Ferdinandt Redtenbacher (1809-1863)
(Bildquelle: Ferdinand Redtenbacher. Bericht über die Feier seines 100. Geburtstages an der Grossh. Technischen Hochschule Fridericiana zu Karlsruhe am 26. Juni 1909, Karlsruhe:Braun, 1909)

Trotz der vielfältigen Kontakte zwischen der Hochschule und der Stadt, zwischen Dozenten des neuen Polytechnikums und Persönlichkeiten der regionalen Wirtschaft blieb die wirtschaftlich-technische Bedeutung der neuen Anstalt faktisch zunächst nicht mehr als eine Hoffnung für die Zukunft. Statt unmittelbarer wirtschaftlicher Vorteile verursachte das Polytechnikum in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens zunächst Kosten und belastete auf Grund einer 1863 im Zusammenhang der Standortauseinandersetzung übernommenen Schulgeldgarantie den Haushalt der Stadt Aachen bis zum Jahre 1897 mit mehr als 200.000 Reichsmark. Angesichts der finanziellen Belastung und des gespannten Verhältnisses zwischen Hochschule und Teilen der Aachener Bürgerschaft während des Kulturkampfes, tat sich der Aachener "Verwaltungsbericht für den Haushalts-Etat der Stadt für das Jahr 1880/81" etwas schwer mit der Erklärung, worin denn die Vorteile lägen, welche die Stadt aus der Existenz des Polytechnikums zöge. Eine Tabelle mit den Einnahmen und Ausgaben der Hochschule in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens sollte zeigen, "wie sehr die Verwendung der Stadt für diese Schule aber, selbst, wenn solche Zuschüsse noch einige Jahre andauern sollten, gegen die Summen verschwindet, welche der Staat für diesselbe leistet, und wie daher auch vom finanziellen Gesichtspunkte aus die Existenz der Schule als der Bürgerschaft gewinnbringend zu betrachten ist."
1870 hatte der Direktor des neuen Aachener Polytechnikums August von Kaven seine Rede zur Eröffnung der Hochschule mit den Worten eingeleitet: Über die Bedeutung dieser Anstalten [gemeint sind die Polytechnika] für den Staat brauche ich kein Wort vor dieser Versammlung zu äußern. Die neuere Technik ist eine Macht im Staate. Die Techniker dürfen wohl für sich in Anspruch nehmen, zu der Entwicklung der hohen deutschen Civilisation, worunter wir Bildung, Wissen und Können verstehen, zu den raschen, wunderbaren Fortschritten in der Anwendung der Wissenschaft, welche das letzte Viertel des Jahrhunderts charakterisieren, einen erheblichen Theil beigetragen zu haben. Diese, bereits früh in Deutschland propagierte Auffassung, wonach Unternehmer vielfältig der Anwendung wissenschaftlicher Kenntnisse, die seinen Unternehmungen Gewißheit geben, und ein höheres Gelingen versichern, wie es schon 1822 im offiziellen Bericht der bayerischen Industrieausstellung heißt, war aber selbst in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts noch weitaus mehr Anspruch als Wirklichkeit. Der Topos von der Bedeutung der Wissenschaft für die Entwicklung von Technik und Industrie verbreitete sich im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts zu einem allseits propagierten und kaum bezweifelten Königsweg deutscher Industrialisierung. Lange bevor die technischen Wissenschaften tatsächlich in der Lage waren, den Anspruch ihrer Bedeutung für den technisch-industriellen Fortschritt in der Praxis einzulösen, zeigte dieser nachdrücklich vertretene Anspruch allerdings praktische politische und soziale Wirkung. Einerseits diente er der ideologischen Begründung für den Auf-, Ausbau und zuletzt auch der rechtlichen und soziologischen Emanzipation technischer Bildungsanstalten und ihrer Absolventen mit den Universitäten. Auf der anderen Seite legitimierte er zugleich aber auch den Anspruch der Ingenieure und industriellen Unternehmer nach einer Aufwertung ihres Sozialstatus als Träger des technisch-industriellen, und damit des wirtschaftlichen Fortschritts. Die frühe Geschichte der Technischen Hochschulen ist geprägt durch den Gegensatz ihrer behaupteten zu ihrer faktischen Bedeutung für die technisch-industrielle Entwicklung. Auch die Befürworter und Unterstützer des Aachener Polytechnikums betonten sowohl in der Gründungsphase als auch später immer wieder die wirtschaftlich-technisch-industrielle Bedeutung der Anstalt für die Region. Im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens war die Bedeutung der Aachener Hochschule für die regionale Wirtschaft jedoch noch weitgehend mehr Anspruch als Wirklichkeit. Stadt und Wirtschaft profitierten von den Aachener Ingenieurprofessoren einstweilen eher durch ihre nebenberuflichen Funktion als praktische Ingenieure denn als forschende Wissenschaftler. Sie profitierten gegebenenfalls von der technischen Sachkompetenz der Ingenieurprofessoren als Gutachter und Berater. Sie profitierten vielleicht von dem Informationsvorsprung der Ingenieurprofessoren, die als Juroren auf den gewerblich-technischen Ausstellungen fungierten und regelmäßig schriftlich über ihre Studienreisen und Exkursionen berichteten, mit denen ansonsten weitgehend von der industriellen Praxis abgekoppelte Ingenieurprofessoren naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt rezipierten. Die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik und Industrie waren eher diffus, ein Wissens- oder Technologietransfer im Sinne einer Science-based Technology wie sie Formulierungen aus der anfangs zitierten Kaven-Rede vermuten lassen, fand noch nicht statt.
