Die innere Entwicklung der Hochschule bis zur Rektoratsverfassung 1880
So positiv sich das Aachener Polytechnikum
in der ersten Hälfte der siebziger Jahre des letzten
Jahrhunderts entwickelte und dies durch einen ständig
steigenden Zuwachs bei den Studentenzahlen auch nach außen
dokumentierte, es blieben der Wirtschaft und Industrie der Region
zwei schmerzlich empfundene Desiderate: Es waren dies die im ersten
Verfassungsentwurf Kühlwetters von 1865 noch vorgesehene
Handelsschule und besonders die zugunsten der Architektur
gestrichene Berg- und Hüttenschule. 1871 hatte der Aachener
Regierungspräsident von Bardeleben zwar eine Erhöhung des
Lehrmittelfonds für die Hochschule erreicht, und damit die
Berufung Ernst Friedrich Dürres auf einen Lehrstuhl für
Allgemeine Hüttenkunde ermöglicht.
Ernst Friedrich Dürre (1834-1905).
Zwischen 1871 und 1902 Professor für Allgemeine
Hüttenkunde und Probierkunst an der Technischen Hochschule in
Aachen. Dürre war zwischen 1886 und 1889 der dritte Rektor der
Aachener Hochschule.
Zwischen 1873 und 1879 bekleidete Dürre zudem das Amt des
Schriftführers beim Verein Deutscher Eisnehüttenleute
(VDEh).
Aber dieser einzige Lehrstuhl für das Hüttenwesen
wurde nicht zuletzt von Dürre selbst als ein nur mangelhafter
Ersatz für eine fehlende Fachschule für Berg- und
Hüttenwesen angesehen. Bereits wenige Wochen nach Aufnahme
seiner Lehrtätigkeit wandte sich Dürre erneut mit dem
Gedanken einer Aachener Bergbauabteilung an das Handelsministerium.
Er wußte sich als führendes Mitglied des Vereins
Deutscher Eisenhüttenleute dabei im Einklang mit den
bedeutendsten Vertretern der rheinisch-westfälischen
Eisenindustrie, die bereits im Zusammenhang der Gründung des
Aachener Polytechnikums und eines eigenen wissenschaftlichen
Forschungslaboratoriums 1865 auf Antrag des Direktors des
Walzwerkes Pümpchen in Eschweiler Carl Richard Petersen
beschlossen hatten: Der Technische Verein für
Eisenhüttenwesen befürwortet die Gründung eines
Lehrstuhles für Eisenhüttenkunde, überläßt
jedoch die näheren Bestimmungen über die Ausdehnung der
Vorträge und das Verhältnis zu dem Laboratorium den von
dem Zollvereinsländischen Eisenhüttenverein und dem
diesseitigen Vereine zu wählenden Ausschusse.
Der Jahresbericht der Aachener Handelskammer von 1873 hatte
zudem das handelswissenschaftliche Studium am heimischen
Polytechnikum erneut angemahnt:
Die Absicht, hieß es dort, den Lehrplan der
Hochschule dahin auszudehnen, daß auch die
Handelswissenschaften, welche vorzugsweise für die zahlreich
hier studierenden Industriellen erforderlich und für die
übrigen wenigstens sehr wünschenswert sind, durch einen
Lehrstuhl vertreten zu sehen, harrt noch der Ausführung.
Abgesehen von einzelnen außerordentlichen
Vorträgen aus dem Bereich der Nationalökonomie durch
Privatdozenten wie Heinrich Contzen (*1835) oder August Oncken
gelang die Einführung handelswissenschaftlicher Studien
allerdings erst gegen Ende des Jahrhunderts.
Anders verhielt es sich hingegen mit der Bergbauabteilung, die im
Zusammenhang mit der in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre
stattfindenden Verfassungsreform der preußischen Polytechnika
realisiert werden sollte. Zwar war das erste Gesuch Dürres um
Errichtung einer Aachener Bergbauabteilung wegen des Widerstandes
der Berliner Bergakademie und den preußischen
Oberbergämtern in Dortmund und Bonn aus prinzipiellen
Gründen abgelehnt worden, aber mit Unterstützung und
279 Unterschriften des Vereins für die Berg- und
Hüttenmännischen Interessen im Aachener Bezirk hatte
von Kaven im November 1878 eine Denkschrift an den Handelsminister
eingereicht, die im Zuge der verfassungsmäßigen
Aufwertung der Polytechnika zu Technischen Hochschulen in
Preußen 1880 zur Einrichtung einer eigenständigen
Bergbauabteilung in Aachen führte.
