1870-1880

Vortrag und Zeichnen

Theorie und Praxis in der Ingenieurausbildung

Die Konstituierung einer selbständigen Ingenieurwissenschaft mit eigenen Methoden und einem spezifischen erkenntnisleitenden Interesse ist durch zwei Aspekte gekennzeichnet: durch eine rezeptive, physikalisch-mathematische Durchdringung einer noch vorwiegend empirisch entwickelten Technik einerseits und einer vorwiegend systematisch beschreibenden Ausbildung mit hohem Theorieanspruch andererseits. Das Dilemma der frühen Technischen Hochschulen mit ihrer Ingenieursausbildung, so wie sie auch in den ersten Jahrzehnten an der Aachener Hochschule stattfand, bestand allerdings darin, daß man, mit Ausnahme der Ingenieure für den Staatsdienst, einen an den praktisch-technischen Bedürfnissen der Industrie orientierten Ingenieur ausbilden wollte, daß es jedoch weder einen konkreten wirtschaftlichen Bedarf an Ingenieuren, noch ein halbwegs spezifiziertes Berufsbild eines wissenschaftlich gebildeten Technikers gab. Entsprechend theoretisch und zunächst wenig praxisorientiert vollzog sich die Ausbildung.

Die einzigen didaktischen Mittel zur Ausbildung der angehenden Ingenieure bildeten der Demonstrationsvortrag, das Technische Zeichnen und die Veranschaulichung durch Plan- und Modellsammlungen sowie Exkursionen. Dazu kamen für Studenten aus dem Bereich des Hüttenwesen, der chemischen Technologie und der reinen Chemie in geringem Umfange Laborpraktika mit Übungen in qualitativer und quantitativer Analyse von Stoffen. Im Bereich des Bauingenieurwesen und später des Bergbaus beschränkten sich praktische Übungen im wesentlichen auf Vermessungsübungen. Das Verhältnis zwischen Vorlesungen, Zeichenstunden und praktischen Übungen betrug am Aachener Polytechnikum um 1875 etwa 8 zu 5 zu 1 und charakterisiert damit deutlich, wie sehr die überwiegend theoretische Vermittlung des Unterrichtsstoffs im Mittelpunkt der Ausbildung stand.

Die Art dieser theoretischen Ausbildung der Ingenieurstudenten entsprang allerdings auch einem Legitimationsdruck, unter den sich die neuen Ingenieurprofessoren durch den alleinigen Wissenschaftsanspruch der Universitäten gesetzt sahen. Der Vorwurf mancher idealistisch-neuhumanistischer Universitätsgelehrter, daß die Technischen Hochschulen Zwangsstätten materialistischer Anschauungen seinen, die durch ihre einseitige Betonung des Nützlichkeitsprinzips idealen wissenschaftlichen Auffassungen keinen Platz böten und ihnen zudem die Universalität des wissenschaftlichen Charakters fehle, führte an den Technischen Hochschulen einerseits zu einer stärkeren Forderung nach Aufnahme allgmeinbildender Fächer, andererseits zu einer verstärkten Theoretisierung der einzelnen technischer Fächer. Die theoretische Durchdringung empirisch entwickelter Technik bildete für die Ingenieurprofessoren einen Weg zum Nachweis einer eigenständigen technischen Wissenschaftlichkeit.

Die verstärkte Forderung nach allgemeinbildenden Fächern wie Geschichte, Geographie, Sprachen, Literatur und Philosophie, wie sie auch in Aachen teilweise bereits in den siebziger Jahren durch den damaligen Direktor von Kaven eingerichtet wurden, sollte die soziale Stellung des Ingenieurs anheben. Er wollte unter den Gebildeten der Gesellschaft nicht länger als Parvenü und unberechtigter Eindringling angesehen werden, sondern vielmehr als der wesentlichste Träger und Förderer der neuen Kultur, wie Egon Zöller 1884 programmatisch über Die Bedeutung der Technik und des technischen Standes in der Kultur schrieb. Die Techniker verlangten nach sozialer Anerkennung als die Elite eines unaufhaltsamen Fortschritts und eine der wesentlichsten Stützen der wirtschaftlichen Macht des Staates.