Es stellt sich allerdings die Frage, ob solches vom damals neuen Aachener Polytechnikum überhaupt erwartet wurde. Wahrscheinlich nicht; denn das erste und eigentliche Ziel der Technischen Hochschule blieb die Ausbildung qualifizierter Ingenieure für die heimische Wirtschaftsregion, aus derem erweiterten Umkreis etwa die Hälfte der damaligen Studenten stammten. Der konstitutive Zusammenhang von Lehre und Forschung charakterisiert die Universität. Er charakterisiert heute auch die Technische Hochschule. In der frühen Geschichte der Technischen Hochschulen war dies jedoch keineswegs der Fall. Die Polytechnika bzw. später die Technischen Hochschulen waren zunächst reine Unterrichtsanstalten. Ihre genuine Aufgabe war die Ausbildung von qualifizierten Technikern. In dieser Aufgabe lag die mittelbare wirtschaftliche Bedeutung der neuen Technischen Hochschulen. Der Student sollte den wissenschaftlichen Umgang mit der Technik erlernen, um das Erlernte später in der industriellen Praxis zu benutzen. Doch was war überhaupt eine wissenschaftliche Technik, eine Ingenieurwissenschaft und wie sah eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Technik aus?
Als das Konzept einer Ingenieurausbildung, wie sie an der Pariser École Polytechnique entstand, im deutschsprachigen Raum aufgegriffen wurde, erfuhr es bereits durch Ludwig Prechtl, den Begründer des Wiener Polytechnikums, eine wesentliche methodische Umorientierung. An der Pariser École wurde die Technik im wesentlichen als eine Form angewandter Naturwissenschaft begriffen. Entsprechend hoch war die Theoriebildung. Die Lösung technischer Probleme war für einen Pariser Polytechniker vor allem eine Frage der Erkenntnis der in der technischen Anwendung vorkommenden naturwissenschaftlichen Grundprinzipien und ihre mathematische Durchdringung. Für Prechtl aber sollte in strenger Abgrenzung zu den traditionellen Universitäten eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Technik keine reine, nur um der Erkenntnis selbst willen betriebene Wissenschaft sein, noch sollte Technik rein empirisch betrieben werden. Prechtl definierte wissenschaftliche Beschäftigung mit der Technik wesentlich noch dadurch, was sie nicht sein sollte: Sie sollte weder bloß angewandte Naturwissenschaft, noch sollte sie zweckfrei sein. Für Prechtl hatte sich eine scientia rerum technicarum an praktischen und ökonomischen Zwecken zu orientieren.
Die Schaffung einer methodisch und inhaltlich
eigenständigen Technikwissenschaft zieht sich nahezu durch das
gesamte 19. Jahrhundert. In bewußter Abgrenzung zu den
traditionellen, universitären Methoden von Geistes- und
Naturwissenschaften konstituierte sich in dieser Zeit eine
Ingenieurwissenschaft mit eigenem Erkenntnisinteresse und eigenen
wissenschaftlichen Methoden.
Während die Naturwissenschaft nach naturgesetzlichen
Wirkungszusammenhängen innerhalb einer vom Menschen
vorgefundenen Natur sucht, richtet sich das Erkenntnisinteresse
eines Ingenieurs auf anwendungsorientierte Aussagen über eine
von Menschen geplante und geschaffene Realität. Zwar liefern
die Naturwissenschaften auch ein Verfügungswissen über
die Natur, aus denen praktisch-technische Nutzanwendungen
hervorgegangen sind und hervorgehen. Doch das erkenntnisleitende
Interesse eines Naturwissenschaftlers ist im Gegensatz zum
Ingenieur auf die Aufdeckung naturgesetzlicher Wahrheiten
gerichtet. Der Technik- bzw. Ingenieurwissenschaftler benötigt
und benutzt Kenntnisse naturgesetzlicher Zusammenhänge zwar
auch, aber sein Interesse und seine Wissensbeschaffung ist darauf
gerichtet, vorausschauende Aussagen über das Verhalten
technischer Systeme, Angaben über ihren Wirkungsgrad, ihre
Beherrschbarkeit und Zuverlässigkeit zu machen und technische
Mittel zur Erzielung gewünschter Wirkungen zu entwickeln. Der
Gegenstand seiner wissenschaftlichen Beschäftigung ist
artifiziell, seine Methoden werden bestimmt durch technische,
ökonomische und soziale Zusammenhänge.
Ferdinandt Redtenbacher (1809-1863)
(Bildquelle: Ferdinand Redtenbacher. Bericht über die Feier seines 100. Geburtstages an der Grossh. Technischen Hochschule Fridericiana zu Karlsruhe am 26. Juni 1909, Karlsruhe:Braun, 1909)
Die Konstituierung einer solchen autonomen Ingenieurwissenschaft
war in Deutschland eng verbunden mit der Entwicklung der
polytechnischen Schulen bzw. der Technischen Hochschulen. Im Jahre
1852 veröffentlichte Ferdinand Redtenbacher, ein
gebürtiger Österreicher, Absolvent des Wiener
Polytechnikums und seit 1841 Maschinenbau-Professor am Karlsruher
Polytechnikum, seine Principien der Mechanik und des
Maschinenbaus und begründete mit diesem seinem Hauptwerk
Methode und Anfang eines wissenschaftlichen Maschinenbaus in
Deutschland. Worin lag nun das qualitativ Neue eines von ihm
gelehrten und propagierten wissenschaftlichen Maschinenbaus?
Zielgerichtete technische Nutzanwendungen waren im Verlaufe fast
des gesamten 19. Jahrhunderts das Aufgabenfeld des praktischen
Erfinders oder handwerklichen Technikers, der vielfach ohne
theoretischen Hintergrund und vorwiegend mit Erfahrungswerten
operierend seine Maschinen und technische Verfahren entwickelte,
baute, testete und verbesserte. Die Dampfmaschine, wie lange Zeit
überhaupt die Wärmekraftmaschinen sind Beispiele für
ein solches empirisches Entwickeln neuer Technologien.
Ähnliches gilt für viele technische Verfahren, die
teilweise zufällig entdeckt wurden und erst sehr viel
später auch theoretisch-wissenschaftlich durchdrungen wurden.