Nachdem nämlich Preußen mit den beiden Polytechnika in
Hannover und Aachen zwei höhere gewerbliche Bildungsanstalten
erhalten hatte, die sowohl für den technischen Staatsdienst,
als auch für die private Industrie ausbildeten, schien die
bisherige Trennung der beiden Berliner Anstalten von Baukademie und
Gewerbeakademie auf die Dauer überholt. Dies umso mehr, als
die allein Staatstechniker ausbildende Bauakdemie
gegenüber der "nur" Privattechniker ausbildenden
Gewerbakademie bevorrechtigt zu sein schien. Schon seit den
sechziger Jahren war eine Vereinigung der beiden Berliner
Ausbildungsstätten im Preußischen Abgeordnetenhaus heftig
gefordert und ebenso heftig abgelehnt worden. Angesichts des
allgemein angestrebten Aufstiegs der polytechnischen Schulen
forderte vor allem der Verein Deutscher Ingenieure den
Zusammenschluß der beiden Berliner Akademien zu einer
einheitlichen Technischen Hochschule, da die beiden voneinander
unabhängigen Berliner Akademien als Widerspruch gegen den
Gedanken unserer nationalen Vereinigung erscheinen, wenn in Betreff
eines so wesentlichen Culturinteresses, wie ihm durch unsere
technischen Hochschulen entsprochen werden soll, in der Hauptstadt
des Reiches eine andere Auffassung massgebend ist wie überall
sonst, nicht nur im übrigen Deutschland, sondern sogar an
anderen Orten des vergrösserten preussischen Staates
selbst. Dieser innerpreußische Widerspruch in der
Organisation der obersten technischen Ausbildungsstätten
veranlaßte Franz Grashof 1876 auf der 17. Hauptversammlung des
VDI in Berlin zu seinem zweiten großen programmatischen
Vortrag über die wünschenswerthe Entwicklung der
deutschen technischen Hochschulen und über Staatseinrichtungen
zu geeignter Verwendung akademisch gebildeter Techniker im
öffentlichen Dienste.
Die Resolution, die Grashof im Rahmen seines Vortrages der
Hauptversammlung des VDI zur Entschlußfassung vorlegte, zielte
auf nichts anderes als auf die wissenschaftlich und sozial
emanzipatorische Übernahme universitärer Rechts- und
Organisationsstrukturen für die Technischen Hochschulen. So
wie die Einheit der Universität die einzelnen Fakultäten
umspannte, sollte die innere Einheit der Technik als
Organisationsprinzip die verschiedenen technischen Fachabteilungen
unter dem gemeinsamen Dach einer Technischen Hochschule umfassen.
Der hier erhobene Anspruch auf volle rechtliche und
wissenschaftliche Gleichberechtigung mit den Universitäten
rührte aus dem Bewußtsein der gesellschaftlichen
Bedeutung der Ingenieure und Techniker als den
Generalsstabsoffizieren der deutschen Industrie, wie es in
dem bekannt gewordenen Zitat Grashofs hieß.
In Erwägung der hervorragenden Bedeutung, die der Technik
im heutigen Culturleben der Völker zukommt, in Erwägung
ferner der eine hohe geistige Reife erheischenden gesteigerten
Aufgaben der leitenden Techniker im Staatsdienst und in der
Privatpraxis und der ihnen gebührenden entsprechenden
staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Stellung, in
Erwägung endlich der engen Beziehungen zwischen den einzelnen
technischen Fachrichtungen, forderte die Hauptversammlung des
VDI in einer vier Punkte umfassenden Resolution:
- Vollständige Durchführung der Verbindung aller
seither nach Berufsclassen und Fachrichtungen getrennten
polytechnischen Hochschulen in allen deutschen Staaten.
- Zeugniss der Reife eines deutschen humanistischen oder
Realgymnasiums bezw. einer Realschule I. Ordnung als allgemeine
Aufnahmebedingung, ...
- Akademische Organisation, insbesondere mit collegialisch
geordneter Leitung und nur insofern beschränkter Lehrund
Lernfreiheit, als im Interesse der Gesammtheit geboten sein mag
...