Die Suche nach einer eigenständigen technischen Wissenschaftlichkeit in Konkurrenz zur traditionellen Universität steht in enger Beziehung mit den sozialen Aufstiegsbestrebungen der Techniker. Die soziale Stellung des Ingenieurs hing wesentlich auch von der akademischen Emazipation der Technischen Hochschulen ab. Und der beredteste Ausdruck dieses gesellschaftlichen Strebens nach Gleichberechtigung mit dem traditionellen, universitären Bildungsbürgertums war der Doktortitel. Bereits die erste Deligiertenversammlung aller deutschen Technischen Hochschulen hatte bereits Ende März 1880 in Dresden als Hauptergebnis ihrer Verhandlungen beschlossen: Es ist darauf hinzuwirken, daß den Technischen Hochschulen das Recht auf Verleihung des Doktorgrades zuerkannt wird. Und Wilhelm Launhardt, Rektor der Technischen Hochschule Hannover, sprach 1881 vom Sturmlauf zur Gewinnung einer den Universitäten ebenbürtigen Stellung.

Solche, auch von den technischen Vereinen beschlossene und unterstützte Forderungen, waren dabei weitaus klarer und weniger umstritten als etwa die Fragen einer mehr oder weniger wissenschaftlichen oder praxisbezogenen Ausbildung der Ingenieurstudenten. Eine Kritik, die speziell die Aachener Hochschule betraf, mag dies verdeutlichen:
Das Aachener Industriegebiet war zu jener Zeit mit seinen Hochöfen und Walzwerken in Lendersdorf, Eschweiler und Rothe Erde eines der großen Zentren deutscher Eisenverhüttung. Und es war den Vertretern der einheimischen rheinisch-westfälischen Eisen- und Metallindustrie gelungen, das zuständige Handelsministerium noch kurz nach Eröffnung der Hochschule von der Notwendigkeit einer Aachener Dozentur für Hüttenkunde zu überzeugen. 1871 wurde Ernst Friedrich Dürre (1834-1905) auf die Dozentur für Hüttenkunde und Probierkunst nach Aachen berufen. Bis 1897 vertrat Dürre allein das gesamte Gebiet der Hüttenkunde. War es auch nebem dem Zollvereinsländischen Eisenhüttenverein der Technische Verein für Eisenhüttenwesen als Vorläufer des späteren Vereins Deutscher Eisenhüttenleute (VDEh) gewesen, der maßgeblich auf die Errichtung dieser Aachener Dozentur hingewirkt hatte, so kam doch zugleich aus seinen Reihen Kritik an der praxisfernen Ausbildung speziell auch der Aachener Hochschule. Josef Schlink (1831-1893), Direktor der Friedrich-Wilhelms-Hütte in Mülheim/Ruhr, Redtenbacher-Schüler und später geistiger Vater der Zeitschrift Stahl und Eisen, hatte in einem Vortrag auf der Generalversammlung des Vereins Anfang Dezember 1877 in drastischen Worten bemängelt, im Vergleich mit der Technikerausbildung in England, Belgien und Nordamerika werde in Deutschland der Schwerpunkt der Technikerausbildung auf theoretische, bei unseren Nachbarn und Konkurrenten aber auf praktische Befähigung gelegt. Der junge Techniker werde zu sehr mit Kathederweisheiten vollgepropft, die er im späteren Berufsleben kaum gebrauchen könne. Man solle doch nicht versuchen, so Schlink, die technischen Fächer, die allein durch die Empirie groß geworden seien, nun in reine Wissenschaften umzuwandeln: Sofern wir eine Meinung über die den technischen Hochschulen zu gebende Richtung äußern dürfen, würde dies dahin lauten, daß man unbedingt auf den Anspruch verzichtet, fertig ausgebildete Techniker zu erziehen, vielmehr sich hauptsächlich darauf beschränkt, die Hülfs- und Grundwissenschaften tüchtig zu betreiben und die eigentliche Einführung in die Fabrikation der Praxis überläßt. Man sende uns Industriellen von der Schule junge Leute zu, welche in Mathematik, Mechanik, Physik, Chemie usw. sattelfest sind, den Hochofenwerken namentlich in qualitativer Analyse Geübte und den Maschinenfabriken insbesondere gute Zeichner, sowie in der darstellenden Geometrie Bewanderte. Das Andere wird sich in der Praxis bald finden.

