Erste Ausgabe des Deutschen Normal-Profil-Buches für Walzeisen.
(Quelle: Bibliothek RWTH Aachen)

Mit dem Übergang der preußischen Polytechnika in den Ressortbereich des Kultusministers und der Verfassungsreform zur Technischen Hochschule 1880 deutete sich auch eine Wandlung im Selbstverständnis und der Rolle der Aachener Anstalt an.
Unter dem Druck sinkender Studentenzahlen, aber mit einem ersten Schritt zur Konsolodierung einer rechtlichen Eigenständigkeit und Angleichung an die Universitäten trat die neue Hochschule in den nächsten Jahrzehnten zunehmend aus der rein deskriptiven Vermittlung technischer Lehrinhalte heraus und stellte Stadt und Wirtschaft die eigene technische Sachkompetenz zur Verfügung. Den Anfang einer auch forschenden Tätigkeit im unmittelbaren technischen Anwendungsbereich bildete die Teilnahme der Aachener Hochschule an der Düsseldorfer Gewerbeausstellung im Jahre 1880. Auf Antrag des Niederrheinischen und des Aachener Bezirksvereins Deutscher Ingenieure hatte die Ausstellungsleitung eine Prüfungskommission zur wissenschaftlichen Untersuchung des Wirkunsggrades der ausgestellten Betriebsdampfmaschinen unter Leitung des Aachener Maschinenbauprofessors Hugo von Reiche berufen. Außer von Reiche gehörten diesem Ausschuß noch drei Zivilingenieure aus Düsseldorf, Stolberg und Kohlscheid und der Aachener Lehrstuhlinhaber für Technische Chemie und Hüttenanlagen Friedrich Stahlschmidt (1831-1902) an. Neben den eigenen Assistenten unterstützte zudem Adolf von Gizycki als Kollege von Reiches die praktischen Experimente. Von Reiche war vor seiner Berufung nach Aachen 1874 als Oberingenieur des Sächsisch-Anhaltinischen Dampfkessel-Revisionsvereins tätig gewesen. Für die Aachener Stelle hatte er sich nachdrücklich durch seine Veröffentlichungen über Maschinenfabrikation bzw. Anlage und Betrieb von Dampfkesseln und sein zweibändiges Werk Der Dampfmaschinen-Konstrukteur empfohlen. Als Mann der Praxis war sich von Reiche durchaus der technischen Schwierigkeiten einer solchen Untersuchung bewußt und scheute sich nicht, die Unterstützung eines so renommierten Spezialisten wie die Johann Friedrich Radingers vom Polytechnischen Institut in Wien zu erbitten, der für die Kommission die Auslegung der erforderlichen Bremszäune für die Leistungsmessung der Maschinen berechnete. Von Reiches Fragestellungen orientierten sich ganz im Sinne der Gründungsintentionen polytechnischer Anstalten an betriebswirtschaftlichen Erwägungen und lauteten folglich sehr pragmatisch:
Obwohl alle Beteiligten mit großem Engagement an die Untersuchung gingen, verschwieg von Reiche in seinem schriftlichen Bericht Die Untersuchungen an Dampfmaschinen und Dampfkesseln und an einigen Rheinischen und Westfälischen Kohlensorten ... keineswegs die technischen Schwierigkeiten, für alle Maschinen auch nur halbwegs gleiche, und damit vergleichbare Untersuchungsbedingungen herzustellen. Mal waren es technische Unzulänglichkeiten (Am meisten Last hatte die Commission mit den Regulatoren; sie taugten fast alle Nichts.), mal die Unbilden der Natur (Kam ein Gewitterregen, dann regnete es wohl in die Gefässe, in denen das Speisewasser gemessen und gewogen wurde, und der Versuch war damit zu Ende;), die verwertbare Untersuchungsergebnisse verhinderten. Die praktischen Schwierigkeiten, mit denen die Untersuchungskommission kämpfen mußte, waren also in der Tat nicht gering, und sie ist sich bewußt, dass es nicht ihre Schuld war, wenn sie in einzelnen Fällen diesen Schwierigkeiten unterlag und ganze Reihen von mühsam gewonnenen Versuchsdaten streichen und auf andere Versuche verzichten mußte, beschrieb von Reiche diesen ersten hochoffiziellen Kontakt der Aachener Ingenieurwissenschaft mit der technischen Praxis. Doch trotz aller Schwierigkeiten wurde die hier angeknüpfte Verbindung von technischer Wissenschaft und praktischer Anwendung als so bedeutend und wichtig empfunden, daß noch siebzehn Jahre später der damalige Rektor Otto Intze 1897 bei der Eröffnung des Bergbau-Gebäudes an der heutigen Wüllnerstraße die Düsseldorfer Ausstellung als Zeichen dafür feierte, daß die Industrie der Rheinlande und Westfalens bereits damals gesunde Wurzeln in ihrer technisch-wissenschaftlichen Grundlage besaß.