Der Bessemer-Prozeß der Stahlerzeugung gilt hier als eines der
klassischen Beispiele. Die schnelle, und damit ökonomische
Herstellung von Flußstahl, indem man in einem Konverter
flüssiges Roheisen mit Luft durchblies, war von Henry Bessemer
(1813-1898), einem Berufserfinder, 1855 eher zufällig
erfolgreich durchgeführt worden. Die Verbreitung und
Übernahme dieses technischen Verfahrens zur Stahlherstellung
bereitete in Deutschland aufgrund einer ungünstigeren
Zusammensetzung des sehr schwefelhaltigen Roheisens dann anfangs
auch große technische Probleme, weil die chemischen
Abläufe bei der Eisenverhüttung noch für lange Zeit
kaum vollständig durchschaut wurden.
Zwar hatte es auch immer wieder technische Neuerungen,
Nutzanwendungen und Erfindungen gegeben, die mittelbar oder
unmittelbar naturwissenschaftlichen Erkenntnissen oder Entdeckungen
entsprangen. Aber vor allem im industriell weit entwickelten
England blieben technische Neuerungen wie etwa der Maschinenbau
weitgehend eine Domäne des praktischen Technikers, auch wenn
Ingenieure wie John Smeaton (1724-1792) oder James Watt (1736-1819)
bei der Entwicklung der Dampfmaschine mit Experimenten,
Modelluntersuchungen, Erstellung von Meßreihen etc. durchaus
systematisch ihre technischen Konstruktionen angingen und
physikalische Erkenntnisse bei ihrer Arbeit berücksichtigten.
Dagegen konzentrierte sich entsprechend der an einer
atomistisch-mechaninistischen Naturphilosophie orientierten
Auffassung, wonach Technik im wesentlichen angewandte Mathematik
und Physik sei, die frühe wissenschaftlich-technische
Literatur in Frankreich auf die physikalische und
mathematisch-theoretische Durchdringung von Problemen der Mechanik
und ihrer praktischen Nutzanwendung innerhalb einer technischen
Mechanik. Gerade im geistigen Umfeld der Pariser École
Polytechnique bildete die Mechanik die am stärksten
axiomatisierte und mathematisierte Disziplin innerhalb der Physik
mit unmittelbarer praktisch-technischer Bedeutung. Der Physiker
Charles Augustin Coulomb (1736-1806) etwa legte mit seiner
Gewölbe- und Balkenbiegetheorie mathematische Grundlagen der
Baustatik, beschäftigte sich aber auch mit dem Problem der
Reibung und erhielt 1781 den Preis der Pariser Akademie für
die beste Abhandlung über Widerstände in Maschinen. Sein
Landsmann Claude Louis Henri Marie Navier (1785-1836) erkannte,
daß jeder Körper aus Molekülen besteht, zwischen
denen anziehende oder abstoßende Kräfte wirken und
daß die innere Struktur eines Werkstoffes seine jeweiligen
Eigenschaften bestimmen. Aus diesen Annahmen heraus formulierte er
1821 die allgemeinen Gleichungen der Elastizitätstheorie. Sein
Hauptwerk Résume des Leçons données à
l'École des Ponts et Chaussées sur l'Application de la
Mécanique à l'Établissement des Constructions et des
Machines von 1826 (dtsch.: Mechanik der Baukunst oder
Anwendung der Mechanik auf das Gleichgewicht von
Bau-Constructionen, übers. v. G. Westphal, Hannover 1851)
wurde zu einem Grundlagenwerk der Baustatik und der
Festigkeitslehre. Hatten Coulomb und Navier vor allem statische
Kräfte und Tragverhalten berechnet, so beschäftigten sich
die Mathematiker Gaspard Gustave de Coriolis (1792-1843) und der
Polytechniker Jean Victor Poncelet (1788-1867) mit den
dynamischen Kräften der technischen Mechanik. Poncelet,
Begründer der projektiven Geometrie, und Coriolis, der die
besondere Trägheitskraft in rotierenden Bezugssystemen, die
nach ihm benannte Coriolis-Kraft, mathematisch erfaßte,
untersuchten Kraftverhältnisse, wie sie etwa als
Trägheitskräfte bei rotierenden oder hin- und hergehenden
Maschinenteilen auch in der Maschinenbaupraxis vorkommen. Es ging
Poncelet mit seinem 1826 veröffentlichen Cours de
Mécanique, appliquée aux machines und Coriolis mit
seinem Lehrbuch der Mechanik von 1829 ganz wesentlich auch um die
Berechnung der an Maschinen auftretenden
Kräfteverhältnisse und, modern gesprochen, um die
mathematische Erfassung einer mechanischen Energiebilanz, um daraus
unterschiedlich bedingte Energieverluste an Maschinen, wie etwa
Reibungsverluste, Verluste durch Erzeugung überschüssiger
Bewegungen oder unelastische Stöße zu berechnen, und
daraus letztlich Bedingungen für den Wirkungsgrad
abzuleiten.