Josef Schlink (1831-1893)

Josef Schlink (1831-1893)
Direktor der Friedrich-Wilhelms-Hütte in Mülheim/Ruhr und Kritiker einer zu theoretischen Ausbildung der Hüttenleute an den polytechnischen Schulen

(Bildquelle: VdEH)

Getragen war der ganze Vortrag von einem äußerst kritischen Unterton gegen die neuen Ingenieurprofessoren und ihren Wissenschaftsanspruch: Unserer Herren Professoren aber schwimmen lustig weiter - in technischen Zeitschriften, in Vereinen, bei staatlichen Vertretungen etc. etc., überall spielen sie die erste Flöte. Einer oder der Andere wird allerdings zuweilen etwas überlaut und macht dadurch das Publikum stutzig. Angespielt wurde hier offenkundig auf eine Kritik des Berliner Direktors der Gewerbe-Akademie Franz Reuleaux, die dieser 1876 auf der Weltausstellung im amerikanischen Philadelphia an den Produkten der deutschen Industrie geübt hatte. Reuleaux, als deutscher Juror auf der Weltausstellung tätig, hatte in einem offenen Brief, der am 27. Juni 1876 in der National-Zeitung veröffentlicht worden war, den deutschen Ausstellern Mangel an Geschmack im Kunstgewerblichen und Mangel an Fortschritt im rein Technischen vorgeworfen. Seine pointiert formuliertes Urteil: Deutschlands Industrie hat das Grundprinzip "billig und schlecht" wurde zu einem viel zitierten und umstrittenen "geflügelten Wort".

Reiner Daelen (1813-1887)

Reiner Daelen (1813-1887)
Vorsitzender des technischen Vereins für das Eisenhüttenwesen

(Bildquelle: VdEH)

Auch der technische Verein für das Eisenhüttenwesen, damals noch unter dem Vorsitz des gebürtigen Eupeners Reiner Daelens, von dem 1846 das Aachener Puddel- und Walzwerk Rothe Erde entworfen worden war, hatte sich entrüstet gegen Reuleaux's Kritik verwahrt. Der Stachel des Reuleaux'schen Verdikts saß bei manchem Industriellen tief und insbesondere Schlink beklagte noch Ende der siebziger Jahre nicht nur die praxisferne Ausbildung an den Technischen Hochschulen, sondern ebenso eine gewaltige Ueberproduktion an technischen Schulen und Professoren.
Man muß das Reuleaux'sche Verdikt allerdings auch vor dem Zeithintergrund betrachten. Die akademisch-wissenschaftliche Stellung der Technischen Hochschulen zumindest in Preußen war noch nicht geklärt. Ihre innere Verfassung wie ihre Lehrinhalte unterlagen noch einem ständigen, suchenden Wandel. Eigenständige wissenschaftliche Methoden hatten sich erst gerade zu formieren begonnen. Für die Berufsaussichten und die soziale Stellung der an den Technischen Hochschulen auszubildenden Ingenieure wirkte sich die schwere wirtschaftliche Depression in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre geradezu katastrophal aus, wenn die Industrie versuchte, die schwere wirtschaftliche Krise der Gründerzeit über Kostenreduzierung und Billigproduktion abzufangen. Die allgemeine und bei kleineren technischen Lehranstalten wie etwa der Aachener Hochschule bis an die Existenzgrenze sinkenden Studentenzahlen spiegeln diese Unsicherheit unter den angehenden Technikern entsprechend wieder. Reuleaux's Ruf nach "Klasse statt Masse", sein in der Kritik enthaltene Aufruf, über die technische Qualität statt über den Preis der Wirtschaftskrise zu begegnen, sollte schließlich eine fruchtbare Wirkung zeigen. Der 1887 in England erlassene, gegen deutsche Konkurenzprodukte gerichtete Merchandise Marks Act mit einer Kennzeichnungspflicht deutscher Waren als Made in Germany sollte sich, nicht zuletzt als Reflex der Reuleuax'schen Kritik, zu einem bis heute synonymen Begriff für Produktqualität entwickeln.

Zwischen Dürre, an dessen Kursen der Mülheimer Hüttendirektor seine Kritik exemplarisch belegt hatte und der ebenfalls ein führendes Mitglied des Vereins war, und Schlink entspann sich eine lange, mit Verve geführte literarische Auseinandersetzung über Art und Bedeutung der technischen Erziehung an den deutschen polytechnischen Schulen.
Zu Recht bemerkte Wilhelm Borchers (1856-1925), seit 1896 Dozent für Metallhüttenkunde und Elektrochemie in Aachen, 1920 rückblickend noch, daß sich manche der alten Probiermethoden in den Laboratorien der ... Technischen Hochschulen länger als in der Hüttenpraxis gehalten und der Schwerpunkt des Studiums auf den Technischen Hochschulen im Lehren, Lernen und Anwenden meist aus der Praxis stammender Erfahrungstatsachen gelegen hätte. Und gerade auch die Schwerindustrie, die maßgeblich am industriell-wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg beteiligt war, zeigt, daß entscheidende technische Durchbrüche, wie etwa die Massenproduktion von Stahl durch das Bessemer- oder das Siemens-Martin-Verfahren, eher von hüttentechnischen Praktikern als von der technischen Wissenschaft initiiert wurden. Gleichzeitig bereitete die zunehmend komplexe Problematik einer industriellen und arbeitsteiligen Massenproduktion aber auch den Boden für den Einsatz wissenschaftlich vorgebildeter und damit systematisch arbeitender Techniker. Denn um diese Zeit galten die Begriffe wissenschaftlich und systematisch weitgehend als synonym. Wissenschaftlichkeit an Technischen Hochschulen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beschränkte sich noch weitgehend darauf, technische Phänomene der industriellen Praxis systematisch zu beschreiben und stand erst am Anfang, sie auch theoretisch zu durchdringen. Entsprechend waren ihre Lehrmethoden: Neben dem Vortrag bildeten das technische Zeichnen, die Benutzung der ständig aktualisierten und ausgebauten Plan- und Modellsammlungen sowie die Exkursionen den einzigen Zugang zur Veranschaulichung technischer Funktionen und Abläufe und ihrer praktischen Demonstration .