Dennoch riß von nun an die Verbindung der Technischen Hochschule zur technisch-industriellen Praxis des rheinisch-westfälischen Wirtschaftsraumes nicht mehr ab. Eine wesentliche Gesprächsplattform zwischen den Ingenieurwissenschaftlern der Aachener Hochschule und den regionalen Industriellen und Zivilingenieuren bildete dabei das technische Vereinswesen.

Erste Ausgabe des Deutschen Normal-Profil-Buches für Walzeisen.
(Quelle: Bibliothek RWTH Aachen)
Nachdem Otto Intze bereits 1877 im Auftrag des Aachener VDI-Bezirksvereins Tabellen und Beispiele für eine rationelle Verwendung von Eisen zu einfachen Baukonstruktionen veröffentlicht hatte, erhielten die beiden Aachener Bauingenieurprofessoren Friedrich Heinzerling und Otto Intze vom Verband Deutscher Architekten und Ingenieurvereine, vom Verein Deutscher Ingenieure und dem Verein Deutscher Eisenhüttenleute den Auftrag, unter Mitarbeit unter anderem des späteren Generaldirektors des Aachener Hütten-Aktiens-Vereins zu Aachen-Rothe Erde Fritz Kintzlé (1852-1908) und zeitweiliger Beteiligung des Aachener Hüttenkundlers Ernst Friedrich Dürre ein erstes Deutsches Normalprofil-Buch für Walzeisen zu Bau- und Schiffbau-Zwecken herauszugeben. 1881 legten Intze und Heinzerling die erste Auflage ihres Normenbuches vor. Die in diesem Buch vorgegebenen Normen für Profileisen hinsichtlich Abmessungen und Belastung setzte sich so schnell durch, daß in schneller Folge bis zur Jahrhundertwende fünf überarbeitete, den technischen Entwicklungen bei der Stahl- und Eisenproduktion Rechnung tragende und angepaßte Neuauflagen erschienen.
Ebenfalls mit Problemen der Normung beschäftigte sich der Aachener Hütten-Maschinenkundler Johannes Lüders (????) in einem entsprechenden Ausschuß des VDI, der der Feststellung der Normen zur Untersuchung von Dampfmaschinen und Dampfkesseln diente, während Adolf von Gizycki und Gustav Herrmann jenen Ausschüssen angehörten, die sich allerdings ohne einschneidendes Ergebnis mit der Normung von Gewindesystemen bzw. mit der Frage der Entwertung der Maschinen durch den Betrieb befaßten.
Gerade innerhalb des Aachener Bezirksvereins waren Aachener Hochschullehrer immer wieder an der technischen Lösung industriell-anwendungsorientierter Fragen beteiligt. 1880 bildete der Verein einen Ausschuß unter Leitung zunächst von Gizyckis, später unter Leitung des Ordinarius für Theoretische Maschinenlehre und Kinematik Ludwig Pinzger, der die Prüfung neuer Erfindungen vornehmen und Empfehlungen über ihre allgemeine technische Verwendbarkeit aussprechen sollte. In Ermangelung einer eigenen Versuchsstation, befürwortete dieser Ausschuß, wenn im westlichsten Teile Deutschlands eine allgemeine Versuchsanstalt in Verbindung mit dem dem hiesigen Polytechnikum errichtet würde.

Für den Aachener Kommerzienrat Carl Mehler baute Otto Intze eine Maschinenfabrik.
Nach Aufforderung des Vorstandes des Hauptvereins
beschäftigte sich nach 1883 ein Ausschuß des Aachener
VDI-Bezirksverein über viele Jahre unter Vorsitz Otto Intzes
mit der Verhütung von Wasserschäden und besserer
Ausnutzung des Wassers.
Offenkundig aus dieser Arbeit heraus, begann die intensive
Beschäftigung Intze mit dem Wasserbau, die ab Ende der 80iger
Jahre im preußischen Staatsauftrag zu Intzes großen
Untersuchungen über die Wasserverhältnisse Ostpreussens,
Schlesiens, des bergischen Landes und der Rur führte, und
schließlich folgerichtig im Bau bzw. der Planung von mehr als
fünfzig Talsperren gipfelte, von denen die Urfttalsperre,
gebaut von der auf Anregung Intzes gegründen
Rurtalsperren-Gesellschaft, mit einem
Fassungsvermögen von mehr als 45 Mio. Kubikmetern die damals
größte Talsperre in Europa war.