Wie die von ihm benutzte Literatur zeigt, war Redtenbacher ganz
wesentlich von dieser theoretischen Mechanik aus Frankreich
beeinflußt. Doch das Neue an dem von Redtenbacher propagierten
und gelehrten Maschinenbau blieb nicht nur seine wissenschaftliche
Methode, die er nun auf den praktischen Maschinenbau anwandte und
im Vorwort seines Buches über die Gesetze des
Lokomotivbaues 1855 anschaulich so beschrieb: Ich habe
schon seit Jahren über die Lokomotive theoretische Studien
gemacht .... Ich habe mich dabei so benommen, wie wenn praktische
Erfahrungen über den Lokomotivbau gar noch nicht gemacht
worden wären, habe mich ganz und gar den Grundsätzen der
Mechanik überlassen und wollte einmal sehen, was dabei
herauskommen würde. Der entscheidende Schritt
Redtenbachers zu einem eigenständigen
technisch-wissenschaftlichen Maschinenbau lag in der Verbindung von
Theorie und Praxis. Redtenbacher wußte zwar, dass die
Mathematik kein Luxus ist, und dass man mit derselben in dem
Maschinenbau etwas leisten kann, aber die physikalischen
Prinzipien der Mechanik und die Mathematik waren als
Hilfswissenschaften den in Redtenbachers Augen originären
Tätigkeiten des Ingenieurs unterworfen: Planen, Entwerfen,
Konstruieren und das zielgerichtete Schaffen von technisch Neuem
zum Zwecke einer wirtschaftlichen Anwendung. Diesem praktischen
Ziel des Ingenieurs hatten sich seine theoretischen Methoden
unterzuordnen:
Mit den Prinzipien der Mechanik erfindet man keine Maschine,
denn dazu gehört, neben dem Erfindungstalent, eine genaue
Kenntnis des mechanisches Prozesses, welchem die Maschine dienen
soll. Mit den Prinzipien der Mechanik bringt man keinen Entwurf
einer Maschine zu Stande, denn dazu gehört
Zusammensetzungssinn, Anordnungssinn und Formensinn. Mit den
Prinzipien der Mechanik kann man keine Maschine wirklich
ausführen, denn dazu gehören praktische Kenntnisse der zu
verarbeitenden Materialien und eine Gewandtheit in der Handhabung
der Werkzeuge und Behandlung der Hülfsmaschinen. Mit den
Prinzipien der Mechanik betreibt man kein industrielles
Geschäft, denn dazu gehört eine charakterkräftige
Persönlichkeit und gehören commerzielle
Geschäftskenntnisse. Man sieht, die Prinzipien der Mechanik
sind für die mannigfaltigen technischen Thätigkeiten
überall nicht zureichend, aber gleichwohl leisten sie, bei
vollständigem Gebrauch, vortreffliche Dienste, denn sie geben
doch überall an, was geschehen soll, bestimmen oftmals die
wichtigsten Abmessungen und führen zu einem richtigen Urtheil;
aber das Erfinden, das Zusammensetzen, Anordnen, Formgeben und das
praktische Arbeiten mit der Feile und mit dem Drehstahl ist nicht
ihre Sache, schrieb Redtenbacher 1848 in die Vorrede seiner
Resultate für den Maschinenbau und kennzeichnete
damit Priorität und Verhältnis von theoretischer und
praktischer Ingenieurtätigkeit.
Eine wesentliche Rolle innerhalb des ingenieurmäßigen
Konstruktionsprozesses spielte für Redtenbacher die technische
Zeichnung auf der Grundlage der darstellenden Geometrie
(Géométrie descriptive), wie sie von Gaspard
Monge, dem Mitbegründer der Pariser École
Polytechnique, entwickelt und 1799 veröffentlicht worden
war. Aufgabe der technischen Zeichnung war es, dreidimensionale
Gegenstände so auf eine zweidimensionale Zeichenebene
abzubilden, daß die eindeutige Zuordnung zwischen Gegenstand
und Zeichnung möglich war. Die Zeichnung eines Gegenstandes
sollte dabei so viele, zueinander senkrecht stehende Ansichten
bieten, wie zu einem eindeutigen Erkennen und Bemaßen des
dargestellten Gegenstandes notwendig war. Die technische Zeichnung
diente, wie Redtenbacher in seinen Principien bemerkte,
nicht allein dazu, das in ihr Dargestellte mit dem
Construktionsmaterial identisch nachzubilden, sondern sie war
zugleich das idealisierte Abbild einer konstruktiven Idee: Das
Zeichnen ist für den Mechaniker ein Mittel, wodurch derselbe
seine Gedanken und Vorstellungen mit einer Klarheit, Schärfe
und Übersichtlichkeit darzustellen vermag, die nichts zu
wünschen übrig lässt. Eine gezeichnete Maschine ist
gleichsam eine ideale Verwirklichung derselben, aber mit einem
Material, das wenig kostet und sich leichter behandeln lässt,
als Eisen und Stahl. Darüber hinaus erlaubte die
technische Zeichnung mit ihrer eindeutigen Beziehung zwischen
gezeichnetem Abbild und realem Gegenstand eine industrielle, d.h.
arbeitsteilige, an wirtschaftlichen Kriterien orientierte
Produktion der abgebildeten Maschine, denn: Jeder
Maschinenbestandtheil kann im Allgemeinen unabhängig von allen
anderen ausgeführt werden, und dadurch ist es möglich,
die Gesammtheit der Arbeiten unter eine große Anzahl von
Arbeitern zu vertheilen, und das ganze Geschäft der
Ausführung in der Weise zu organisiren, dass alle Arbeiten zur
rechten Zeit, am geeigneten Orte, mit dem geringsten Aufwand von
Zeit und Kosten und Material und endlich mit einer Genauigkeit und
Zuverlässigkeit ausgeführt werden können, die kaum
etwas zu wünschen übrig lassen.
Über den engeren Bereich des Technischen hinaus hatte Redtenbacher jedoch auch immer wieder auf die Bedeutung einer allgemeinen geisteswissenschaftlichen Bildung der angehenden Ingenieure hingewiesen: Meine Bestrebungen als Lehrer richten sich nicht allein auf die wissenschaftliche Theorie der Maschine, hatte Redtenbacher bereits 1840/41 seinem Tagebuch anvertraut, mir liegt die Kultur des industriellen Publikums am Herzen. [...] Wenn die Gebildeten den gegenwärtigen Zustand der Industriellen roh nennen, so haben sie recht; wenn aber jene glauben, es vertrage sich eine rechte Bildung gar nicht mit der industriellen Tätigkeit, dann haben sie unrecht; leider ist es die vorherrschende Ansicht, welche in höchstem Grade nachteilig und hemmend auf die industrielle Entwicklung Deutschlands gewirkt hat. Einem Stand, der nicht geachtet ist, werden sich nicht leicht Menschen mit Talenten und edlerer Gesinnung zuwenden.