Wilhelm Schulz (1841-1900)

Wilhelm Schulz (1841-1900)
Zwischen 1881 und 1900 Professor für Bergbaukunde an der Technischen Hochschule Aachen

(Bildquelle: Archiv RWTH Aachen)

Die ersten Aachener Ingenieurprofessoren waren vor ihrer Berufung praktizierende Techniker gewesen. Im Lehrbetrieb griffen sie zwar auf diese praktische Erfahrung zurück, waren zugleich aber auch darauf angewiesen, moderne technische Entwicklungen ständig zu rezipieren und die eigene Fachkompetenz zu aktualisieren. Neben der Fachliteratur und den technischen Vereinen, die dem Ingenieurprofessor den fachlich-informellen Kontakt mit den in der Praxis stehenden Technikern und Ingenieuren ermöglichten, dienten der Besuch der Industrieausstellungen und vor allem Studienreisen der notwendigen eigenen Weiterbildung. So nahm Gustav Herrmann (1836-1907), Aachener Professor für Mechanische Technologie, als Juror für textile Technik an der bereits angesprochenen Weltausstellung in Philadelphia teil. Als Berichterstatter besuchten im Januar 1876 die Aachener Professoren Adolf Wüllner (Physik), Hans Heinrich Landolt (Chemie), Robert Helmert (Geodäsie) und Wilhelm Stahl (Graphostatik) im Januar 1876 die Londoner Ausstellung für wissenschaftliche Apparate. Vor der Planung für das 1879 eingeweihte neue, chemische Laboratorium neben dem Hauptgebäude hatten der Architekt Franz Ewerbeck (1839-1889), der Bauingenieur Otto Intze (1843-1904), der Chemiker Hans Landolt und Ernst Friedrich Dürre als Eisenhüttenmann entsprechende Laboratorien in Berlin, Bonn, München, Wien, Budapest, Paris, London und Manchester besucht. Wüllner berichtete 1882 von der elektrotechnischen Ausstellung in München dem preußischen Kultusminister über die Versuche zur praktischen Anwendung der Elektrizität als Mittel der Energieübertragung über größere Entfernungen. Intze fungierte als Kommissar auf der Weltausstellung in Chicago 1894, die er zusammen mit Max Gutermuth (Maschinenbau), Gustav Herrmann und Wilhelm Schulz (Bergbau) besuchte. Über die Elektrochemie auf der Weltausstellung in Paris 1900 informierte auch der damals gerade neu berufene Ordinarius für Metallhüttenkunde und Elektrometallurgie an der Aachener Hochschule Wilhelm Borchers in einer eigenen Schrift. Zusammen mit Intze gehörte er zu den deutschen Juroren der Ausstellung. Den Mineralogen und Petrographen Andreas Arzruni (1847-1898) führten seine Studienreisen in seine russische Heimat, nach Armenien, in den Kaukasus und den Ural. Ernst Friedrich Dürre, Verfasser des Katechismus der allgemeinen Hüttenkunde (1877), berichtete ausführlich über seine Studienreisen ins nordfranzösische Industriegebiet, nach England oder als Berichterstatter des VDI über das Eisenhüttenwesen von der Wiener Weltausstellung. Der spätere erste Rektor der Aachener Hochschule Adolf von Gizycki etwa veröffentlichte in den Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes seine Ergebnisse einer Studienreise in England und Schottland, in deren Rahmen er sich neben der Schwerindustrie und dem Schiffbau im wesentlichen auch mit dem technischen Schulsystem der britischen Inseln beschäftigt hatte.

[wird fortgeführt ...]