- Anerkennung der Gleichwerthigkeit der an allen deutschen
technischen Hochschulen betriebenen Studien insbesondere auch
seitens der Staatsbehörden ...
Wie schon zehn Jahre zuvor bei den vom VDI beschlossenen
Principien zur Organisation polytechnischer Schulen,
machte sich das preußische Handelsministerium auch nun die vom
Ingenieursverein vertretenen Auffassungen sehr schnell zu
eigen.
Bereits am 15. August 1876 wurde entsprechend Punkt 2 der
VDI-Resolution durch Erlaß des Handelsministers Achenbach die
Zugangsberechtigung zu den polytechnischen Schulen in Preußen
verschärft. Als weiterer Schritt wurde die Zusammenlegung der
beiden Berliner Akademien zu einer Technischen Hochschule
entsprechend der Forderungen des VDI ins Auge gefaßt.
Auch wenn das preußische Handelsministerium den Forderungen
des Vereins Deutscher Ingenieure sehr aufgeschlossen gegenüber
stand, so empfanden es die Ingenieure als unangemessen und geradezu
diskriminierend, daß ausgerechnet die technisch-gewerblichen
Ausbildungsstätten nicht in den Ressortbereich des
preußischen Kultusministeriums fielen, zumal es sich bei der
von ihnen geforderten rechtlichen und organisatorischen Angleichung
der Technischen Hochschulen an die Universitäten nicht um
ein speziell technisches, sondern wesentlich zugleich um ein
allgemeines Culturinteresse handelt. Damit entstand eine etwas
groteske Situation: Die Polytechnika wünschten aus der
Ressortkompetenz des Handelsministeriums entlassen zu werden,
obwohl dieses Ministerium im wesentlichen ihre
Emanzipationsforderungen unterstützte, um in die Kompetenz des
Kultusministeriums zu wechseln, das ihren emanzipatorischen
Reformforderungen weiterhin kritisch bis ablehnend
gegenüberstand. Die Techniker verlangten die Aufnahme ihrer
höheren Ausbildungsstätten in den Ressortbereich des
Kultusministers auch, weil der Ausbau der
mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer an den
Polytechnika, die Angliederung typischer "Bildungsfächer" und
die verlangte rechtliche und organisatorische Angleichung an die
Universitäten einen solchen Ressortwechsel nahelegte. Zwar
beanspruchte auch der preußische Kultusminister Kompetenzen im
Bereich der technischen Hochschule, lehnte aber eine rechtliche
oder organisatorische Angleichung dieser Anstalten an die
Universitäten kategorisch ab. Der seit 1871 wesentlich durch
einen Kompromiß beruhigte Kompetenzstreit zwischen Handels-
und Kultusministerium brach nun erneut an der Frage der amtlichen
Gleichstellung zwischen Universitäts- und
Polytechnikumsprofessoren auf. Die geplante Verleihung des Titels
ordentlicher Professor an die Ingenieurprofessoren der
preußischen Polytechnika bedurfte entsprechend des
ausgehandelten Kompromisses der Zustimmung des Kultusministerium.
Der preußische Kultusminister Falk nahm diese Entscheidung zum
Anlaß, grundsätzlich zu der Frage des Verhältnisses
von Technischen Hochschulen und Universitäten Stellung zu
nehmen. Falk widersezte sich energisch jeder Gleichstellung beider
Anstalten und ihrer jeweiligen Professoren. Ganz im Sinne eines
idealistisch-neuhumanistischen Selbstverständisses der
Universitäten betonte Falk, daß die Technische Hochschule
eine höhere Unterrichtsanstalt zur praktischen Ausbildung
für praktische Berufe mit einem schulmäßig
gebundenen Unterricht sei. Die innere Wesensdifferenz der
Polytechnika zu den Universitäten liege im Unterschied der
Lehrweise, da die Universitäten die Wissenschaft um ihrer
selbst willen pflegten. Die Universität vermittele Bildung
durch reine Wissenschaft, während die polytechnischen
Schulen keineswegs eine zweckfreie wissenschaftliche, sondern
bloße Fachausbildung betrieben.