Franz Reuleaux (1829-1905)
Einer von Redtenbachers bedeutendsten Schüler war der aus
Eschweiler stammende, spätere Direktor der Berliner
Gewerbeakademie und nachmalige Rektor der Technischen Hochschule in
Berlin-Charlottenburg Franz Reuleaux. Reuleaux hatte nach seiner
praktischen Ausbildung und Tätigkeit in einer Koblenzer und
anschließend in der ehemaligen Maschinenfabrik seines Vaters
in Eschweiler 1850-52 bei Redtenbacher in Karlsruhe Maschinenbau
studiert. Wie viele Ingenieurwissenschaftler dieser ersten
Generation gingen auch bei Reuleaux die wissenschaftlichen
Bildungsinteressen über die engeren maschinenbaulichen
Fachgrenzen hinaus. Hatte er schon in Karlsruhe - ganz im Sinne
seines Lehrers Redtenbacher - sich neben dem Maschinenbau auch mit
anderen technischen, aber auch historisch-sprachlichen Studien
befaßt, so ging er 1852 zunächst an die Universität
Berlin und später nach Bonn, um dort vor allem seine
naturwissenschaftlichen und philosophischen Kenntnisse zu
vervollkommnen. Dieses breite, auch über den engeren Bereich
des Technischen hinausgehende Interesse fand seinen Niederschlag in
einem umfangreichen literarischen Oevre, das neben den
überwiegenden technischen Themen auch die deutsche
Nachdichtung des amerikanischen Indianerepos Hiawatha von
Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882), Reisebeschreibungen und
zahlreiche Aufsätze zur Technik- und Kulturgeschichte
enthält.
Mit knapp 27 Jahren wurde Reuleaux nicht zuletzt auf Empfehlung
Julius Weisbachs (1806-1871) von der Freiberger Bergakademie, der
mit seinem Handbuch der Bergmaschinenmechanik (1835-36)
und dem Lehrbuch der Ingenieur- und Maschinenmechanik
(1845-1860) noch eine praxisorientierte Verständlichkeit
gegenüber einer theoretisch-mathematischen Durchdringung
seines Faches betonte, neben Gustav Zeuner auf die zweite Professur
an der mechanisch-technischen Abteilung der ETH Zürich
berufen. Unter Redtenbacher hatte der Maschinenbau noch
Maschinenkunde geheißen, in der im wesentlichen eine
Systematik der Maschinen gelehrt, Prinzipien für ihren Bau
daraus hergeleitet und durch Konstruktionsübungen ergänzt
wurde. Die inhaltliche Scheidung in eine Maschinenkunde
einschließlich ihrer Hilfswissenschaften und einen Lehrstuhl
für Maschinenkonstruktionslehre einschließlich ihrer
Elemente, auf den nun Reuleaux berufen wurde, dürfte auf
Zeuner zurückgehen.
In Reuleaux's Züricher Zeit entstand Der Konstrukteur. Ein
Handbuch zum Gebrauch beim Maschinenentwerfen (1861), in dem
er die Redtenbachersche Methode der Verhältniszahlen bei der
Konstruktion von Maschinenelementen durch deren Berechnung nach den
Regeln der Festigkeitslehre ersetzte. Zwar stellte auch dieses
Verfahren nur eine grobe Annäherung an die wirklichen
Spannungsverhältnisse dar, beschrieb sie allerdings wesentlich
wirklichkeitsnäher und damit zuverlässiger als die alte
Redtenbachersche Methode.
In dieser Zeit arbeitete Reuleaux auch die Grundgesetze seiner
Theoretischen Kinematik aus, über die er erstmals
1864 vor der Züricher Naturforschenden Gesellschaft
vortrug. Die Kinematik oder Bewegungslehre, im 19. Jahrhundert
häufig auch als Phoronomie bezeichnet, untersucht als
Teilgebiet der Mechanik die Bewegung von Körpern, also ihre
Bahn, Geschwindigkeit und Beschleunigung, ohne
Berücksichtigung der die Bewegung verursachenden Kräfte.
1875 erschien Reuleaux' erster Band seiner vielbeachteten und
zugleich umstrittenen Theoretischen Kinematik, die er als
umfassende Theorie des Maschinenwesens verstanden wissen wollte,
und die zugleich den Grundstock einer modernen Getriebelehre legte.
In seiner Kinematik analysierte er jegliche Maschine als eine
Verbindung widerstandsfähiger Körper, welche so
eingerichtet ist, daß mittels ihrer mechanische
Naturkräfte genötigt werden können, unter bestimmten
Bewegungen zu wirken. Aufgabe der Kinematik ist die Analyse
und Synthese von Bewegungsmechanismen, die mechanisch geführte
Zwangsbewegungen in der Ebene oder im Raum vollziehen, weswegen
Reuleaux auch den Begriff Kinematik in
Zwanglauflehre eindeutschte. Reuleaux betrachtete
Maschinen als Zusammensetzung von insgesamt drei grundlegenden
Elementenpaaren (Zylinderpaar, Prismenpaar, Schraubenpaar), die als
Paare aufeinander wirkender Maschinenelemente in Verbindung
zueinander gesetzt eine kinematische Kette (Mechanismus,
Getriebe) bilden. Für die einzelnen kinematischen Elemente,
die Art ihrer Zusammenstellung und ihrer Verbindung hatte Reuleaux
eine eigene Zeichensprache bzw. Symbole entwickelt, die eine
schnelle und eindeutige Identifikation und Analyse der Anordnung
und Wirkungsweise verschiedener Getriebe ermöglichen sollte.
Ziel dieser theoretischen Kinematik sollte nicht allein die Analyse
bestehender Maschinen, sondern auch die Synthese neuer
Maschinenkonstruktionen auf der Grundlage theoretischer
kinematischer Überlegungen sein, eine
Maschinenwissenschaft der Deduktion. Gerade dieser nahezu
philosophisch zu nennende Ansatz einer Maschinentheorie, seine
theoretisierende Frage nach dem Wesen der Maschine fand
später wenig Verständnis bei den produzierenden bzw. den
an einer industriellen Praxis orientierten Maschinenbauern.