Im Frühjahr und Sommer 1883 baute Intze für den Kommerzienrat Carl Mehler, einem Freund und Nachbarn Karl Henricis, eine Maschinenfabrik in Aachen, die neben den Werkstattgebäuden der Gute-Hoffnungs-Hütte in Sterkrade, der Kanonenwerkstatt V von Krupp in Essen, der Elbeschiffswerft Uebigau bei Dresden oder der erdbebensicheren Zuckerfabrik Concepcione bei Valparaiso zu seinen Fabrikbauten der ersten Schaffensphase gehören, bei denen es sich vorwiegend noch um Hochbauten handelt. In diese Zeit fällt auch die Entwicklung einer speziellen Konstruktion von Wasser-und Gasbehältern, die sich dadurch auszeichnete, daß sämtliche, bei einer schnellen Befüllung bzw. Entleerung solcher Behälter auftretenden Horizontalkräfte durch die spezielle hohlkugelige Bodenform und einen Auflagering des eigentlichen Behälters in Vertikalkräfte umgewandelt wurden. Aufgrund dieser statisch neuen Konstruktionsform war es möglich, bei gleicher Sicherheit solche Behälter mit weitaus weniger Materialaufwand zu bauen. Die wirtschaftliche Ausnutzung dieses Intze'schen Patents lag vorwiegend bei der Fa. F.A. Naumann (Aachen und Eschweiler), die im In- und Ausland bis zum Ende des Jahrhunderts mehr als fünfhundert der nach dem System und Berechnungen von O. Intze gebauten Behälter in einer eigenen Festschrift nachwies.

Festschrift der Fa. F.A. Neumann (Aachen und Eschweiler) über die nach dem Prinzip Otto Intzes gebauten Gas- und Wasserbehälter aus dem Jahre 1902.
Neben Intze ist vor allem auch Friedrich Heinzerling zu nennen, der nicht allein durch die von ihm initiierte Gründung des Aachener Gewerbevereins wirkte und für dessen Gewerbeausstellung 1887 auch eine hölzerne Ausstellungshalle am Friedrich-Wilhelm-Platz baute. Bedeutsam wurde Heinzerling neben seinen Forschungen zum Brücken und Fabrikbau vor allem auch für das gewerbliche Schulwesen. Nicht allein, daß aus dem Gewerbeverein heraus sich die kaufmännisch-gewerblichen Schulen der Stadt Aachen entwickelten, Heinzerling, der erst an seinem achtzigsten Geburtstag im Jahre 1904 aus der Hochschule ausschied und in den Ruhestand trat, gehörte auch zu den Mitbegründern der mit Mitteln der heimischen Industrie gegründeten und am 1. Oktober 1883 eröffneten Webschule für die Wollenindustrie in Aachen, die später, nachdem der preußische Staat sich finanziell am Unterhalt der Schule beteiligte, als Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie firmierte.

Friedrich Stahlschmidt (1831-1902), Aachener Lehrstuhlinhaber für Technische Chemie und Hüttenanlagen.
(Bildquelle: RWTH Aachen)
Im Rahmen seiner Vorlesungen über mechanische Technologie trug Gustav Herrmann dem damals bedeutendsten Zweig der Aachener Industrie, der Tuchherstellung durch einen eigenen Kurs Rechnung, in dem der gesamte Produktionprozeß der Textilherstellung gelehrt wurde, während Friedrich Stahlschmidt durch entsprechende Vorträge auf die regionale Zuckerherstellung bzw. Gärungschemie, sprich Bierbrauerei einging.
Adolf Wüllner, Physikprofessor der Technischen Hochschule
erhielt zu Beginn des Jahres 1883 von der
wissenschaftlich-technischen Abteilung der
Wetter-Commission der preußischen Bergbaubehörde
einen Forschungsauftrag zur Untersuchung der Entzündbarkeit
explosiver Grubengasgemische durch glühende Drähte und
elektrische Funken. Die Kommission erhoffte sich Antwort auf die
Fragen:
1. Wie verhalten sich hinsichtlich der Zündung der
Schlagwetter glühende Drähte verschiedener Metalle von
verschiedener Stärke bei verschiedenen Temperaturen?
(...)
2. Wie verhalten sich Funken von Stahl und Stein (Feuerstein,
Schwefelkies)?
3. Wie verhält sich der Funke bei verschiedener
Intensität?
