in einer Situation existenzieller
Bedrohung.
Grundriß des Chemisches Laboratorium und funktionale
Einteilung um 1879.
Zwei Faktoren hatten wesentlich zu dieser negativen Entwicklung
beigetragen: Nach einer globalen Hochkonjunkturphase war ganz
Europa spätestens nach dem sogenannten Wiener Börsenkrach
1873 von einer langanhaltenden, tiefen wirtschaftlichen Depression
erfaßt worden, deren Auswirkungen fast bis zum Ende des
Jahrhunderts spürbar blieben. Bis 1879 war die wirtschaftliche
Situation in Deutschland gekennzeichnet durch wirtschaftliche
Stagnation und Schrumpfung in einzelnen Wirtschaftszweigen und
einem allgemeinen Preisverfall. Offenkundig schlechte
Berufsaussichten ließen die Immatrikulationen an allen
deutschen polytechnischen Schulen drastisch absinken. Dagegen
erfreuten sich die (nichttechnischen) Universitäten eines
verstärkten Zulaufs. In Preußen wirkte sich darüber
hinaus wahrscheinlich auch das Problem einer ungeklärten
Zukunft der polytechnischen Schulen negativ auf die
Besucherfrequenz der höheren technischen Bildungsanstalten
aus. Während in anderen deutschen Ländern die Entwicklung
der Polytechnika zu wissenschaftlichen technischen Hochschulen
bereits vorangeschritten war, krankte die Entwicklung der gesamten
höheren technischen Ausbildung in Preußen am weiterhin
ungelösten Problem einer gespaltenen Ministerialkompetenz
zwischen Handelsministerium (gewerblichtechnische Ausbildung) und
Kultusministerium (allgemeinbildende und wissenschaftliche
Ausbildung). Wenn auch gewisse Kreise in Aachen damals immer wieder
behaupteten, der Einbruch bei den Besucherzahlen des Polytechnikums
habe spezifisch Aachener Ursachen, so zeigt ein Vergleich der
Studentenzahlen aller deutschen polytechnischen Schulen (s.
Grafik), daß die Aachener Entwicklung der Studentenzahlen ein
genaues Spiegelbild der Entwicklung deutscher Polytechnika
darstellte. Die Übereinstimmung mit der allgemeinen
Entwicklung der deutschen Polytechnika verhinderte dabei allerdings
keineswegs ein gehöriges Aachener Lokalkolorit im
Verhältnis von Stadt und Hochschule.
Vergleich der Entwicklung der Studentenzahlen zwischen allen
deutschen Technischen Hochschulen und der Aachener Hochschule.
[Weiter
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