Besonders in dem von der Aachener Hochschule kommenden Aloys
Riedler erwuchs Reuleaux ab 1888 an der Berliner Technischen
Hochschule ein selbstbewußter und einflußreicher Kritiker
unter den Maschinenbauern.
In deren Praxis spielten maschinendynamische Probleme oft eine
praktisch sehr viel wichtigere, weil für die
Betriebssicherheit relevante Rolle. Die Maschinendynamik behandelt
im Gegensatz zur Kinematik die durch Kräfte hervorgerufenen
Änderung von Bewegungszuständen und die damit
einhergehenden Massenwirkungen. Gerade im Bereich des
Dampfmaschinenbaus wurde in den 1860iger Jahren mit der Entwicklung
der sogenannten schnellaufenden Dampfmaschinen die Lösung
solcher maschinendynamischer Probleme akut. Selbst Redtenbacher
hatte 1848 in seinen Resultaten für den Maschinenbau
dem praktischen Anwender seiner statisch begründeten
Konstruktionsregeln geraten, beim Auftreten von Massenkräften
Zapfen und Wellen einfach um einen erfahrungsmäßig
gewonnenen Koeffizienten zu verstärken und alle anderen
Dimensionen der Maschine im entsprechenden Verhältnis zu
bestimmen. Auf der Pariser Weltausstellung 1867 erregten die
amerikanischen Porter-Allen-Dampfmaschinen Aufsehen, die mit ihren
200 (bis kurzfristig 500) Umdrehungen pro Minute etwa viermal so
schnell wie die herkömmlichen europäischen Dampfmaschinen
liefen. Angeregt durch diese amerikanische Dampfmaschinen, die er
als österreichischer Berichterstatter in Paris kennengelernt
hatte, beschäftigte sich Johann Friedrich Radinger (1842-1901)
vom Polytechnischen Institut in Wien 1870 mit den
maschinendynamischen Problemen in seinem von Fachkollegen als
epochemachend empfundenen Buch Ueber Dampfmaschinen mit hoher
Kolbengeschwindigkeit. Der an der Aachener Hochschule Mechanik
lehrende Arnold Sommerfeld attestierte Radinger in einem Vortrag
1903 das dynamische Gewissen des Technikers geweckt zu haben.
Er entdeckte im Maschinenbau den Newtonschen Grundsatz von Neuem,
wonach Masse mal Beschleunigung gleich Kraft ist.
Ausgehend von der Überlegung, daß es aber nicht der
Dampf oder die Steuerung ist, welcher die Einführung
größerer Kolbengeschwindigkeiten unmöglich macht, so
können es nur die Massen der Maschine sein, welche bei
höheren Geschwindigkeiten durch Vibrationen und
Stöße so oft Anlaß zu ernsten Befürchtungen
geben mögen, dass man ihnen zur Rücksicht mit der
Geschwindigkeit niedrig bleibt, und den Kolben selbst vor dem hohen
Druck nur langsam führt, suchte Radinger vorwiegend auf
der Basis graphischer Methoden die Kolbengeschwindigkeit und damit
die Leistungsfähigkeit der Dampfmaschinen zu erhöhen.
Allgemeineres für den Bereich der Wärmekraftmaschinen,
zu denen auch die Dampfmaschinen gehören, leistete Gustav
Anton Zeuner (1828-1907) mit der Begründung einer Technischen
Thermodynamik.
Der französische Armeeingenieur Sadi Carnot (1796-1832), Sohn
des schon erwähnten Mathematikers und École
Polytechnique-Mitbegründers Lazare Carnot, hatte in
seinen 1824 erschienenen Betrachtungen über die bewegende
Kraft des Feuers und die zur Entwicklung dieser Kraft geeigneten
Maschinen (Reflexions sur la puissance motrice du feu et sur les
machines propres a développer cette puissance) einen
theoretischen Weg zur Berechnung des Wirkungsgrades einer
Wärmekraftmaschine gefunden und vermittels des nach ihm
benannten idealen Kreisprozesses nachgewiesen, daß selbst in
der von ihm angenommenen idealen Wärmekraftmaschine niemals
die gesamte zugeführte Wärmemenge in mechanische Arbeit
umgewandelt werden kann (der thermodynamische Wirkungsgrad
?=1-T2/T1). Nachdem der Arzt Julius Robert
Mayer (1814-1842) 1842 als erster den Satz von der Erhaltung und
Umwandlung der Energie (Mayer sprach noch von Kraft), also der
Äquivalenz von Wärme und mechanischer Arbeit, formuliert
hatte, faßte 1850 der damals noch unbekannte Lehrer an der
Königlichen Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin Rudolf
Clausius (1822-1888), später zusammen mit Zeuner Lehrer am
Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, zum ersten und
zweiten Hauptsatz der Wärmelehre zusammen. Clausius stellte
Über die bewegende Kraft der Wärme fest,
daß in allen Fällen, wo durch Wärme Arbeit entstehe,
eine der erzeugten Arbeit proportionale Wärmemenge verbraucht
werde. Diesem ersten fügte er einen zweiten Hauptsatz
über die Richtung der Wärmeprozesse an, den er
zunächst so formulierte, daß Wärme nicht von selbst
von einem kälteren zu einem wärmeren Körper
übergehe, und für den Clausius 1865 bei seinen Versuchen
einer mathematischen Fixierung die physikalische Größe
der Entropie einführte.
Auf der Grundlage der damals aktuellen physikalischen Erkenntnisse
und Entdeckungen, aber auch durch eigene Untersuchungen versuchte
Zeuner, durch seine 1859 erschienen Grundzüge der
mechanischen Wärmetheorie wärmetechnische
Phänomene dem praktischen Ingenieur zu erschließen, indem
er ihm Tabellen und Diagramme an die Hand gab, mit deren Hilfe die
Berechnung und Beurteilung thermodynamischer Größen bei
der Konstruktion von Maschinen möglich wurden.
