Handel, Banken, Geld

Die "Arisierung" der Privatbanken im Dritten Reich

Köhler, Ingo: Die "Arisierung" der Privatbanken im Dritten Reich. Verdrängung, Ausschaltung und die Frage der Wiedergutmachung (=Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 14), München 2005.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Christopher Kopper, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Universität Bielefeld.

Dem Autor Ingo Köhler ist es in seiner quellengesättigten und materialreichen Dissertation gelungen, die schleichende Verdrängung der jüdischen Privatbanken in der Zeit des Nationalsozialismus auf eine beeindruckende weise zu beschreiben, zu analysieren und zu typisieren. In seiner Arbeit untersucht Köhler die Handlungsräume der staatlichen Träger der Bankenpolitik, zu denen nicht nur die regulären Instanzen wie die Reichsbank, das Reichswirtschaftsministerium und die staatliche Bankenaufsicht, sondern auch die nazifizierten staatlichen Mittelinstanzen wie die Landesregierungen, Oberpräsidenten und das mittlere Funktionärskorps der NSDAP wie die Gauwirtschaftsberater gehören. Danben untersucht Köhler auch die Handlungsspielräume, die den jüdischen Bankiers vor dem Hintergrund einer zunehmend radikaleren und immer stärker diskriminierenden antisemitischen Politik noch blieben.

Dem Autor gelingt es, alle dokumentierten und dokumentierbaren „Arisierungen“ jüdischer Privatbanken im „Altreich“ zu erfassen, zu beschreiben und auf der Basis seiner Quellen zu typisieren. Auf der Grundlage eines stupenden Aktenstudiums – der Autor hat 40 (!) Archive besucht – erarbeitet Köhler im ersten Schritt eine umfangreiche empirische Bestandsaufnahme der jüdischen Privatbanken vor, während und nach dem Abschluss des Arisierungsprozesses. In einem zweiten Schritt untersucht Köhler den Wandel der institutionellen Rahmenbedingungen, unter denen sich die jüdischen Privatbanken letztlich vergeblich zu behaupten versuchten. In einem dritten Schritt demonstriert Köhler bei einer typisierenden Fallstudienanalyse der Arisierungen seine große Sachkenntnis bankbetrieblicher Prozesse. Er entwickelt eine überzeugende Methodik, mit der er den Verlauf und die Ergebnisse von „Arisierungen“ fundiert bewertet. Anhand seiner Fallstudien untersucht er, inwiefern sich die „arisierenden“ Banken und Bankiers im Rahmen der gesetzlichen und administrativen Rahmenbedingungen der antijüdischen Wirtschaftspolitik fair verhielten und die kaufmännischen Standards einhielten oder die Notlage der jüdischen Eigentümer bewusst ausnutzten, um sich ungerechtfertigte finanzielle Vorteile zu verschaffen.

Köhler zeigt, dass es bis einschließlich 1936 keine systematische Verfolgungspraxis gibt, mit der jüdische Banken gezielt aus dem Geschäft gedrängt wurden. Die unsystematischen Diskriminierungen durch fachlich nicht zuständige staatliche Instanzen und der Rückzug zahlreicher nichtjüdischer Kunden blieben jedoch nicht ohne Wirkung gerade für kleinere und durch die Bankenkrise geschwächte Banken. Ab 1936 bildete sich aufgrund der gezielten Verfolgung durch die Devisenfahnder der Gestapo und des Arisierungseifers der staatlichen Mittelinstanz ein zunehmender Kriminalisierungs- und Verfolgungsdruck. Bereits vor dem Beginn der offensiven Diskriminierungspraxis des Reichswirtschaftsministeriums sah sich die Mehrzahl der jüdischen Privatbanken zur Liquidation oder zur Besitzübertragung („Arisierung“) in nichtjüdische Hände gezwungen.

Die Bedeutung dieser Arbeit geht weit über das engere Feld der Bankengeschichte hinaus. Ingo Köhlers Buch leistet einen wichtigen Beitrag, um die komplexen institutionellen und ökonomischen Prozesse bei der Verdrängung jüdischer Unternehmen und bei der Enteignung jüdischen Besitzes zu verstehen.