Daraufhin bestritt das Handelsministerium dem Kultusministerium
jegliche Kompetenz bei der Entscheidung um die zukünftige
Verfassung der neuen Berliner Technischen Hochschule. Die
vom Handelsministerium ausgearbeiteten universitätsartigen
Verfassungspläne mit Rektorat, Abteilungsgliederung und
kollegialischer Selbstverwaltung passierten ohne größere
Schwierigkeiten die Kommissionsberatungen und Plenarversammlungen
der beiden Häuser des preußischen Landtags.
Angesichts der Berliner Entwicklungen verlangten nun auch die
polytechnischen Schulen in Aachen und Hannover von sich aus die
verfassungsmäßige Gleichstellung mit der
neugegründeten Berliner Technischen Hochschule. Zwar hatte der
Handelsminister den Anstalten in Aachen und Hannover durch
Erlaß im Januar 1879 die prinzipielle Gleichstellung mit der
Berliner Hochschule zugesagt, trotzdem hielt die Mehrheit der
Aachener Hochschullehrer unter Führung Heinzerlings, Landolts
und Wüllners eine eigene Initiative zur Reform der Aachener
Hochschulverafssung für notwendig. Im Herbst desselben Jahres
verhandelten in Aachen der Ministerialdirektor Greiff, der damalige
Aachener Regierungspräsident von Hoffmann und die vom
Regierungspräsidenten hinzugezogenen Professoren Landolt,
Heinzerling, Laspeyres, Wüllner und Ritter über den
Entwurf einer neuen Verfassung für die Aachener Hochschule,
der die Umwandlung des ständigen Direktorats in ein
Wahlrektorat, die Errichtung selbständiger Abteilungskollegien
und einen, aus den Vertretern der einzelnen Abteilungen zu
bildenden Senat vorsah.
Zwischenzeitlich hatte eine Neuorganisation der
Ministerialkompetenzen durch den Reichskanzler Otto von Bismarck
den seit Jahrzehnten schwelenden Kompetenzkonflikt zwischen Kultus-
und Handelsministerium dadurch beendet, daß die neuen
preußischen Technischen Hochschulen endgültig in die
Ressortkompetenz des Kultusministeriums kamen. Mit der
Neuorganisation waren zugleich die bisherigen Ressortminister
Achenbach und Falk von ihren Ämtern zurückgetreten. Zum
neuen Kultusminster wurde 1879 Robert Viktor von Puttkamer
ernannt.
Entsprechend der neuen Aachener Hochschulverfassung wurde durch
königlichen Kabinettsbeschluß das ständige
Direktorat in Aachen (gegen den anhaltenden Widerstand von Kavens)
aufgehoben und durch die neue Rektoratsverfassung ersetzt. Zum
ersten Rektor der nun auch dem Namen nach Technischen Hochschule in
Aachen wurde auf Vorschlag der Abteilungskollegien Adolf von
Gizycki ernannt. Zwar sprach der zur königlichen
Kabinettsordre gehörende Immediatbericht des Kultusministerium
davon, der Wegfall des ständigen Direktorats [würde]
auch deshalb für die Zukunft der Anstalt voraussichtlich von
günstigem Einfluß sein, weil v. K.[aven] sich bei
verschiedenen Anlässen mit den Gefühlen der katholischen
Bevölkerung in Conflikt gesetzt und ... eine Entfremdung jener
Bevölkerung gegenüber der technischen Hochschule zum
Schaden der Frequenz derselben hervorgerufen hätte. Es
war jedoch weitaus weniger die von einem Kollegen als
aristophan [voll beißender Ironie] bezeichnete
Persönlichkeit des ersten Direktors der Aachener
polytechnischen Schule, seine polemischen Äußerungen und
seine nationalliberale Haltung während des Kulturkampfes, die
den katastrophalen Rückgang der Studentenzahlen in der zweiten
Hälfte der siebziger Jahre von 447 in 1875 auf 121 im Jahr
1882 ausgelöst hatte, sondern die bereits angedeutete
große wirtschaftliche Depression nach 1873 sowie die lange
Zeit ungeklärte Stellung der preußischen polytechnischen
Schulen. Das Haltung des Aachener Polytechnikumsdirektors und
seiner Anhänger während der Hochphase der
Kulturkampfauseinandersetzungen prägte allerdings für
lange Jahre das Verhältnis eines nicht unbedeutenden Teiles
der Aachener Bevölkerung zur neuen Hochschule.
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