Die enorme Bedeutung für die technisch-wirtschaftliche Praxis
der von Zeuner grundgelegten technischen Thermodynamik zeigen die
Beispiele des Zeuner-Schülers Carl Linde (1842-1934) und des
Linde-Schülers Rudolf Diesel (1858-1913). Schon 1856 hatte
Redtenbacher prognostiziert: Ich halte es von nun an für
lohnender, sich über die Wärme den Kopf zu zerbrechen und
unseren jetzigen Dampfmaschinen den Garaus zu machen und das wird
hoffentlich in nicht gar zu ferner Zeit geschehen, indem das Wesen
und die Wirkungen der Wärme allmählich zur Klarheit
kommen. (nach König/Weber, S. 58) Bereits um 1875 hatte
Carl Linde an der Münchener Technischen Hochschule sein
Maschinenbaulaboratorium eingerichtet, in welchem er jene
thermodynamischen Untersuchungen durchführte, die für
seine nach ihm benannte industrielle Kältetechnik so bedeutsam
werden sollten. Rudolf Diesel (1858-1913), der am Münchener
Polytechnikum studierte, hat nach eigenen Angaben 1878 in Lindes
(1842-1934) thermodynamischer Vorlesung den maßgeblichen
theoretischen Anstoß zur Entwicklung des nach ihm benannten
Motors erhalten. Linde und Diesel stehen als frühe Beispiele
der Umsetzung ingenieurwissenschaftlicher Forschung in die
industrielle Praxis. Sie sind aber selbst gegen Ende des 19.
Jahrhunderts noch keineswegs typisch für die wirtschaftliche
Bedeutung Technischer Hochschulen. Die technischen wie mentalen
Probleme bei der Entwicklung und Umsetzung
ingenieurwissenschaftlicher Forschung in die industrielle Praxis
zeigt besonders das Beispiel des Dieselmotors.
Diesel hatte 1892 das theoretische Konzept seines Motors zum Patent
angemeldet und sich mit dem ausgearbeiteten Konzept um
Unterstützung an die Industrie gewandt. Typisch für die
Auffassung der Industrie war die Reaktion des Generaldirektors der
Gasgesellschaft (Motorenbau) in Dessau, der Diesel erklärte,
auf keinem Gebiet spiele die Praxis der Theorie so viele
Streiche wie auf dem der Wärmemotoren, und der reine
Theoretiker sei ihm deshalb auf diesem Gebiet achtenswert, aber im
übrigen ohne Bedeutung. Erst durch die Praxis bestätigte
Theorie habe Wert für ihn. Diesel rechnete aufgrund
seiner thermodynamischen Überlegungen und Berechnungen bei
seinem Motor mit einem Wirkungsgrad von ca. 70%. Die erste
funktionstüchtige Version des Motors - bei der Maschinenfabrik
in Augsburg (M.A.N.) schließlich gebaut - hatte 1897 einen
Wirkungsgrad von nur 25-27%. Mit einem solchen
Wirkungsgrad übertraf die Maschine bei weitem alle anderen
Wärmekraftmaschinen ihrer Zeit. Allerdings war der
funktionierende Motor, auch wenn sein Konstrukteur dies über
lange Jahre nicht wahrhaben wollte, letztendlich mehr die Frucht
praktischer Experimente, bei der Diesel viele seiner theoretischen
Prinzipien zugunsten einer praktisch-technischen Realisierbarkeit
aufgegeben hatte.
Was Redtenbacher allgemein für den Maschinenbau, Zeuner
für die Technische Thermodynamik, das war der ebenfalls an der
Züricher ETH lehrende Eisenbahningenieur Carl Cullmann
(1821-1893) für die Entwicklung einer
ingenieurwissenschaftlichen Baustatik. Bis zur Mitte des letzten
Jahrhunderts wurden die aufgrund der Entwicklung der Eisenbahn
notwendigen Brücken noch nach empirischen Regeln gebaut.
Gerade das Problem der mit dem neuen Baustoff Eisen vielfach als
Fachwerk konstruierten Eisenbahnbrücken ließ sich nicht
nach der Coulombschen Methode lösen, die
Belastungsverhältnisse der jeweils einzelnen Träger zu
berechnen, um daraus auf die statischen Gesamtanforderungen zu
schließen. Cullmanns wissenschaftliche Leistung lag in der
technischen Abstraktion, statt von der Elastizität des
einzelnen Balkens auszugehen, das gesamte Tragwerk als ein in den
Knoten gelenkig gelagertes Stab- bzw. Seilpolygon zu betrachten,
für das er in seiner Theorie einer graphischen Statik von 1866
graphische Methoden auf der Grundlage der projektiven Geometrie
Poncelets anbot, mit denen sich die Auswirkungen einer
äußeren Belastung auf die einzelnen Stäbe bestimmen
ließen und die teilweise - etwa in der Grund- und
Bodenmechanik - bis heute in der Bauingenieurpraxis benutzt
werden.
Um den immer bedeutsameren Eisenbahnbrückenbau machten sich um
die Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem Friedrich August von Pauli
(1802-1883), Heinrich Gerber (1832-1912) und Johann Wilhelm
Schwedler (1823-1894) verdient. Von Pauli, zugleich ein bedeutender
Förderer des bayerischen technischen Schulwesens, baute 1857
die Eisenbahnbrücke über die Isar bei Großhessellohe
(München), deren konstruktive Besonderheit in den nach Pauli
benannten linsenförmigen Fachwerkträgern mit
gekrümmten Gurtungen - deswegen auch Fischbauchträger
genannt - lag, und bei denen der Obergurt die Druckbelastung und
der Untergurt die Zugspannungen aufnahm. Wesentlich beteiligt an
der Konstruktion und statischen Berechnung dieser Brücke war
bereits Heinrich Gerber, der als Erster erkannte, daß bei der
Brückenkonstruktion die bewegten Lasten wegen ihrer
Stoßwirkung weit höher für die Stärkebemessung
der Konstruktionsteile zu bewerten sind als die ruhenden
Eigenlasten. Der von ihm entwickelte und nach ihm benannte
Gerberträger, ein Fachwerkträger mit freischwebenden
Stützpunkten, der feste Brücken mit überraschend
großen Spannweiten ermöglichte, erlaubte zudem eine
Montage der Brücke, bei der man auf eine vollständige
Einrüstung der Brückenöffnungen verzichten konnte.