Am 22. April 1885 versammelte sich die Kommission in Aachen, um
sich über die Ergebnisse der Experimente, die Wüllner
zusammen mit seinem Assistenten, dem Physiker Otto Lehmann
(1855-1922) durchgeführt hatte, zu informieren.

Karl Henrici (1842-1927) lehrte an der Aachener Hochschule Architektur und Kunstgeschichte und war in Aachen als Architekt und Stadtplaner tätig.
(Bildquelle: RWTH Aachen)
Darüber hinaus gab es auch auf der kommunalpolitischen Ebene eine rege Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern der Technischen Hochschule und der Stadt. Seit Adolf Wüllner, der am 10. Dezember 1889 als Stadtverordneter (2. Abtlg.) in den Aachener Stadtrat eingezogen war, gehörte zu Zeiten des Kaiserreichs immmer ein TH-Professor diesem Gremium an. Nach Wüllners Tod folgten ihm die Altrektoren Ludwig Bräuler (1845-1928) und August Hertwig (1872-1955) als Stadtverordnete. Neben Wüllner und Bräuler, die aufgrund ihres Stadtverordnetenmandates jeweils in mehreren städtischen Komitees aktiv waren, gehörten die Professoren Gutermuth, Holzapfel, Intze und Schulz der Kommission für das Wasserwerk und seit 1892 die Professoren Heinrich Damert und Friedrich Heinzerling zusammen mit Wüllner bzw. später Bräuler dem Schulvorstand der gewerblichen Schulen an, der damit mehrheitlich mit TH-Angehörigen besetzt war. Der erste Ordinarius für Elektrotechnik in Aachen Otto Grotrian (1847-1921) war ab etwa 1898 technisches Mitglied des städtischen Beleuchtungsausschuß. Zwischen 1906 und 1910 gehörte er dann zusammen mit dem Geologen Arthur Dannenberg (1845-1946) und Ludwig Bräuler der Kommission für Elektrizität, Gas und Wasser an und stellten ihr technisches Sachwissen etwa in der Frage des Baues eines Kraftwerkes in der Goebbelgasse oder bei der Elektrifizierung der Stadt etc. zur Verfügung. Eine genaue Beurteilung der Bedeutung dieses Ausschusses ist insofern schwierig, da seine Verhandlungen nur mündlich erfolgten und somit nur unzureichend dokumentiert sind. Zeitweise zählte ebenfalls Grotrians Fachkollege Gustav Rasch (1863-1939), der zwischen 1902 und 1905 zudem den städtischen Kommissionen für Kleinbahnangelegenheiten und Musik angehörte, zu den Mitgliedern dieses Ausschusses. Den Unterausschuß zur Erhaltung historischer Bauwerke unterstützten nach der Jahrhundertwende Karl Henrici und Georg Frentzen als sogenannte Kunstbeiräte. Darüber hinaus wurden Hochschulangehörige auch als Gutachter der Stadt aktiv, wenn etwa die Professoren Bräuler und Henrici die "Gutachterliche Äußerung des Vereins zur Wahrung der Interessen der Bürgerschaft Aachens in der Eisenbahnfrage" im Dezember 1897 verfaßten.
Inwiefern aber profitierten nun die Studenten von diesen
vielfachen und hier nur grob skizzierten Verbindungen der Aachener
Professorenschaft zur regionalen Wirtschaft. Zwar war auch
weiterhin der Demonstrationsvortrag das bevorzugte Mittel des
professoralen Unterrichts. Aber aufgrund der Kontakte ihrer Lehrer
ergab sich für die Studenten nicht nur im Rahmen von
Exkursionen die Möglichkeit, Maschinenfabriken,
Hüttenanlage und Bergwerke zu besuchen. So durften
beispielsweise Studenten des 1880 eingerichteten Bergfaches und des
Markscheidewesens seit 1903 ausdrücklich alle Gruben, die zum
Verein für die bergund hüttenmännischen
Interessen des Aachener Bezirks gehören, auch ohne
Begleitung der Docenten befahren, wie es im
Vorlesungsverzeichnis 1903/04 hieß
.
Die deskriptive und mit Anpruch auf Wissenschaftlichkeit durch
theoretische Durchdringung heischende Phase findet ihr Ende mit der
Einrichtung der ersten Laboratorien um die Jahrhundertwende. Der
Ruf nach einer mehr praktischen Ausbildung der Studenten ist auch
Reflex einer aus der Industrie kommenden Forderung nach mehr
Praxisbezug. Die hochschulpolitischen Entwicklungen, die zu dieser
Forderung führen, gilt es zunächst zu skizzieren.
[wird fortgesetzt ...]