Berühmtestes Beispiel einer mit dem Gerberträger
realsierten Brücke ist die zwischen 1882 und 1890 erbaute
Eisenbahnbrücke über den Firth of Forth in der Nähe
des schottischen Queensferry mit einer Spannweite von 521 Metern.
Etwa zur selben Zeit wie die Großhesselloher Brücke
entstand in Köln eine Rheinbrücke nach Entwürfen
Johann Wilhem Schwedlers. Schwedlers Verdienst bestand darin,
daß er dem bis dahin weitgehend auf handwerkliche Erfahrung
beruhenden Eisenbrückenbau in zahlreichen
Veröffentlichungen die wissenschaftlich-theoretischen
Grundlagen schuf. (Theorie der Brückenbalkensysteme,
1851 "... die Theorie gibt nur im Allgemeinen ein Schema, nach
welchem die Stabilität des Bauwerks durchdacht werden soll,
dem einzelnen Baumeister bleibt es danach überlassen, in jedem
besonderen Falle dieses Schema mit seinen Gedanken
auszufüllen."; Über die Theorie der
Stützlinie, ein Beitrag zur Form und Stärke
gewölbter Bogen, 1859; Statische Berechnung der
festen Hängebrücken, 1861; Bestimmung des
Eigengewichts eiserner Brücken und die Bewährung
parabolischer Balkensysteme, 1861; Berechnung des
Einflusses der bewegten Lasten auf die Einbiegung der
Eisenbahnbrücken, 1862 etc.)
Älter vom Namen wie von der Sache als die bisher beschriebenen technisch-wissenschaftlichen Teildisziplinen, die im wesentlichen auf physikalische Basisdiziplinen zurückgehen, ist die Technologie, die als eigenständiges Fach bzw. als Hilfswissenschaft der Kameralistik im Rahmen der staatswissenschaftlichen Ausbildung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts an deutschen Universitäten gelehrt wurde. Mit dem Übergang der Technologie an die polytechnischen Schulen im 19. Jahrhundert fand zugleich eine Trennung der technologischen Disziplin in eine Mechanische und eine Chemische Technologie statt. Die Mechanische bzw. die Chemische Technologie beschäftigen sich anwendungsorientiert beschreibend und systematisierend mit Produktionsverfahren bzw. -abläufen der Stoffumwandlung (Chemische Technologie) bzw. der Stoffumformung (Mechanische Technologie). Vollzogen wurde diese Trennung erstmals am Wiener polytechnischen Institut. Aus der sogenannten Wiener technologischen Schule, deren Ruf im wesentlichen durch Ludwig Prechtl und Georg Altmütter (1787-1858) begründet wurde, ging der erste Direktor der polytechnischen Schule in Hannover Karl Karmarsch hervor, dessen Forschungen und Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Mechanischen Technologie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die ingenieurwissenschaftliche Ausbildung des Faches bestimmten. Seine kritische-vergleichende Methode der Mechanischen Technologie führte zu einer Einteilung in Hauptverfahrensgruppen der Formgebung und der Metallbearbeitung, die teilweise bis heute in der Verfahrenstechnik benutzt werden, auch wenn die großindustrielle Ausweitung der Produktionsprozesse gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine methodische Ergänzung in Richtung experimenteller und quantifizierender Untersuchungen durch den Dresdener Technologen Ernst Hartig (1836-1900) und seinen Prager Kollegen Friedrich Kick (1840-1915) notwendig machten.

Wilhelm Stahl (1846-1894)
lehrte zwischen 1872 und 1892 Darstellende Geometrie und
Graphostatik an der Aachener Hochschule
(Bildquelle: Archiv RWTH Aachen)
Die Zusammensetzung des ersten Aachener Lehrerkollegiums, die ganz überwiegend entweder an der Berliner Gewerbeakademie, an der ETH Zürich oder an den Polytechnika in Karlsruhe oder Hannover ihre Ausbildung erhalten hatten, stellte sicher, daß die neuesten ingenieurwissenschaftlichen Methoden an der neugegründeten Aachener Anstalt rezipiert waren und gelehrt wurden. Ein Blick in die frühen, ausführlichen Vorlesungsankündigungen, die wenigen erhaltenen Vorlesungsmitschriften bestätigt diese Annahme ebenso wie die teilweise bis heute in der Hochschulbibliothek vorhandene technische Literatur aus der Anfangszeit der Hochschule.

Theodor Reye (1838-1919)
lehrte in den Anfangsjahren der Aachener Hochschule Darstellende
Geometrie und Geometrie der Lage
(Bildquelle: Archiv RWTH Aachen)
Zwischen 1870 und 1872 lehrte Theodor Reye Darstellende Geometrie und Geometrie der Lage in Aachen. Nach Reyes bedeutendem, zweibändigen Lehrbuch der Geometrie der Lage (1866-68), das bis 1923 insgesamt sechs Auflagen erlebte, lehrte auch Reyes Nachfolger Wilhelm Stahl (1846-1894), während er in der Graphostatik die baustatischen Lösungen Cullmanns oder Paulis lehrte, auf die auch August Ritter in seiner Vorlesung über Ingenieur-Mechanik (Statik der Bauconstructionen) einging, während er in seiner Analytischen Mechanik und Hydraulik im wesentlichen die wissenschaftliche Entwicklung der physikalischen Mechanik seit Anfang des Jahrhunderts referierte. Adolf von Gizycki, der von der Berliner Gewerbeakademie nach Aachen gekommen war, lehrte die Kinematik bereits nach dem System Reuleaux, bevor dessen Theoretische Kinematik überhaupt im Druck erschienen war. Und im Rahmen seiner theoretischen Maschinenlehre behandelte er auch die von Zeuner zur technischen Thermodynamik erweiterte mechanische Wärmetheorie.